14 12/02

Supernova

Ein Haus im Nirgendwo, es steht an einer Kurve, die Straße selbst führt von irgendwo - da ist wohl ein Dorf - zu einer nur halbfertigen Brücke, unter der sich nachts die lauten Nichtmehrjugendlichen in ihren Autos treffen, zum Trinken und zum Sex. Das ist wie am Ende der Welt, zumindest gibt es eine Ahnung davon; und im Haus warten die 15-jährige Meis, ihre Eltern und ihre möglicherweise demente Großmutter auf etwas - ostentativ darauf, dass es einen Autofahrer aus der Kurve trägt und ins Haus hinein.

(Still aus Supernova, Courtesy: Internationale Filmfestspiele Berlin)

Man hat dieses seltsame Gefühl eines endlosen, immergleich sonnigen Sommers; der Mais steht zwar auf den Feldern in vollem Saft, aber alles wirkt trocken. Es ist nichts zu tun, keine Ahnung von Schule oder Bildung, obwohl Meis physikalische Gesetze zitiert wie andere Leute Kalenderweisheiten - die einzige Lektüre im Haus scheinen die schlüpfrigen Romanzen zu sein, die Meis' Mutter liest und in die sich die Tochter hineinträumt.

Tamar van den Dop lässt das leicht surreale, irre dieser Situation nur langsam in ihren zweiten Film tröpfeln, der sich so ganz auf seine Protagonistin konzentriert. Gaite Jansen gibt der jungen Meis Gesicht, Körper und vor allem Stimme - sie kommentiert alle Ereignisse aus dem Off, aber oft sitzt, steht oder liegt sie auch nur da. Es vergeht viel leere Zeit in Supernova, bis dann doch etwas passiert - schon ganz früh wird klar, dass es genau das ist, das Vakuum und die Sterne darin, was den Film interessiert: Das große Ganze, konzentriert auf unser Hier und Jetzt.

(Still aus Supernova, Courtesy: Internationale Filmfestspiele Berlin)

Für Meis ist das vor allem die Sehnsucht nach körperlicher Liebe. Sie trifft sich mit einer Lesbe aus dem Dorf, deren Herz sie immer wieder bricht, wenn sie ihr erzählt, wie sehr sie Sex mit einem Jungen herbeisehnt. Aber es ist ja keiner da; sie wünscht sich einen solchen für das Auto herbei, das ins Haus brechen soll. Der kommt dann wirklich, und der Film verliert dann seine Bodenhaftung noch ein wenig mehr, falls das möglich ist.

Supernova, eine aufgeladene Coming-of-Age-Geschichte, die sich britzebreit in der Jugendsektion der Berlinale platziert, ist ein so eigenartig flirrendes Stück Film, von enervierender Langsamkeit und Handlungsarmut, zugleich aber doch nicht so leer, wie er tut. Alles ist immer einen Hauch zu bizarr für diese Welt: die Briefe anderer Männer aus der ganzen Welt, die die Mutter (von van den Dop selbst verkörpert) hortet, der antriebslose Vater und die doch viel zu abgeklärte, obgleich unerfahrene Meis.

Die Regisseurin sah, so berichtete sie auf der Berlinale, in der Geschichte - der Film ist eine Adaption von Do van Ransts Roman Wir retten Leben, sagt mein Vater - Becketts Warten auf Godot gespiegelt, und eine ähnliche Entrücktheit steckt darin; so dass dieses irre Dasein, dieses Warten (immer auch: ein Warten auf den ersten Sex) womöglich einem pubertierenden Dasein sehr nahe kommt. Dass viele Momente (die Fliegen!), visuelle und akustische Anregungen aus dem Meta-Giallo Amer übernommen worden zu scheinen, ergibt dann noch einmal einen eigenen, leuchtenden Sinn, in diesem alles überstrahlenden Sommer.

(Rochus Wolff)

Bisherige Kommentare

(Anzeige: 1 von insgesamt 1)
Von: FrauFlinkwert am: 12.02.14
Ja, schade, den hätte ich wirklich gerne gesehen, hatte aber kein Ticketglück und mich dann für den betreffenden Timeslot für einen anderen Film entschieden. Hoffe, es gibt ihn später hierzulande mal auf DVD zu sehen, weils mich doch sehr interessiert.

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