15 09/02

Flocken

Ganz kurz vor dem Ende spielen zwei Mädchen in weißen Kleidern Querflöte im Altarraum der Kirche - eine alte Holzkirche in einer kleinen Gemeinde irgendwo in Schweden, idyllisch, es ist ein festlicher Tag, das ganze Dorf ist versammelt im Sonntagsstaat. Da liegt der Schrecken längst tief in der Szenerie verankert, das wohlig-ordentliche Äußere längst eine Horrorvision von Konformität und Ausschluss - nicht abstrakt religiös, sondern konkret und unmenschlich und brutal.

(Filmbild aus Flocken, Courtesy Berlinale 2015)

Flocken beginnt auch in dieser Kirche - da wird geheiratet, die 14-jährige Jennifer ist auch dort, in der Kirche wirft sie ihrem Klassenkameraden Alexander seltsame Blicke zu. Sie hilft dann dabei, die überdimensionierte Hochzeitstorte quer durch den Kühlraum des Schlachthofes, in dem gefeiert wird, zu tragen; am frühen Morgen liegt sie völlig betrunken vor dem Haus. Das ist irritierend, doch bis hier ist alles noch Idyll.

Am Tag darauf wird Jennifer berichten, Alexander habe sie vergewaltigt - und der Film wird sich die nächsten anderthalb Stunden darum drehen, wie die Dorfgemeinschaft mit dieser Beschuldigung umgeht, während irgendwie das Leben weitergehen soll, schließlich ein Prozess stattfindet, bei dem Alexander zwar verurteilt wird, aber nicht in Haft kommt. In einem Satz: Fast niemand glaubt Jennifer. Allein ihre Mutter - Außenseiterin im Dorf - und deren Freund halten wirklich zu ihr, alle anderen sind sich einig: Alexander kann es nicht getan haben. Nicht, dass er es je bestreitet - aber vor allem seine Mutter zieht das Dorf auf ihre Seite, macht Stimmung für ihren Sohn, ohne ihn einmal ernsthaft zu befragen.

Regisseurin Beata Gårdeler und Drehbuchautorin Emma Broström zeichnen das nicht als Hexenjagd, als platt-feministische Polemik, sondern als Soziogramm, als Prozess der zunehmenden Ausgrenzung, Verrohung in Sprache, Blicken und schließlich Taten. Die Verurteilung Jennifers beginnt schnell, aber Wirkung und Folgen sind graduell - erst kann man sie noch ignorieren, dann fließt irgendwann Blut. Zwischendrin tickert Schrift über den Bildschirm: Chatprotokolle, die das Geschwätz am Dorfplatz ersetzen. Körperlos schweben sie vor harmlosen Landschaftsbildern, und doch werden dort die politisch unkorrekten Beschimpfungen ausgesprochen, die niemand in den Mund nehmen kann.

Fatime Azemi als Jennifer und John Risto als Alexander stehen natürlich im Zentrum der Handlung; Azemi beeindruckt durch ihre Mischung aus selbstbewusster Trotzigkeit und immer stärkerem Rückzug, stets wenigstens ein Auge hinter einer Haarsträhne verborgen. In den Momenten, in denen Jennifer von der Polizei und vor Gericht befragt wird, macht sie ihr Unwohlsein, ihren Widerwillen, sich erinnern zu müssen, geradezu körperlich spürbar.


(Clip aus Flocken)

Es sind aber die Mütter, die den Film letztlich tragen und glaubhaft machen. Malin Levanon als Mia, Jennifers Mutter - eine etwas verblühte Schönheit, allein mit zwei Kindern, die hart an der Seite ihrer Tochter steht und daran schier verzweifelt. Vor allem aber Eva Melander, die Alexanders Mutter jene Mischung aus bedingungs-, aber auch rücksichtsloser Liebe und Entschlossenheit gibt, die sie wie eine Löwin für ihren Sohn kämpfen lässt. Dass sie aber nicht kalt und berechnend ist, zeigt Melander in den letzten Minuten des Films - subtil und herzzerreißend.

Überhaupt das Ende! Die finalen 30 Minuten - als der Film auch erstmals ernsthaft die Frage nach der Wahrheit in den Raum wirft - sind geradezu ein Lehrstück darin, eine Stilübung in kunstvoll erzeugter Spannung, in denen der Film zwischen unterschiedlichen vorstellbaren Katastrophen schwebt, eine Art Schrödingers Katze: Erst ganz am Ende weiß man, welche der Möglichkeiten zwischen Blutbad, Genugtuung und weiter gestärktem Status Quo sich da gerade zusammenbraut.

"Gemeinsam erschaffen wir uns die Gesellschaft, in der wir leben wollen," predigt der Pfarrer, als das Ende schon seinen Lauf begonnen hat. Flocken entblößt das als brutale Wahrheit.

(Rochus Wolff)