15 10/02

Every Thing Will Be Fine

Everything will be fine. Das ist Thomas`(James Franco) Mantra. Für seine Beziehung zu Sara (Rachel McAdams) und auch für den Moment eben auf der Landstraße. Da im Dunkeln, wo plötzlich ein Kind mit einem Schlitten direkt vor sein Auto gefahren ist. Alles wird gut. Alles wird gut. Aber es wird eben nicht alles gut. Zwar denkt Thomas das erst, als ein Kind vor seinem Auto sitzt, unverletzt, doch dann stellt sich heraus: der kleine Bruder liegt darunter und ist tot. Und so müssten Thomas, der überlebende Christopher und seine Mutter Kate (Charlotte Gainsbourg) fortan mit dieser Tragödie klar kommen und ihr Leben neu rekonstituieren.


(Filmbild aus Every Thing Will Be Fine, Copyright Neue Road Movies, Donata Wenders)

Thomas gelingt es nicht. Er gerät in ein tiefes Loch, nimmt Drogen, Alkohol und versucht sich umzubringen. Sara holt ihn, obwohl sie schon längst getrennt sind, wieder zu sich nach Hause. Doch aus dem Elend entspringt Inspiration. War Thomas vor dem Unfall ein eher mittelmäßiger Schriftsteller, so hat er jetzt viel zu schreiben. Sein nächstes Buch wird ein Hit, Thomas ein gefeierter Autor. Doch auch nach Jahren sind weder er, noch Kate und Christopher über ihren Verlust hinweg. Es will einfach nicht so recht gut werden.

Every Thing Will Be Fine ist Wim Wenders erstes 3D-Melodram. In den Augen des Regisseur funktioniert 3D wie ein Vergrößerungsglas; Wenders ist fasziniert von 3D-Bildern, in denen wenig passiert und man am besten nur einen Menschen sieht, sagt er in der anschließenden Pressekonferenz. Mit einem hat er Recht. Es passiert wenig. Nicht, dass das per se etwas Schlechtes wäre. Dramen über Verlust sind oft viel stärker in ihrer Stille, als im Pathos. Sie leben gut über die kleinen Gesten, über Leerstellen und Momente des Zögerns und des Stillstands. Problematisch wird es erst, wenn der Film im wahrsten Sinne des Wortes leer ist. Und genau das ist hier der Fall.

Fast erinnert der Film an Terrence Malicks Knight of Cups. Menschen, die nicht reden; Menschen, die nur gucken, starren mit undeutbaren, weil unbewegten Gesichtern. Vor allem James Franco, Hauptdarsteller und damit Vehikel des Filmes, macht nichts anderes. Fragen die Frauen, die ihn umgeben was mit ihm ist, was er denkt, so antwortet er stets: "Ich will nicht darüber reden". Und so begleitet der Film in unendlichen langen zwei Stunden den stummen Erdulder, der eigentlich Sympathieträger, ja tragische Figur sein soll, aber tatsächlich fade, egoistisch und ungemein schläfrig daherkommt. Die Frauen: Sara, Kate und Thomas spätere Frau sind wiederum kaum je gegenwärtig. Soll heißen: ihre Charaktere sind so wenig mit Persönlichkeit bestückt, dass sie sich reduzieren auf ihre Funktion: Sara, die ihn wieder aufpäppelt, Kate, die ihm verzeiht und die Erlaubnis gibt weiter zu machen, Ann gibt ihm einen Neuanfang und eine Stieftochter. Auch hier, wie in Malicks Knight of Cups, sind die Frauenfiguren nur Mittel zum Zweck. Aber immerhin dürfen sie wenigstens einen Namen haben.


(Filmbild aus Every Thing Will Be Fine, Copyright Neue Road Movies, Donata Wenders)

Interessanter als Figuren und Geschichte, sind Wenders` ästhetische Entscheidungen. Abgesehen von den überaus sparsam eingestzten 3D-Aufnahmen fällt schnell der dicke Soundteppich auf, der den Film in fast jeder Sekunde untermalt. Komponist Alexandre Desplat hat hier wohl Überstunden geleistet. Eigenartig (oder eigensinnig) sind dabei die eigens für den Film komponierten Stücke, erinnern sie doch stark an Alfred Hitchcocks Filmsoundtracks, die zumeist aus der Feder Bernard Herrmanns stammten. Und damit schaffen sie (denn im Kino sind wir ja alle inzwischen ein bisschen wie Pawlowsche Hunde) die Erwartung, dass gleich etwas geschehen muss. Ein Mord, ein Thriller, Suspense, Überraschung... irgendwas. Doch diese permanent getriggerten Erwartungen werden konsequent unterlaufen und enttäuscht.

Und genau hier liegt dann auch das Hauptproblem. Wie sich einlassen auf einen Film, der kaum Fleisch an den Knochen hat und dazu noch konstant gegensätzliche Nachrichten an den Zuschauer schickt? Wie soll man sich verorten emotional? Was soll man mit diesen Figuren anstellen, deren Leid man kognitiv erfasst aber nichts davon sieht, spürt oder auch nur subkutan das kleinste Kribbeln hat?

Es ist fast, als würde man als Zuschauer rufen "Tu doch was, sag doch was, mach doch was!" Und der Film antwortet darauf nur lakonisch: "Alles wird gut."

(Beatrice Behn)