16 16/02

"A Serious Game" von Pernilla August

Stockholm am Anfang des 20. Jahrhunderts. Arvid (Sverrir Gudnason) hat gerade eine Stelle als Korrekturleser beim Nationalblad bekommen, als er mit seinem Chefredakteur (Michael Nyqvist) und einem Kollegen den Maler Anders Stille (Göran Ragnerstam) besucht, der in einem Holzhaus auf einer kleinen Insel mit seiner Tochter Lydia (Karin Franz Körlof) wohnt. Es reichen wenige Blicke, ein paar Klaviertöne – und schon haben sich Lydia und Arvid verliebt. Aber Arvid muss am Abend nach dem gemeinsamen Essen und Trinken die Insel wieder verlassen und Lydias betrunkener Vater warnt seine Tochter vor ihm. Ob sie gesehen habe, wie hungrig er gewesen sei; so arme Menschen hätten einen lebenslangen Hunger, der andere ins Unglück stürze.



(Bild aus A Serious Game von Pernilla August; Copyright:  Erik Molberg Hansen)

Unweigerlich kommt einem diese Warnung des Vaters im Verlauf von A Serious Game immer wieder in den Sinn. In der Verfilmung des gleichnamigen Romans (Originaltitel von Buch und Film Den allversamma lekken) von Hjalmar Söderberg aus dem Jahr 1912 erzählt Pernilla August (Bessere Zeiten) basierend auf einem Drehbuch von Lone Scherfig (Italienisch für Anfänger, An Education) anfangs die recht konventionelle Liebesgeschichte zweier Menschen, die aufgrund der Zeitumstände und falscher Entscheidungen nicht zueinanderkommen: Lydias Vater stirbt bei einem Unfall und lässt die schöne junge Frau mit zu wenig Geld zurück. Sie sucht unter einem Vorwand Arvid auf, der sich zwar mit ihr treffen möchte, sie aber nicht heiraten kann. Sagt er. Und bittet sie um ihr Verständnis. In dieser Szene ist zum ersten Mal zu ahnen, wer der starke Charakter in dieser Beziehung ist. Denn Lydia küsst ihn, rückt von ihm ab und sagt ihm, dass sie es eigentlich nicht verstehe. Arvid bleibt irritiert und traurig zurück. Es folgt ein weiterer der unzähligen Zeitsprünge, Arvid begegnet Lydia zufällig vor einem Restaurant und erfährt, dass sie sich mit einem wohlhabenden älteren Mann verlobt hat. Arvid reagiert abermals verstört, lernt aber bald darauf die ebenfalls vermögende Dagmar (Liv Mjönes) kennen, die sich in ihn verliebt.

Also sind Arvid und Lydia beide verheiratet und haben jeweils eine Tochter, als sie einander zufällig zehn Jahre später in einer Oper treffen. Während Arvid in seiner Ehe durchaus zufrieden wirkt, ist Lydia mit ihrem Leben unglücklich. Sie musste zu viel aufgeben, ihr Zuhause, ihre eigene künstlerische Arbeit und ihre Selbstbestimmung. Als sie nun wieder auf Arvid trifft, verabreden sie sich auf ihr Betreiben in einem Hotel, und hier zeigt sich, wie selbstbestimmt Lydia ist. Mit jedem Blick, mit jeder Bewegung macht sie deutlich, dass sie nun Sex haben will mit Arvid, mit einem Mann, den sie haben will – nicht einem, den sie geheiratet hat, um versorgt zu sein. Folgerichtig trifft sie nach dieser erneuten Begegnung auch Entscheidungen: Sie trennt sich von ihrem Mann, lebt alleine und arbeitet wieder als Malerin. Dagegen ist Arvid vielmehr in den Konventionen der Zeit verhaftet, mehrfach konfrontiert ihn Lydia mit seinen bigotten Moralvorstellungen, nach denen sie eine Schlampe sei, er aber seine Frau betrügen könne, ohne dass ihm etwas vorzuwerfen sei. In diesen Szenen wird die weibliche Sicht auf diese Affäre und die Lebensmöglichkeiten deutlich, obwohl der Film erzählerisch bei Arvid bleibt. Dabei ist Lydia eine unabhängige und mutige Frau, die die Konsequenzen ihrer Entscheidungen trägt, wenngleich sie manchmal zu verzweifeln droht. Fast scheint es, als ahne Arvid, dass Lydia ihre Selbstbestimmung und Unabhängigkeit noch mehr schätzt als er seine – und ihre Liebe deshalb immer auch düstere Züge haben wird.

Natürlich erzählt A Serious Game eine klassische Liebesgeschichte, jedoch ist sie deutlich in Skandinavien verankert. Die ersten Bilder von Lydia zeigen sie nackt in einem See beim Schwimmen, auch gibt sie später offen zu, dass sie andere Affären hatte, eine Scheidung ist durchaus möglich. Diese natürlichen und pragmatischen Züge der Geschichte werden durch die Ausstattung von Anna Asp (Fanny und Alexander) und der oft verwendeten Handkamera noch unterstützt. Zudem überzeugt die gesamte Besetzung des Films, inbesondere Liv Mjönes gelingt es, in der undankbaren, kleineren Rolle der betrogenen, liebenden Ehefrau mit wenigen Blicken viel Tiefe zu erzeugen.

Alles in allem ist A Serious Game damit ein gelungenes Jahrhundertwendedrama, bei dem lediglich der kleine Wermutstropfen bleibt, dass Pernilla August als Regisseurin schon mutigere und innovativere Entscheidungen getroffen hat.

(Sonja Hartl)

A Serious Game ist am Mittwoch (17.02.) um 12.30 Uhr im Zoo Palast, am Freitag (19.02.) um 21.00 Uhr im Friedrichstadt-Palast und am Sonntag (21.02.) um 09.30 Uhr im Berlinale Palast zu sehen.

Weitere Texte zur Berlinale gibt es gesammelt hier.