15 08/02

Androids Dream

Über 400 Filme werden jedes Jahr auf den Berliner Filmfestspielen gezeigt. Für den Zuschauer ist es nicht leicht, sich bei diesem reichhaltigen Angebot die richtigen Filme herauszusuchen. Oft entscheidet man sich für oder gegen ein Werk nur aufgrund des Titels oder einiger Schlagworte, die man im Programm aufgeschnappt hat. Ion de Sosas Androids Dream, der wie Ridley Scotts Meisterwerk Bladerunner lose auf dem Roman Do Androids Dream of Electric Sheep? von Philip K. Dick beruht, ist trotz dieser bedeutenden Bezugspunkte und einiger interessanter eigener Ansätze, ein Film, den man getrost auslassen kann.


(Bild aus Androids Dream, Courtesy Berlinale 2015)

Im Jahre 2052 in einer namenlosen spanischen Stadt macht ein Kopfgeldjäger (Manolo Marín) jagt auf Androiden, die echten Menschen täuschend ähnlich sehen. Trist wie sein monotoner Job, den er ohne erkennbare Gemütsregung durchführt, ist auch die Stadt um ihn herum. De Sosa lässt keinen Zweifel daran, dass er den futuristischen Schauplatz seines Films, der sich ebenso im Jetzt befinden könnte, als trostlose, menschenfeindliche Einöde und Ansammlung von anonymen Wolkenkratzern begreift. Abwechselnd zeigt er die leeren Räume der Gebäude sowie Szenen, in denen man dem Jäger zusieht, wie er ganz normal aussehende und in keiner Weise künstlich wirkende Personen unsanft in den "Ruhestand versetzt". Über den Vollstrecker erfährt der Zuschauer nur, dass er ein (elektrisches?) Schaf auf dem Dach seiner Wohnung hält und über die Opfer im Grunde nichts. Nur eine Familie mit Baby lernt man etwas näher kennen. Eine gewisse Dramatik bekommt de Sosas Film erst, als sich der Kopfgeldjäger daran macht, auch diese zu töten.

Interessant ist de Sosas freie Adaption insofern, als dass es keine Unterschiede zwischen Mensch und Maschine zu geben scheint und es im Gegensatz zu Philip K. Dicks Roman auch keinen Grund mehr gibt (dort werden Androiden als Bedrohung wahrgenommen), sie auszuschalten. Dadurch wird die Roboterjagd bei de Sosa ganz allgemein zur Jagd nach "dem anderen". Was den anderen so anders macht, darüber schweigt der Film sich aus, aber es gibt Hinweise. Man kann Androids Dream durchaus vor dem Hintergrund aktueller religiöser Konflikte sehen; der Film ist durchzogen von religiöser Symbolik, nicht nur, weil der Showdown vor einem riesigen Kreuz stattfindet. Der Mensch wirkt klein im Angesicht dieser mächtigen Symbole. Auch das Lamm, das sich der Kopfgeldjäger nach dem Tod seines Schafs kauft und mit dem gemeinsam er nach getaner Arbeit auf die Stadt hinunter blickt, passt ins Bild. Das Tier ist dem Mann wichtiger als die Androiden (oder waren es doch Menschen?) die er auf dem Gewissen hat, es versinnbildlicht seine empfundene Unschuld.

Ob de Sosa dies oder etwas ganz anderes mit seiner Adaption sagen wollte, bleibt allerdings unklar, die Hinweise sind rar gesät. Das wäre für sich genommen nicht so schlimm, denn offene Filme und ihre Interpretation, können sehr reizvoll sein. Wenn sie allerdings so dröge daher kommen, wie in diesem Fall, wenn sich 60 Filmminuten anfühlen, als wären sie mindestens doppelt so lang, dann helfen alle "Philip K. Dick"-Referenzen nichts. Wer kein Opfer des Irrglaubens werden will, dass freudlose Geschichten auch freudlos umgesetzt werden müssen, sollte in Erwägung ziehen, sich lieber einen anderen Film aus dem reichhaltigen Berlinale-Programm auszusuchen.

(Björn Helbig)