15 12/02

Beira-Mar

Eigentlich hätte Tomaz bei der Hochzeit seiner Cousine sein sollen. Eigentlich hatte das seine Mutter von ihm verlangt. Doch dann ist Tomaz mit seinem besten Freund Martin weggefahren. Im Süden Brasiliens soll Martin eine Erbschaftsangelegenheit seines Vaters klären. Doch vor Ort erweist sich das als schwierig. Die Verwandten hegen einen unerklärlichen Groll gegen Martins Vater. Sie sind wütend, dass er seinen Sohn schickt und sich nicht selbst stellt. Deshalb verweigern sie Martin die nötigen Dokumente.


(Filmbild aus Beira-Mar, Courtesy Berlinale 2015)

Und so bleiben die Teenager erstmal allein. Zwei Jungs, die durch den Tag und vor allem durch die Nacht streifen. Die Kamera fängt ihr driften sehr diskret ein. Häufig sehen wir nur die Brust und die Halspartie. Eine körperliche Vorahnung schwingt hier schon mit, die sich dann später sehr deutlich entladen wird. Dann aber verliert dieser sehr atmosphärische Coming-of-Age Film seine Dichte und Leidenschaft.

Brasilien ist auf dieser Berlinale übrigens das wichtigste Filmland. Dort ist gerade etwas los, sagen die Sektionsleiter. Beira-Mar von Felipe Matzembacher und Marcio Reolon gehört zur Speerspitze dieser Bewegung. Die beiden Regisseure interessieren sich für die stillen Verschiebungen der Gefühlswelten der beiden Jungs und dringen sehr tief in diese Teenagerwelt ein. Martin und Tomaz wohnen in einem verlassenen Haus am Meer. Und obwohl sie viel Platz haben, hocken sie sich immer in irgendwelche unbequemen Ecken. Sie flüstern, obwohl sie das nicht müssten. Denn noch können sie sich nicht jene Freiheit nehmen, nach der sie und ihre Körper verlangen. Bei Martin ist es das traumatische Verhältnis zu seinem dominanten und harten Vater, der seinen Sohn mit Angst erzieht. Deshalb fürchtet Martin das Meer. Bei Tomaz ist es wiederum das Begehren gegenüber Martin. Tomaz liebt seinen besten Freund. Aber wie von dem Unsagbaren sprechen?


(Trailer zu Beira-Mar)

Diese emotionalen Sackgassen brechen langsam auf. Zunächst auf einer Party mit Mädchen, Alkohol und Drogen. Im Spiel (Flaschendrehen) werden plötzlich Möglichkeiten durchgedacht, die sich sonst keiner getraut hätte auszusprechen. Tomaz muss sich die Haare blau färben lassen, muss für fünf "himmlische Minuten" mit Martin in den Schrank und dann mit einem der Mädchen ins Bett. Natürlich ist er der einzige, der nicht mit ihr schlafen wird. Erst als die beiden Jungs wieder alleine sind kommt es zur Konfrontation ihrer unterdrückten Gefühle.

Doch dabei verliert der Film auch etwas von seiner Intensität und seiner Reife. Aus der interessanten Coming-Of-Age-Variante wird eine recht gewöhnliche Coming-Out-Geschichte. Das ist nicht schlimm aber dann doch etwas schematisch. Und wir merken: Manchmal ist blau eben doch einfach nur eine Farbe.

(Verena Schmöller)