15 08/02

Doppelschlag: "Knight of Cups" (für Malick-Verächter)

Ganz selten erwischt einen ein Film derart, dass man die Reaktion körperlich spüren kann. Insofern kann man es als glückliche Fügung ansehen, dass mich dieses Schicksal gleich an zwei aufeinanderfolgenden Tagen bei der diesjährigen Berlinale ereilte. Gestern bei Sebastian Schippers Victoria gab es Momente, bei denen mir das Adrenalin durch die Adern rauschte, der Pulsschlag sich rasant beschleunigte und der Blutdruck stieg, weil ich so sehr mit hineingezogen wurde in diesen Sog, dass es kein Entrinnen gab. Heute dann bei Terrence Malicks neuem Opus Knight of Cups waren es exakt die gleichen Symptome - die Ursachen aber waren ganz andere.


(Trailer zu Knight of Cups)

Der Trailer versprach einiges, die Synopsis, die vorab zu finden war, hüllte sich in viel oder nichtssagende Andeutungen und ließ Fragezeichen über die zu erwartende Geschichte entstehen, die sich auch nach dem Film nicht in Luft auflösten. Weil das, was da erzählt wurde, einerseits recht vage und unkonkret blieb und andererseits lediglich als Variationen der Themen und Motive der beiden Vorgängerfilmen The Tree of Life und To the Wonder dargeboten wurde. Fest steht Folgendes: Rick (Christian Bale) ist ein erfolgreicher Drehbuchautor in Hollywood, der aber über dem ganzen Ruhm und der Kohle (deutsche Autoren überlesen diese Stelle am besten) nicht glücklich geworden ist, sondern entsetzlich an sich und dem Leben leidet. Das hat irgendwie mit seiner Kindheit zu tun (wieder einmal musste hier ein Bruder sterben und der eigene Vater ein Ekel sein, um eine diffuse "Backstory Wound" als Begründung für die mäandernde Melancholie Malickscher Prägung zu installieren), aber auch mit den Frauen, die sich hier von Kapitel zu Kapitel die Klinke in die Hand geben - keine aber versteht es, dem krisengeschüttelten Rick Halt zu geben. Und so stolpert er durch Wüsten, hält vorzugsweise an kalifornischen Stränden Händchen mit einer gertenschlanken, rehäugigen Schönheit nach der anderen (unter anderem verschleißt er im Laufe der Filmes Freida Pinto, Cate Blanchett und Natalie Portman), fährt im Cabrio durch das wechselweise gleißendhelle und nachtschwarz-neonbeschienene Los Angeles oder steht sonstwie dekorativ in der Gegend herum, während die Geigen derart schwelgen, dass man stets befürchten muss, dass gleich die Erben Maurice Ravels mit einer saftigen Plagiatsklage um die Ecke biegen.

Aber gut, Geschichten, so scheint es, stehen längst nicht mehr in Malicks Fokus, ihn interessieren vielmehr Bilder, Töne, Emotionen und deren assoziative Montage, die dann etwas entstehen lassen, das eher Lyrik als Prosa, eher Gedicht als Roman ist. Leider liegt die Güte der Malickschen "Poesie" ungefähr auf dem literarischen Level eines Paolo Coelho - und genauso fühlt sich dieser Quark auch an.

Klebrige Instant-Esoterik trifft auf den sattsam bekannten Pantheismus, pseudophilosophisches Gefasel wird mit katholischem Erzgedankengut und etwas schlampig recherchierten Tarot-Gedöns abgeschmeckt, dazu wohlweile Weltschmerz-Bilder wie aus einem Design-Katalog und elfenhafte Wesen, die vorzugsweise nackt oder in duftigen Kleidchen Ringelpiez mit Anfassen mit dem geplagten Mann veranstalten, um dann von dem gegen die nächste Schönheit ausgetauscht zu werden. Das allein wäre ja schon schlimm genug, doch hinzu gesellt sich ein Off-Erzähler (the voice of GOD wahrscheinlich - und der schlummert bei Malick bekanntlich in allen Dingen), der fortwährend Binsenweisheiten aus der lyrisch-esoerischen Hausapotheke zum Besten gibt, die sich zu einem jammernden Klagechor von First-World-Problems summieren - ein permanentes Raunen, das vermutlich überdecken soll, dass dieser Film im Innersten so hohl und leer ist wie seine Hauptfigur.

Was übrig bleibt, sind Bilder, die so glatt und überästhetisiert sind wie ein Hochglanzporno, der von Höhepunkt zu Höhepunkt eilt: Entweder man ergibt sich dem Strom der Bilder und Töne oder bekommt das dringende Bedürfnis, diese manirierte und manikürte Schönheit zu besudeln. Vielleicht liegt ja darin die eigentliche Qualität Terrence Malicks, dass seine in Filmbilder gegossene Sinnsuche in ähnlicher Ausmaße provoziert und spaltet wie bei den Werken Lars von Triers - beide bilden sozusagen sich diametral gegensätzliche Glaubensrichtungen, die nur zwei Alternativen erlauben: Entweder man glaubt und folgt ihnen bedingungslos oder kann mit deren universalen Weltsichten nichts anfangen.

Mit einem wesentlichen Unterschied - zumindest aus meiner Sicht: Während bei dem Dänen die Suche nach einem Sinn und einer Wahrheit direkt in die Abgründe der menschlichen Seele führt, verbleibt Malick an der reinen Oberfläche und gibt nur vor, tiefgründig zu sein. Für die einen mag das eine quasi-religiöse Offenbarung sein, für die anderen (und zu denen zähle ich mich), ist das reine Scharlatanerie.

(Joachim Kurz)

Ist die Kritik zu negativ? Hier geht es zur Besprechung für Malick-Liebhaber.