14 08/02

La voie de l'ennemi

Das Grenzgebiet von den USA zu Mexiko ist ein karges, hartes, unwirtliches Land, das dem Autor Cormac McCarthy zu Folge, ebenso harte, verhärmte und unbarmherzige Menschen hervorbringt. Seit der kongenialen Coen-Brothers-Verfilmung des gleichnamigen McCarthy-Romans, wissen wir, dass dies wahrlich "Kein Land für alte Männer" (No Country for Old Men) ist. Das Prinzip des Nicht-Vergeben-Könnens und der daraus folgenden absoluten Erbarmungslosigkeit hat Cormac McCarthy in seinem Drehbuch zu Ridley Scotts The Councelor auf die Spitze getrieben. - Im übrigen ein zu unrecht verschmähtes Werk, das in Zukunft sicherlich eine starke Aufwertung erfahren wird. - Auf der Berlinale wurde jetzt mit La voie de l'ennemi (Two Men in Town) erneut ein Film gezeigt, der direkt dem Cormac McCarthy-Universum entsprungen zu sein scheint. Tatsächlich handelt es sich bei dieser französisch-amerikanischen Koproduktion von Rachid Bouchareb jedoch um ein Remake des französischen Krimis Deux hommes dans la ville von 1973.

(Foto: Courtesy Internationale Filmfestspiele Berlin / Copyright Gregory Smith)

Eine Kleinstadt im Grenzgebiet in New Mexiko. Immer wieder werden tote illegale Einwanderer gefunden, die entweder von Redneck-Milizen ermordet wurden oder schlicht auf ihrer Flucht aus der Armut in der Wüste verdurstet sind. Der Polizistenmörder William Garnett (Forest Whitaker) wird nach 18 Jahren auf Bewährung aus der Haft entlassen. Im Gefängnis hat Garnet sich vorbildlich verhalten und den muslimischen Glauben angenommen, der ihm neue Kraft und Hoffnung gibt. Auch seine Bewährungshelferin (Brenda Blethyn) ist von Garnets positiven Wandel überzeugt und unterstützt ihn nach besten Kräften dabei ein neues Leben anzufangen. Doch der Sheriff des Ortes (Harvey Keitel) hat nicht vergessen, dass Garnet einst seinen Deputy umgebracht hat. Ein ehemaliger Verbrecherkollege (Luis Guzmán) will Garnet wiederum erneut für seine Geschäfte einspannen. Der träumt jedoch von nichts anderem, als mit seiner neuen Liebe eine Familie zu gründen und ein ganz einfaches und ehrliches Leben anzufangen...

Two Men in Town ist ein existentielles Drama, in dem die karge Wüstenlandschaft die unerbittliche Realität dieses Lebens widerspiegelt. Immer wieder zeigt der Film Bilder einzelner Menschen, die inmitten dieser öden Weite fragil und verloren erscheinen. Der Film ist ein Crime-Drama, aber mehr noch ein Charakterdrama, in dem die Krimihandlung Ausdruck der Härte der äußeren Widerstände und ein Katalysator für die daraus erwachsenen inneren Kämpfe ist. Im Zentrum dieses Dramas steht der von einem gewohnt hervorragenden Forest Whitaker gespielte William Garnett. Dessen anfängliche schier grenzenlose Freude über die neugewonnene Freiheit fängt sehr rasch an zu bröckeln, als er sieht, dass er gerade außerhalb des Knasts Schlag um Schlag einstecken muss. Nicht nur Garnetts neuen Glauben wird auf eine harte Probe gestellt, sondern auch sein äußerst impulsives Gemüt. So gutmütigt Garnett eigentlich sein mag, traut man ihm durchaus zu im Affekt einen Menschen umbringen zu können.

Der Sheriff, der versucht Garnetts Impulsivität seinen eigenen Vorstellungen entsprechend auszunützen, ist eine der besten Rollen für Harvey Keitel seitdem er in Abel Ferraras Bad Leutenant (1992) einen noch weitaus offensichtlicheren Schweinehund von Gesetzeshüter verkörpert hat. Ähnliches gilt für Luis Guzmán, dem der schmierige Schweinehund bereits ins Gesicht eingeschrieben ist und der mit dieser fiesen Verbrechervisage sowieso auf solche Rollen abonniert ist, wie z.B. Brian De Palmas zu Unrecht vergessenes Meisterwerk Carlito's Way (1993) zeigt. Was aus Two Men in Town einen wirklich hervorragenden Film macht, ist die Tatsache, dass die Figuren trotz ihrer deutlichen Grundpositionierung vielschichtig und voller Ecken und Kanten sind. Der Sheriff benimmt sich Garnett gegenüber wie ein echter Schweinehund. Aber zugleich fühlt er mit den illegalen Einwanderern mit und weist die jene lynchen wollende Rednecks scharf zurück. Garnette Bewährungshelferin wiederum scheint nicht nur ein gutes Herz, sondern auch ein kleines Alkoholproblem zu haben und Garnetts neue Freundin, will anfangs lieber ihr ruhiges Leben behalten, als Garnett haben. Um es kurz zu fassen: Die Griechen hatten ihre Tragödien, wir haben Filme wie No Country for Old Men und Two Men in Town.

(Gregor Torinus)

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