15 07/02

Portrait of the Artist

Wenn der Regisseur und Schauspieler Bertrand Bonello (Der Pornograph, Haus der Sünde) in einem Film mitwirkt, dann geht es meistens um das Thema Sex. Portrait of the Artist beziehungsweise Le dos rouge (dt. Der rote Rücken), wie der Film im Original heißt, von Antoine Barraud, in dem Bonello sogar eine fiktive Version von sich selbst spielt, darf hier als Ausnahme gelten - und gleichzeitig auch wieder nicht! Nichts ist eindeutig in diesem Film über einen Künstler auf der Suche nach Inspiration, der sich so zart und so gewaltig vor unseren Augen entfaltet.
 
(Filmbild aus Portrait of the Artist; Courtesy Berlinale 2015)

Der Regisseur Bertrand (Bertrand Bonello) will einen neuen Film drehen, es soll um das Monströse, das Ungeheuerliche gehen, doch es mangelt ihm an Inspiration. Von der geheimnisvollen Kunsthistorikerin Célia (Jeanne Balibar, Géraldine Pailhas) lässt er sich Bilder und Skulpturen zeigen, die das Monströse in der Kunst auf unterschiedliche Art und Weise darstellen. Doch je weiter seine Suche voranschreitet, desto mehr stellt Bertrand Veränderungen an seinem eigenen Körper fest: auf seinem Rücken tauchen rote Flecken auf, die sich ausbreiten.

Barrauds Film über einen Künstler, der sich Kunst anschaut und sich dabei selbst verändert, ist ein ruhiges Werk, in dem der Zuschauer viel Zeit mit Bertrand und den Bildern verbringt, die er sich ansieht. Doch hinter der ruhigen Oberfläche ist Portrait of the Artist gespickt mit Irritation, mit Bildern, die sich selbst enthalten, Figuren, die sich verlieren, verändern, neu entstehen. "Damit es Kunst gibt, damit es irgendein ästhetisches Tun und Schauen gibt, dazu ist eine physiologische Vorbedingung unumgänglich: der Rausch", schrieb einst Friedrich Nietzsche. Wenn man Barrauds Film betrachtet, ahnt man, dass der Rausch nicht nur Bedingung für die Kunst, sondern gleichzeitig ihre Wirkung auf die Hauptfigur des Film und auf den Zuschauer ist. Wie beim Stendhal-Syndrom, der Reizüberflutung durch den Genuss von (zuviel) Kunst, verliert Bertrand immer mehr den Bezug zur Realität und vielleicht auch den einen oder anderen Zuschauer.


(Trailer von Portrait of the Artist)

Portrait of the Artist ist ein Film, der sich auch im Wettbewerb der Berlinale gut gemacht hätte. Und das nicht nur, weil er auf künstlerische, verzückend schelmische Weise Kunst und damit sich selbst thematisiert, sondern weil er zeitlos ist wie das Objekt seiner Begierde und gleichzeitig hoch aktuell. Denn auch wenn es, wie eingangs erwähnt, nicht eindeutig um Sex geht, geht es doch offensichtlich um Geschlechter-Identitäten, ihre fragilen Grenzen und fluiden Übergange. Das Monster, das Bertrand sucht, scheint sich im Laufe des Films immer mehr zu wandeln, bis es zum Schluss die klaren Konturen einer Chiffre seiner selbst annimmt, allerdings einer, die nicht mit Furcht oder Abscheu, sondern nur mit Neugier besetzt ist. Und noch einmal Nietzsche: "Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehen, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird", das schrieb er einst in "Jenseits von Gut und Böse". Und vielleicht gilt der Satz auch umgekehrt. Wer als Künstler ein Monster erschaffen will, muss sich auch selber verwandeln, aber nicht zu sehr, sonst ist am Ende niemand da, der das Werk zu Ende bringt.

(Björn Helbig)