15 08/02

El botón de nácar

El botón de nácar ist eine direkte Fortsetzung des preisgekrönten Film-Essay Nostalgia de la luz (2010). Regisseur Patricio Guzmán knüpft inhaltlich unmittelbar an den dokumentarischen Vorgänger an, verbindet den Norden mit dem Süden Chiles, die Wüste und die dortige Arbeit der Astronomen mit dem Wasser, um das es ihm in seinem neuesten Werk geht. Wieder ist der Film essayistisch, philosophisch, poetisch, aber auch informativ und Einblicke gebend.
(Bild aus El botón de nácar, Copyright: Katell Djian)

Was dem ein oder anderen als wildes Sammelsurium unterschiedlicher Wasser-Aspekte von Guzmáns Heimatland erscheinen mag, ist ein wohlkomponierter Essay, der erneut auf kongeniale Weise die Vergangenheit mit der Gegenwart verbindet. El botón de nácar ist der einzige Dokumentarfilm im Wettbewerb der Berlinale.

Guzmán beginnt mit einem Flug über die Inseln des chilenischen Teils Patagoniens und macht deutlich, wie weitreichend die Küste des Andenlandes ist. In den Fokus stellt der Regisseur die indigene Bevölkerung von Chiles Süden, die seit jeher auf und mit dem Wasser lebt und sich in ihren Kanus die Region erschlossen hat. Guzmán beschreibt ihr Leben von einst und heute (und lässt sie es selbst beschreiben) und kommentiert.

El botón de nácar thematisiert ebenso Chiles Kolonialgeschichte, und hier weicht Guzmán zunächst ab vom Thema Wasser, macht dann aber deutlich, dass durch die graduelle Ausrottung der Ureinwohner wertvolles Wissen verschwunden ist. In Chile gäbe es so viel Wasser, so viel Küste, nutzen würde dies das Land allerdings nicht. Aus der Episode um Jemmy Botton, der für einen Knopf sein Leben an die englischen Seefahrer verkauft habe, extrahiert Guzmán den Titel des Films "Der Perlmuttknopf" und verknüpft das Koloniale mit der jüngeren Vergangenheit der Diktatur.


(Bild aus El botón de nácar, Copyright: Katell Djian)

Denn nicht nur die Atacama-Wüste im Norden ist zum Friedhof für die Tausenden von Verschwundenen geworden, sondern ebenso der Ozean. Erst spät hat man herausgefunden, dass das Pinochet-Regime ermordete Dissidenten in den Pazifik geworfen hat, ihre Leichen so verschwinden ließ. Die Körper wurden an alte Eisenbahnschienen gebunden, um auf den Meeresboden zu sinken, und eben an einem dieser - mittlerweile verrosteten, verrotteten und vor zehn Jahren geborgenen - Schienenstücke hat man einen Knopf gefunden, das einzige Zeichen dafür, dass ein Mensch von der Eisenstange mit in die Tiefen gezogen wurde. Zentral ist die Sequenz, in der Guzmán das Töten, Verpacken und Verschwinden-Lassen eines Menschen für den Film nachstellen lässt. Diese visuelle Deutlichkeit macht das doch so unbegreiflich Geschehene real oder realer und zeigt auf, dass es wirklich passiert ist. Unfassbar, unbegreiflich bleibt es trotzdem.

Die Diktatur und die Verschwunden sind stets das Thema in den Filmen von Guzmán; als Filmemacher ist er das zentrale Gewissen Chiles und hat nach und nach mit Filmen wie El caso Pinochet (2001) oder Salvador Allende (2004) die verschiedenen Aspekte der vergangenen Jahre aufgearbeitet. El botón de nácar bringt wieder neue Informationen auf die Leinwand, reiht sich perfekt in sein Schaffen ein und bildet das filmische Gegenstück zu Nostalgia de la luz, der einzige Film, der bisher im nationalen Fernsehen Chiles veröffentlicht wurde, berichtete Guzmán im Anschluss an den Film.

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(Clip aus El botón de nácar)

Der Geschichte der Folter, des Verschwindens, der Vernichtung in Chile wird in El botón de nácar allerdings etwas Lebendiges und Positives entgegengesetzt: Immer wieder beschwört Guzmán als Off-Sprecher das Verhältnis von Wasser und Leben und betont, wie wichtig Wasser für das Leben sei. Genauso verhält es sich mit der Vergangenheit, sie gehört für Guzmán unabdinglich zum gegenwärtigen Leben, und es bleibt Chile zu wünschen, dass mehr von Guzmáns Filmen nicht nur im Ausland rezipiert und in den kleinen Kinos laufen, sondern landesweit ausgestrahlt werden.

(Verena Schmöller)