16 21/02

"Chi-Raq" von Spike Lee

Spike Lee ist stinksauer. Und das zurecht. Vor allem das Jahr 2015 hat wieder deutlich gezeigt, wie sehr das Leben der Afroamerikaner in den USA noch immer von Rassismus, Vorurteilen und der Behandlung als Menschen zweiter Klasse bestimmt ist. Doch bevor Beyoncé mit ihrem neuen Formation Song und dem dazugehörigen Video der Black Lives Matter- Bewegung eine Hymne gegeben hat, war es Spike Lees Chi-Raq, der das Kino wieder zum aktuellen Austragungsort der Bürgerrechtsbewegung gemacht.

Filmstill aus Chi-Raq (Copyright: Parrish Lewis)

Chi-Raq - so lautet der Gangster-Rap Name von Chicago, und in dieser Abkürzung steckt das ganze Dilemma. Chicago ist der mit Abstand gewalttätigste Ort der USA. Täglich sterben hier Menschen durch eine Schusswaffe. Die meisten sind junge, dunkelhäutige Männer im Viertel South Side, einem Ort, der als verloren gilt. Hier herrschen Banden voller Jungs, die aus dem maroden Schulsystem geflogen sind und ihre einzige Möglichkeit zu überleben, Respekt zu bekommen und geliebt zu werden, in ihrer Gang sehen. Und für die Gang tut man alles. Auch morden. In Spike Lees Version der South Side sind es die Trojaner gegen die Spartaner. Zwei Gangs, die sich in blutigen Auseinandersetzung gegenseitig fertig machen und durch deren Kugelhagel auch unschuldige Kinder sterben, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Chi-Raq ist aber auch der Straßenname des Anführers der Spartaner, Demetrius DuPree (Nick Cannon). Sein Vater starb im Knast, die Mutter kennt er nicht. Jetzt ist er jemand, seine street credibility ist alles, was er hat. Das und seine Freundin, die umwerfende Lysistrata (Teyonah Parris).

Die Namen mögen es schon aufzeigen, Lee arbeitet hier auf Basis der griechischen Komödie von Aristophanes, ein Kniff, der es ihm erlaubt, hochgradig politisch und emotional aufgeladene Geschichten trotzdem in ein humoristisches Äußeres zu kleiden. Eine gute Wahl, denn die momentanen Umstände sind so schrecklich, dass man zur Selbstverteidigung nur das Lachen hat. Hier ein Melodram zu machen, hätte niemandem genutzt. Und so kommt es nun auch an der South Side zum Aufstand der Frauen. Lysistrata erträgt die Gewalt nicht mehr, als sie eines Tages sieht, wie eine Mutter um ihre kleine Tochter trauert, die gerade von einem Querschläger getroffen wurde. Das Blut auf dem Asphalt ist noch nicht getrocknet, da hat sie sich schon mit den Frauen der Trojaner verbündet. Und den Huren der Stadt. „No peace, no pussy“ (Kein Frieden, keine Muschi), so die Devise und alsbald beginnt sie auch zu fruchten. Nur bei Chi-Raq nicht, der das bisschen Leben, Freiheit und Würde, dass er sich erarbeitet hat, nicht aufgeben will, auch wenn es auf Blut und Tod gebaut ist. Er kennt es ja nicht anders.

Doch es sind Worte, nicht Waffen, die den Kern des Filmes ausmachen. Die aus der griechischen Vorlage entliehenen iambischen Pentameter mixen sich perfekt mit Hip-Hop und bringen Wort für Wort alle noch so schmerzhaften Wahrheiten auf den Tisch. Vom Gedenken an die Großen wie Malcolm X und Martin Luther King bis zu den neuen Toten, Sandra Bland, Trayvon Martin, Dylann Storm, Michael Brown, die die Schlacht der letzten Jahre gekostet hat, ruft Lee die alten und neuen Geister an, ihm und den seinigen beizustehen. Zwischen Wahnsinn, Farce und bitterer Sozialkritik ist die Idee des Zölibats zwar absurd, aber nicht so verrückt wie die derzeitige Realität.

Und, so die Metaebene des Films, wo Zölibat das Mittel zum Widerstand ist, da schwelen auch Sexismus, Lust und Geschlechterkampf. Die Keuschheitsgürtel der streikenden Frauen sind die Gegenwehr zu den phallischen Waffen, die die Männer wie Götzen verehren. Die Probleme sind tief verwurzelt, Rassismus und Sexismus gehen Hand in Hand. Die Unterdrückten unterdrücken und das System reproduziert sich.

Er hätte es sich einfach machen können und den Konflikt weiß gegen schwarz oberflächlich replizieren können. Doch Spike Lee weiß, dass es viel komplexer ist und dass auch innerhalb der afroamerikanischen Community der Selbsthass und die Verzweiflung alle zerfleischt. Je lustiger und absurder Chi-Raq wird, desto schmerzhafter resonieren die klaffenden Wunden.

Es ist herzzerreißend.

(Beatrice Behn)