16 14/02

"Cartas da guerra" von Ivo M. Ferreira

Ein portugiesischer Film, in Schwarz-weiß gedreht und mit melancholischer Grundstimmung (saudade) versehen, der unter anderem die Kolonialgeschichte seines Herkunftslandes streift - war da nicht etwas? Ja, richtig: Miguel Gomes' Film Tabu - Eine Geschichte von Liebe und Schuld, der 2012 bei der Berlinale gleich zwei Preise abräumen konnte: Den Alfred-Bauer-Preis und den Preis der Internationalen Filmkritikervereinigung FIPRESCI. Glaubt man an die Gültigkeit von Formeln und Patentrezepten für Festivalerfolge, so verfolgt Cartas da guerra von Ivo M. Ferreira also durchaus eine Strategie, bis bisher schon einmal erfolgreich war. Ganz so einfach scheint es aber dann doch nicht zu sein, wie der heutige Wettbewerbstag erwies.

Dabei lässt sich Cartas da guerra durchaus vielversprechend an, zumal der Film ein interessantes Kapitel der jüngeren Geschichte Portugals beleuchtet: Als letzte europäische Kolonialmacht entließ das Land seine Kolonien erst in den 1970er Jahre in die Unabhängigkeit - und selbst das geschah erst nach brutalen Kriegen und Konflikten, die bis heute kaum öffentlich aufgearbeitet wurden. Begünstigt durch die Quasi-Diktatur des Estado Novo, die erst 1974 durch die Nelkenrevolution hinweggefegt wurde, versuchte Portugal mit aller Macht, die damaligen afrikanischen Kolonien Angola, Mosambik und Portugiesisch-Guinea unter seiner Kontrolle zu behalten. 

Cartas da guerra folgt den Spuren des jungen Militärarztes Antonio (Miguel Nunes), der 1971 in Angola stationiert wird. Basierend auf einem Briefroman des unverkennbar großbürgerlichen Schriftstellers und Psychoanalytikers António Lobo Antunes (2007 mit dem Titel Leben, auf Papier beschrieben. Briefe aus dem Krieg in Deutschland erschienen) gleicht der Film einer recht langatmigen Hymne auf das Sehnen und das Begehren nach einer entfernten Geliebten. Es sind Schreiben mitten aus der Hölle des Krieges, die der Mediziner Antonio an seine schwangere Frau schickt und deren tatsächliche oder imaginierte Antworten an den zunehmend melancholischer werdenden Gatten. Die poetischen Texte, die hier vom jeweiligen Empfänger der Zeilen verlesen werden, sind schwelgerische Liebesbriefe, Texte eines sensiblen jungen Mannes, der sich weniger als Arzt denn als Poet versteht, und der in elegischen Passagen seine alles verzehrende Sehnsucht nach seiner Frau beschreibt - mit Aufzählungen und Metaphern, die in ihrer Beschreibungs- und Definitionslust fast schon an das Hohe Buch der Liebe aus dem Alten Testament erinnern. Illustriert bzw. kontrastiert werden diese fast immer geflüsterten oder zumindest geraunten Worte mit Schwarzweiß-Aufnahmen, die sich immer wieder in Naturbetrachtungen und gediegenen Ensembles verlieren und die nur punktuell die Schrecken des Krieges in Bilder fassen.


(Filmstill aus Cartas da guerra von Ivo M. Ferreira; Courtesy; Berlinale 2016)

Auf diese Weise entsteht ein durchaus ansehnlicher Bilderbogen, der aber mit zunehmender Laufzeit immer problematischer erscheint. Zwar macht der Film von Anfang an keinen Hehl daraus, dass der Krieg, der hier geführt wird, ein sinnloser ist - das freilich ist außer recht dünnen Auskünften Antonios über den Wandel seiner politischen Gesinnung aber auch schon die deutlichste Aussage über koloniales Unrecht und die Verfehlungen portugiesischer Politik. Stattdessen verliert sich Cartas da guerra in hübsch illustrierter saudade, Sehnsuchtsprosa und dichterischem Selbstmitleid. Kaum je bekommen hier die Angolaner ein Gesicht, geschweige denn eine Stimme. Viel lieber ergeht sich der junge Militärarzt in ausufernden und insgesamt recht klischeebeladenen afrikanischen Stimmungsbildern, die die Magie und das Übermaß der Flora, Fauna und Landschaften Angolas feiern.

Dass alles Private auch politisch sei, wissen wir spätestens seit dem Jahr 1968. Ivo M. Ferreira versucht sich in einer zwar prächtig bebilderten und poetisch angehauchten Revision dieses Diktums, in dem die geraunte Sehnsucht, das geflüsterte Begehren und die offene Melancholie jeglicher politischen Ambition den Garaus macht. Und das ist bei genauerer Betrachtung ein Trauerspiel. 

(Joachim Kurz)

Cartas da guerra läuft noch mal heute (15.02.) um 15.00 Uhr im Haus der Berliner Festspiele sowie um 22.30 Uhr im International, morgen (16.02.) um 18.30 Uhr in den Neuen Kammerspielen und am Sonntag (21.02.) um 17.00 Uhr im Berlinale Palast.

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