16 18/02

"Rudolf Thome - Überall Blumen" von Serpil Turhan

Rudolf Thome – ausgesprochen mit Betonung auf dem "e": Kennt den heute noch jemand? Vor über 15 Jahren habe ich seinen Film Paradiso – Sieben Tage mit sieben Frauen gesehen – ich war allein im Kinosaal gesessen. Sein letzter Film Ins Blaue: Das war eine Lowbudget-Reiseliebesfilmimfilmstory in Italien, in dem zuviel Philosophie vorkam. Seither kriegt er keine Finanzierung mehr zusammen. Seine Assistentin und gelegentliche Darstellerin Serpil Turhan porträtiert in Rudolf Thome - Überall Blumen den Filmemacher: Denn der hat mit einigen Filmen das deutsche Kino sehr vorangebracht; und versucht bis zu seinem Tod, weiter zu drehen.


(Filmstill aus Rudolf Thome - Überall Blumen; Copyright: Luzid Film)

Hanns Zischler, Bruno Ganz, Hannelore Elsner, Hannah Herzsprung: Wieviele Leute bei ihm schon die Zähne geputzt haben! Jeder putzt anders, das will er zeigen: "Ich finde das sehr lustig." Sonnenuntergänge dagegen hat er nie gefilmt: Das machen nur Anfänger. "Rote Sonne": Das war ein Sonnenaufgang, sowas muss man zeigen: Da muss man früh aufstehen. Sonnenuntergänge betrachtet er jetzt auf seinem Bauernhof, den er liebevoll renoviert hat. Gäbe es nicht die Abstellkammer mit den verrosteten Filmdosen und dem Krempel von der Ausstattung, man würde nicht auf die Idee kommen, in ihm einen Filmemacher zu sehen.

Er filmt, er kann nicht anders. Auch wenn er kein Geld hat. Dann filmt er Rotschwänzchen beim Füttern ihrer Jungen, dann filmt er Schmetterlinge. Und freut sich, wenn er auf Vimeo ein Like bekommt. Er schreibt ein Drehbuch, mit Füllfederhalter auf Papier – seine Gedanken werden zu einer Geschichte. Die scannt er ein und stellt sie auf seinen Blog: Er hofft auf eine Crowdfunding-Finanzierung. Serpil Turhan begleitet ihn beim Prozess, seinen Film Überall Blumen vielleicht irgendwie hinzukriegen. Und sie begleitet ihn in den Garten. Denn das bleibt als zweites: Man muss seinen Garten bestellen. Die Rhododendron-Blüten schneiden. Den Teich säubern. Frösche einfangen, mähen, Schneeglöckchen umpflanzen. Zwischendurch bloggen. Und Fahrradfahren. Ziel: Bis er 80 ist, könnte er 10.000 Kilometer schaffen.


(Filmstill aus Rudolf Thome - Überall Blumen; Copyright: Luzid Film)

Der Film lebt in seiner Gegenwart, von Thome vor der Kamera, in seinem Leben. Ein Leben, das er für die Kamera nachspielt, "Ich kann nicht vergessen, dass die Kamera läuft. Ich kann aber so tun – das ist dann schon wieder gespielt." Soll er den Spiegel putzen, bevor er sich rasiert, oder soll alles sein wie immer? Welche Straßenseite soll er zuerst kehren? Wir sehen einen, der filmen muss, um nicht zu sterben, der sein Alter wahrnimmt, der sein Leben eingerichtet hat, der gefallen will. Die Liebe, sie soll ihm begegnen von den Zuschauern seiner Filme. Und immerhin: Detektive, Rote Sonne, Supergirl gelten als Klassiker des deutschen Kinos, Schwabingfilme, Junger Deutscher Film.

Das höchst Angenehme an Rudolf Thome - Überall Blumen ist die vollkommene Abkehr von der Konvention eines dokumentarischen Porträts. Seine Filmographie: Die wird nebenbei erzählt durch die Filmklappen, die er gesammelt hat; was seine Filme ausmacht: Thome zitiert eine Würdigung durch Professor Norbert Grob. Filmausschnitte – sonst der goldene Weg zur Annäherung an ein Werk – gibt es exakt zwei: Thome sieht sie sich an auf Laptop und TV, sie werden mittelbar gezeigt, kurz und vor allem, um noch einmal Marquard Bohm zu gedenken. Warum macht er weiter? "Erstens: Ich weiß, dass ich ein sehr guter Filmemacher bin", sagt er, "zweitens: es ist ein Kampf gegen den Tod". Nach dem Film ist für ihn immer vor dem Film, und wenn einer nicht zustande kommt, dann vielleicht der Nächste. Vielleicht muss man sich Rudolf Thome als glücklichen Menschen vorstellen.

(Harald Mühlbeyer)

Rudolf Thome - Überall Blumen läuft noch einmal am Samstag (20.02.) um 19.00 Uhr im Kino Arsenal und am Sonntag (21.02.) um 14.00 Uhr in der Akademie der Künste.

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