14 07/02

Kumiko - The Treasure Hunter

Von allen Figuren, die uns dieses Jahr auf der Berlinale begegnen werden, von allen Liebenden und Verzweifelten, Gejagten und Versklavten, Einsamen und Hassenden; von all diesen Charakteren, die uns von der Leinwand in den nächsten Tagen entgegenblicken werden, ist Kumiko (Rinko Kikuchi) die größte Träumerin.


(Bild aus Kumiko - The Treasure Hunter, Courtesy: Berlinale 2014)

Im neuen Zellner Brothers Film Kumiko - The Treasure Hunter findet sie in einer Höhle auf einer einsamen Insel eine VHS-Kassette mit dem Film Fargo der Coen-Brüder. Sie sieht, wie Steven Buscemi darin im schneebedeckten Fargo einen Koffer voller Geld vergräbt. Kumiko, die traurige Sekretärin, meint tatsächlich den Schatz finden zu können. Sie sammelt Karten von Minnesota, zeichnet, rechnet und setzt sich fest entschlossen in den Flieger, um den Kino-Schatz zu heben und aus ihrem langweiligen Leben zu fliehen.

Kumiko - The Treasure Hunter ist eine herrlich-verschrobene und sehr raffiniert erzählte Kinometapher. Denn vieles bleibt in der Schwebe. Wo findet sie die VHS-Kassette? War sie wirklich auf der Insel? War das ein Traum? Das bleibt offen. Doch zunächst spielt der Film in einem sehr real wirkenden Tokio. Kumiko ist eine Außenseiterin, deren Mutter sie per Telefon beschimpft, weil sie sich keinen Mann sucht. Die Kolleginnen ignorieren sie. Ihr Chef meint, sie wäre ambitionslos oder lesbisch. Und deshalb zieht sich Kumiko zurück und vergräbt sich in ihrer naiven aber auch romantischen Vorstellung, dass irgendwo im verschneiten Fargo ein Koffer voller Geld liegt und auf sie wartet.


(Bild aus Kumiko - The Treasure Hunter, Courtesy: Berlinale 2014)

Die Zellner Brüder verneigen sich natürlich tief vor ihren Kollegen, den Coens. Besonders wenn der zweite Teil des Films in Minnesota spielt und Kumiko trottelige Polizisten, warmherzige Großmütter und kauzige Evangelikale trifft, erkennt man sofort die typische Charakterzeichnung der Coens. Aber die Zellners kopieren nicht. Das rettet ihren Film, der zugegebenermaßen an seinen Rändern zerfasert und hin und wieder seinen Fokus verliert. Am Ende löst sich Kumiko - The Treasure Hunter fast völlig in Luft auf und schwingt sich wieder in die verträumten surrealen Zwischenwelten auf, aus denen er vielleicht überhaupt erst gekommen ist. Das unterscheidet ihn dann erheblich von Kid-Thing, dem Vorgängerfilm der Zellners. Kid-Thing war wesentlich dichter, konzentrierter in Form und Inhalt. Doch man verzeiht ihrem neusten Streich durchaus viele kleine Ungereimtheiten.

Und der Grund heißt: Kumiko. Eine Frau, die - man kann es gar nicht genug wiederholen - überzeugt ist, dass sie in einem Kinofilm einen Schatz entdeckt hat. Dass Fargo etwas Reales hat, das allein für sie offenbar wird. Was für ein unendlich schöner Gedanke! Haben wir nicht alle eine VHS-Kassette mit einem Film in uns versteckt? Einen Film, von dem wir überzeugt sind, dass er vielleicht nicht so fiktional ist, wie es uns alle sagen? Aber wir würden das nie aussprechen. Man könnte uns für verrückt erklären, so wie Kumikos Mutter oder ihr Chef das machen. Der einzige Unterschied - und beim näheren Hinsehen ist es traurigerweise ein gewaltiger - zwischen uns und Kumiko ist folgender: Sie darf sich diese Reise erlauben, weil sie selbst eine Leinwandfigur ist. Und als solche gehorcht sie ganz eigenen Regeln. Wir dürfen ihr aber beim Träumen zu sehen. Damit ist mehr gewonnen als verloren.

(Patrick Wellinski)

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