15 07/02

Victoria

Wäre die Textzeile "Atemlos durch die Nacht" nicht schon durch Helene Fischer über Gebühr strapaziert, gäbe sie eine ziemlich perfekte Beschreibung für Sebastian Schippers Victoria ab. Wobei der Film wesentlich zwingender, packender und virtuoser geraten ist als das Gesäusel der Chanteuse. Eine Vorahnung davon bekommt man schon bei den ersten Bildern und Tönen: Ein hypnotischer Techno-Beat, dazu Stroboskoplichter, die jeden Epileptiker an den Rande eines Anfalls bringen, gleißende Helle, aus der sich erst im Laufe der Zeit eine Gestalt herausschält: Auftritt Victoria (Laia Costa), der die Kamera für den Verlauf der nächsten 140 Minuten bedingungslos folgen wird.


(Filmbild aus Victoria; Copyright: Senator Film Verleih)

Victoria kommt aus Madrid und ist seit drei Monaten in Deutschland. Vielleicht ist sie ja eine jener jungen Spanierinnen, die aus Frust über die miserablen Jobaussichten ihre Heimat verlassen haben, um ihr Glück im fernen Berlin zu suchen. Jetzt aber scheinen alle Sorgen für den Moment verschwunden, ekstatisch tanzt sie zu den peitschenden Beats, will alles hinter sich lassen, will feiern. Doch es ist spät geworden bzw. früh. Um siben Uhr muss sie das Café aufsperren, in dem sie für einen Hungerlohn jobbt, also raus aus dem Club, die Treppen hoch und aufs Fahrrad, damit sie wenigstens noch eine oder zwei Stunden Schlaf bekommt. Dann aber trifft sie die Jungs: Sonne (Frederick Lau), Boxer (Franz Rogowski) und Blinker (Burak Yigit) haben gerade den Geburtstag ihres Kumpels Fuss (Max Mauff) gefeiert und wollten eigentlich ebenfalls in den Club, sind aber an den Türstehern gescheitert. Also geht es oben weiter. Und weil Victoria, die sie ansprechen, vielleicht noch zu aufgepeitscht ist, um Ruhe oder Schlaf zu finden, zieht sie mit ihnen los. Es wird die erste von diversen falschen Entscheidungen an diesem frühen Morgen in Berlin sein.

Denn Boxer, der im Knast war, steht in der Schuld von Andi (André M. Hennicke), der im Gefängnis seine schützende Hand über ihn gehalten hat. Und diese Schuld soll Boxer nun mit Hilfe seiner Freunde einlösen. Nur ein kleiner Überfall auf eine Privatbank, von der ein Kunde, so hat Andi in Erfahrung gebracht, in aller Herrgottsfrühe 50.000 Euro abholen will, keine große Sache, zwei Minuten, rein-raus, das war's. Aber klar, die Sache geht schief. Und plötzlich wird aus der Truppe cooler Jungs und ihrer Zufallsbekanntschaft ein Haufen Gejagter voller Angst. Wie gesagt, einer falschen Entscheidung folgten nur ein paar andere, doch die Konsequenzen sind katastrophal.


(Filmbild aus Victoria; Copyright: Senator Film Verleih)

Sebastian Schippers vor Energie und Unmittelbarkeit berstender Film ist im wahrsten Wortsinne atemlos, ein Tanz auf der Rasierklinge, eine Starkstromerfahrung in Echtzeit und ohne einen einzigen Schnitt, gedreht in einer einzigen Einstellung. Der wilde Ritt durch die Berliner Nacht mit vier ABSOLUTEN DILETTANTEN und ihrer zufälligen Komplizin, ist von solcher Unmittelbarkeit, dass man sich als Zuschauer wie Victoria selbst vor die Entscheidung gestellt sieht, dem Lauf der Dinge zu folgen und sich dem Strudel der Ereignisse hinzugeben oder aber den Gestalten, denen man zusammen mit der jungen Spanierin begegnet, zu misstrauen und sich von ihnen fernzuhalten. Hätte sie freilich deutsche Filme gesehen, wüsste sie, dass man sich mit Typen, die von Frederick Lau gespielt werden, besser nicht einlässt, denn das bedeutet zumeist Stress und Ärger. 

Eines aber ist gewiss: Entscheidet man sich für das Mitgehen, ist dies im Gegensatz zu Victorias Wahl, eindeutig eine gute und in vielen Momenten sogar beglückende Option, die Adrenalin und Endorphine en masse durch die Adern pumpt. Mit Sicherheit die bislang körperlich unmittelbarste Erfahrung bei dieser Berlinale und zugleich ein logistischer und darstellerischer Kraftakt, der allerhöchsten Respekt verdient.

(Joachim Kurz)