16 21/02

"Le Fils de Joseph" von Eugène Green

Vincent ist einer der Jugendlichen, die sich als Wandschmuck Caravaggios Opferung Isaacs ins Jugendzimmer hängen. Isaac in Todesangst, Abraham mit dem riesigen, glänzenden Messer über ihm, aus seinem Gesicht spricht die Entschlossenheit, er hat schließlich Gottes Wort gehört. Eugène Greens Le fils de Joseph ist ein Vater-Sohn-Film, der sein Thema auf ganz eigentümliche Weise angeht: Als Geschichte einer Vatersuche, die eigentlich fast schon sehr einfach gehalten ist, – und als philosophisch-theologischer Essay über Herkunft und Weitergang, mit fein eingebauten Anspielungen und Motiven aus Bibelexegese und Kunstgeschichte.

(Filmstill aus Le Fils de Joseph (Copyright: Berlinale 2016))

Vincent hat keinen Vater. Behauptet seine Mutter. Also geht er ihn suchen und wird fündig: Mathieu Amalric spielt diesen Oscar Pormenor, ein Literaturgott und Arschloch vor dem Herrn, der außer sich selbst nichts gelten lässt. Details wie die Anzahl seiner Kinder interessieren ihn nicht, zumal wenn er gerade dabei ist, seine Sekretärin zu vögeln. Seinen Bruder lässt er abblitzen, der soll erstmal was aus seinem Leben machen, bevor er ihn um Geld anbettelt. Vincent kriegt das mit, er hat sich einen Schlüssel besorgt für das Verlegerbüro, bekommt alles mit und einen kleinen Anfall, inspiriert von dem Gemälde in seinem Zimmer …

Dass er den Bruder von Oscar trifft, sich mit diesem Joseph anfreundet, in ihm den verlorenen Vater sieht, versteht sich von selbst. Einmal aus dem Filmtitel. Aber auch, weil Vincents Mutter Marie heißt. Doch diese Handlungsseite ist nur dieses Filmes. Die andere ist die Form, und die ist bei Eugène Green bemerkenswert, weil höchst eigenwillig. Die Figuren sind hingestellt vor die Kamera, der Sprachduktus ist gestelzt, ihre Rede ist deklamiert: Ein posierendes Rezitieren, oft frontal an den Zuschauer gerichtet, erzeugt eine Künstlichkeit der Ästhetik, die irgendwo zwischen Brechtschem Verfremdungseffekt und ironischer Distanzierung steht, und dem Zuschauer überhaupt kein Hindernis ist, denn alles wirkt spielerisch, selbst wenn heiliger Ernst in den Bildern steckt.

Tatsächlich erreicht Green in einigen seiner Nebenepisoden erstaunliche Emotionalität: Marie im Krankenhaus mit einem kleinen Mädchen nach einem Autounfall, das ganz unschuldig nach ihrem Papa fragt … Und Green erreicht eine Ebene des Humors, der höchst unterhaltsam ist: Die Satire über den Literaturbetrieb um Verleger Pormenor mit all den High-Society-Schnepfen und einer hochgestochenen Literaturkritikerin, die alles weiß – Maria de Medeiros spielt sie, die süße Französin aus Pulp Fiction, mit blasierter Zigarettenspitze. Ein Schulfreund von Vincent macht einen Onlineshop auf, Vertrieb seines Spermas; das hinterlässt sichtlich Spuren …

Vincent und Joseph: Sie sind füreinander geschaffen. Aus ihren Diskursen kommt klar hervor: Josef wurde dadurch zu Jesu Vater, dass er dieses Kind bekam; nicht durch biologische Zeugung. Bebildert wird das durch Gemälde, Josef der Zimmermann etwa oder der aufgebahrte Jesus. Ein barockes Konzert mit Gesang, Tanzperformance und Lautenmusik gibt es auch, in einer langen Sequenz: Die Kunstbetrachtung ist eine dritte Ebene des Films, sie geht organisch auf in Handlung und Form. Am Ende zieht eine Heilige Familie inklusive Esel am Strand entlang, nach einer Flucht vor der Polizei, es gab so etwas wie Vergebung, ein Art Adoption – und wir sind auch froh über die Information im Abspann, dass es der Ratte Gargantua, die zu Anfang von zwei Jugendlichen mit spitzen Stöcken gequält wurde, gut geht: sie residiert in ihrer Villa an der Côte d'Azur.

(Harald Mühlbeyer)