15 06/02

Nena – Viel geht nicht mehr

"Deine Hand ist in meiner, so lange du sie dort lässt." Der Vater zitiert immer irgendwelche Dichter, diesmal ist es Kafka. Es wirkt im ersten Moment wie ein Versprechen: Ich verlasse dich nicht, so lange du bei mir bleibst - aber sie weiß im Grunde schon: er hat sich längst zum Abschied entschlossen, es ist an ihr, den Tag und die Stunde zu bestimmen.


(Bild aus Nena - Viel geht nicht mehr, Copyright: Nadine Maas - Key Film / Coin Film)

Es ist der Sommer 1989, irgendwo an der deutsch-niederländischen Grenze. Nenas Vater ist fast vollständig gelähmt - später wird irgendwann auf eine Krankheit angespielt, jedenfalls kann er nur den Kopf und ein wenig eine Hand bewegen. Sie schwimmt, während er mit Hilfe auf dem Wasser treibt. Sie essen gemeinsam - Nena füttert ihn, zündet ihm eine Zigarette an. "Wann wolltest du mit dem Rauchen aufhören?" - "Wenn du anfängst." Ein gut eingespielter verbaler Schlagabtausch, vor allem wird aber rasch deutlich: Niemand ist so vertraut mit ihm wie Nena.

Eine 16jährige, die gerade erst anfängt mit Leben und Liebe und Sex und so, ein Erwachsener, der sich aufgegeben hat: Nena - Viel mehr geht nicht basiert auf einem richtig harten, auch recht konstruierten Kontrast. Das wird gerne auch mal übertrieben: Eine Montage zeigt die Tochter beim ersten Sex, während der Pfleger ihrem Vater auf die Toilette hilft, Kondome hier, Gummihandschuhe dort. Das ist eigentlich zu viel und zu offensichtlich.


(Bild aus Nena - Viel geht nicht mehr, Copyright: Nadine Maas - Key Film / Coin Film)

Dass der Film nicht völlig auseinanderfällt, verdankt er seinen Hauptdarstellern, der wunderbaren Abby Hoes und, auf eine andere Weise ein kleines Wunder, Uwe Ochsenknecht als ihrem Vater. Sie drücken genug Menschlichkeit in dieses Handlungskonstrukt, das in seiner Grundanlage doch sehr nach Samstagabendunterhaltung riecht - und genug rotzige Kaltschnäuzigkeit im Angesicht der grausamen Welt.

Weit weg vom gefühligen Samstagabendfernsehen ist natürlich des Vaters ernster Wunsch zu sterben. Und wieder die Kontraste: Regisseurin Saskia Diesing genügt es nicht, dass er in seinem Körper eingesperrt ist und diese Qual sich in Ochsenknechts Gesicht widerspiegelt; nein, es braucht auch noch den Freiheitsdrang seiner Tochter und den sich nahenden Fall der Mauer obendrauf.


(Trailer zu Nena - Viel geht nicht mehr)

Der Film will, so scheint es manchmal, verzweifelt Rührstück sein, doch die Hauptdarsteller haben den Stoff an sich gerissen und wenigstens stellenweise mit echten Schmerzen gefüllt. Das ist natürlich zu einfach, denn gelegentlich lugt schwarzer Humor hervor, der schon tief im Drehbuch wohnte. Aber mehr Vertrauen in die Figuren und ihre Darsteller hätte dem Film womöglich gut getan.

(Rochus Wolff)