14 13/02

La tercera orilla

Auf den ersten Blick sind die Reinosos eine ganz normale, gut situierte Familie aus Argentinien. Die Kinder sind wohlgeraten, der Mann verdient als Arzt genug, es fehlt scheinbar an nichts. Und doch merkt man schnell, dass hier etwas nicht stimmt, dass das Idyll, das die ersten Szenen zeigen, ein brüchiges, ist, dem ein Geheimnis anhaftet.

(Still aus La tercera orillo, Copyright: Tresmilmundos Cine)

Warum beispielsweise ist Nicolas (Alian Devetac), der älteste Sohn, der beinahe volljährig ist, so still? Und warum versteckt er sich immer wieder vor seinem Vater Jorge (Daniel Veronese)? Was verbirgt dieser vor seiner Familie? Warum verschickt er immer nicht unerhebliche Geldsummen in Umschlägen und verschwindet ab und zu für Wochen, um auf einer Farm nach dem Rechten zu sehen? Dann, ganz langsam, stellt sich heraus, dass es da noch eine andere Familie gibt, die Jorge ebenfalls als die seine ansieht. Und Nicolas, so sieht es der Vater vor, soll ihm später mal nachfolgen, sowohl bei der Berufswahl wie auch bei der Sorge um die Farm. Der Junge aber, der nicht viel spricht, aber in dem es innerlich umso mehr brodelt, mag die Situation, die vollkommen offensichtlich ist, über die aber niemand spricht, nicht länger akzeptieren. Die Mauer des Schweigens und der psychischen Gewalt, die Jorge ausübt, gerät ins Wanken und wird schließlich von Nicolas eingerissen. Denn es bedarf schon einer gewaltsamen Befreiung aus dem Gestrüpp aus Lügen, Heuchelei und Geheimnissen, um endlich das Joch loszuwerden, das den Jungen niederdrückt.

Schweigen, Verschweigen, Totschweigen - all diese Formen der Nicht-Kommunikation sind zentrale Elemente des neuen Films von Celina Murga (Una semana solos, 2008). Aus dem Presseheft erfährt man, dass solche Parallelbeziehung wie die, die im Film gezeigt wird, in Argentinien häufiger vorkommen, dass sie vielfach sogar zur gesellschaftlichen Realität gehören und dass sie stillschweigend geduldet werden, weil die patriarchalen Strukturen immer noch funktionieren.

Überhaupt, so scheint es, wird in Südamerika viel geschwiegen, wird mehr nicht gesagt als ausgesprochen. Das wird vor allem deutlich, wenn man sich an die Filme aus Argentinien in den letzten Berlinale-Wettbewerben erinnert. Man kann darin einen Widerschein des Schweigens über die Gräuel der Militärdiktatur sehen, deren Wunden immer noch nicht verheilt sind.

(Still aus La tercera orilla, Copyright: Tresmilmundos Cine)

Allerdings enthält sich Celina Murga eines politischen oder gesellschaftlichen Kommentars. Ihr Blick auf ein weit verbreitetes Phänomen ist vor allem vom Interesse für die Psychologie ihrer Figuren geprägt. Weil der Zuschauer aber eine ganze Weile braucht, um hinter das Geheimnis Jorges zu kommen, weil sein Sohn so beharrlich jede Kommunikation verweigert und weil man dessen innere Kämpfe allenfalls an seinen Augen und in seinem Gesicht lesen kann, wird La tercera orilla mitunter zu einer echten Geduldsprobe. Dass man dennoch nicht das Interesse verliert, liegt vor allem an dem Gesicht Alian Devatacs, hinter dessen Unbewegtheit man die inneren Kämpfe eher spürt als wirklich sieht.

(Joachim Kurz)

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