16 18/02

"Little Men" von Ira Sachs

Für Heranwachsende ist Veränderung Normalität, sie erleben sie jeden Tag an sich selbst. Regisseur Ira Sachs überprüft mit Little Men, ob ein Wert darin liegt, gesellschaftliche Prozesse durch die spielerisch und naiv suchenden Augen von Jugendlichen zu betrachten. In seinem sechsten Langfilm vermengt er die Struktur eines Coming-of-Age-Dramas mit dem Themenkomplex der Gentrifizierung. Dabei geraten zunehmend nicht nur zwei Familien, sondern gleich ganze Wertsystem aneinander.


(Bild aus Little Men von Ira Sachs; Copyright: Eric McNatt)

Die Diskussion um steigende Mietpreise spielt sich zunächst nur am äußeren Rande der Wahrnehmung von Jake Jardine (Theo Taplitz) ab. Der introvertierte Teenager lebt mit seinen Eltern in Manhattan, in seiner Freizeit malt und zeichnet er am liebsten. Sein Vater Brian (Greg Kinnear) ist Schauspieler, hat aber nie den großen Durchbruch geschafft, seine Mutter Kathy (Jennifer Ehle) ernährt als Psychotherapeutin ihre Familie. Als Großvater Max verstirbt und dadurch seine geräumige Wohnung in Brooklyn frei wird, beschließen die Jardines kurzerhand dort einzuziehen. Zu der geerbten Immobilie gehört auch ein traditionelles Bekleidungsgeschäft, das Leonor Calvelli (Paulina Garcia) allen Veränderungen im Viertel zum Trotz seit Jahren unbeirrt weiterführt.

Zunächst scheint einem freundlichen Nebeneinander nichts im Weg zu stehen. Jake versteht sich hervorragend mit Leonors aufgeschlossenem Sohn Tony (Debütant Michael Barbieri). Die beiden Dreizehnjährigen teilen eine Liebe für Videospiele und nach einer Weile auch die Ambition, die prestigeträchtige LaGuardia High School zu besuchen. Tony möchte Schauspieler werden und castet Jake in die Rolle des besten Freunds. Doch ihr Glück währt nicht lange: Geldsorgen plagen die Jardines und Leonor hat bislang deutlich weniger Miete bezahlt, als nötig wäre. Der Streit der Eltern stellt auch die Beziehung zwischen den beiden Jugendlichen auf eine harte Probe.

Little Men avancierte auf dem amerikanischen Sundance-Festival zum Hit, aufgrund seiner vertrauten Indie-Ästhetik kann das Drama diese Herkunft zu keiner Sekunde verbergen. Wo der intime, persönliche Blick jedoch sonst oft dazu führt, dass Figuren wie in Close-Ups eingeschlossen wirken, ist er hier nur folgerichtig: Jake sieht nicht das große Ganze, sondern vor allem seine Kunst, seine Freundschaft und seine Familie. Er wächst, körperlich und mental, gemeinsam mit der Einstellungsgröße. Erst zum Ende hin ist New York wirklich in der Totalen zu sehen.


(Bild aus Little Men von Ira Sachs; Copyright: Eric McNatt)

Der ganze Film ist erfüllt mit solchen kleinen Wandlungsprozessen. Tonys Traumberuf ist vor allem ein permanenter Prozess der Adaption. In einer besonders eindrucksvollen Szene trainiert er zusammen mit seinem Schauspiellehrer das Imitieren und Weiterführen von Dialog. Das Hin und Her der Darsteller, die sich langsam immer näherkommen und einander dabei zunehmend lauter anbrüllen, wird zu einer Miniatur der Stadt, die sie umgibt. Und Jakes Lehrer bespricht im Unterricht Annabell Lee von Edgar Allen Poe. Das gotische Horrorgedicht über einen Mann, der nicht von seiner längst verstorbenen Geliebten ablassen kann, wird zum Extrembeispiel für blinde Verweigerung gegenüber dem Fortschritt. Darüber hinaus erfassen Zeilen wie "But our love it was stronger by far than the love / Of those who were older than we" treffend den schwelenden Generationenkonflikt des Dramas.

Sowohl beim Erwachsenwerden als auch bei der Gentrifizierung stellt sich die Frage, was es zu bewahren gilt. Welche Veränderung ist wirklich ein Fortschritt, welche Tradition hat mehr zu bieten als nur die Macht der Gewohnheit? Zunächst scheint eine eindeutige Trennung zwischen den Jardines und den Calvellis zu bestehen: Die einen Baumbach-Figuren, die anderen eher Scorsese. Auf der einen Seite wird primär mit dem Geist gearbeitet, auf der anderen mit den Händen. Leonor verspottet Brian, weil seine Ehefrau mehr verdient als er, ein Angriff auf seine Männlichkeit. Währenddessen ist ihr Mann (nur ein Cameo-Auftritt: Alfred Molina) nahezu nie anwesend.

Sachs gefällt es, feine Unterschiede langsam zu klaffenden Abgründen auszuweiten. Seine dramatische Geschichte mit umso schwerwiegenderen Implikationen erzählt er mit einer angenehmen Beiläufigkeit. Selten sucht er die Zuspitzung und die wogenden Emotionen, sondern lässt Drama und Konflikt organisch aus Gesprächssituationen erwachsen. Gerade dadurch, dass die Teenager-Figuren sich auf sehr künstlich Weise reif und eloquent geben, wirken sie greifbar und natürlich. Taplitz und Barbiere sind beide in einem Alter, in dem ihr Schauspiel langsam von kindlicher Intuition in professionelle Kalkulation umschlägt. Doch dadurch, dass Barbiere und seine Leinwandversion einander so ähneln, liegt in ihrem Spiel die wundervolle Ungewissheit, was Selbstdarstellung und was Technik ist. Ihre erwachsenen Kollegen agieren anders und gerade das hebt Sachs immer wieder hervor – vor allem bei der Frage, wie sie auf den Wandel reagieren.

Der Film endet auf einer bittersüßen Note, in der sich die Sogkraft von sozialen Schichten und die Illusion der amerikanischen Aufstiegsmobilität wiederspiegelt. Die kindliche Offenheit entpuppt sich als Übergangsstadium, an dessen Ende die Reproduktion der immer gleichen Verhältnisse steht. Würde man sie nicht durch die Augen eines Heranwachsenden betrachten, müsste man das für ein großes Unglück halten.

(Lucas Barwenczik)

Little Men läuft noch am Samstag (20.02.) um 17.00 Uhr im Cubix und am Sonntag (21.02.) um 10.00 Uhr im HKW.

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