14 07/02

Jack

Das erste Bild ist trügerisch: Jack (Ivo Pietzcker) und sein jüngerer Bruder Manuel (Georg Arms) liegen einträchtig nebeneinander auf einer Matratze und schlafen, das warme Licht des Morgen taucht die Kinder in ein weiches Licht, es ist ein Anfangsbild voller Harmonie. Doch für lange Zeit wird dies das einzige Bild sein, dass diese Harmonie und Geborgenheit ausstrahlt.

Denn schon kurz danach ist es mit der Ruhe vorbei: Aufgeweckt von ihrer Mutter Sanna (Luise Heye) übernimmt der ca. neunjährige Junge die Verantwortung für seinen Bruder, hilft ihm beim Anziehen, bereitet ihm das Frühstück, übernimmt all die Aufgaben, die eigentlich seiner Mutter obliegen würden. Dabei ist es gar nicht mal so, dass Sanna eine böse Mutter wäre - sie ist vielmehr zu jung, zu wenig verantwortungsbewusst, zu sehr mit sich selbst und ihrem eigenen Leben beschäftigt, um sich um ihre beide Söhne, die von verschiedenen Vätern stammen, in dem Maß zu kümmern, wie die Jungs das brauchen würden. Und es ist auch keinesfalls so, dass es nicht bemerkt werden würde, dass die junge Frau mit ihrer Aufgabe überfordert ist. Bei einem Gespräch mit dem Jugendamt wird beschlossen, dass Jack in die Obhut eines Heimes kommen soll, was Sanna zunächst ablehnt. Bald schon willigt sie jedoch in das Unabwendbare ein, um nicht auch noch Manuel zu verlieren.

Der stille Junge aber kommt in dem Heim nicht zurecht, weil der ältere Danilo ihn drangsaliert. Als es zwischen den beiden zum Streit kommt, dreht Jack durch und flieht anschließend, um zurück nach Hause zu gelangen. Doch Sanna ist weg, ohne eine Nachricht zu hinterlassen und wie gewohnt einen Schlüssel zu deponieren - unversehens steht Jck auf der Straße und macht sich auf die Suche nach seiner Mutter, die nirgendwo mehr zu erreichen ist. Und weil auch Manuel bei einer Bekannten geparkt wurde, holt Jack seinen Bruder ab. Für die beiden Kinder beginnt eine Odyssee durch ein Berlin, dass von den beiden keinerlei Notiz nimmt - immer auf der Suche nach einem sicheren Schlafplatz, etwas zu essen und natürlich nach ihrer Mutter, die wie vom Erdboden verschwunden zu sein scheint.


Der erste deutsche Wettbewerbsbeitrag Jack von Edward Berger und Nele Müller-Stöfen, die zugleich die Rolle der Becki spielt, erinnert sowohl vom Inhalt wie auch von der realistischen Herangehensweise an die Filme der Brüder Dardenne, besonders an Der Junge auf dem Fahrrad. Bedingungslos folgt die mobile Kamera den Gängen des Jungen, heftet sich ihm immer wieder an die Fersen, zeigt ohne zu große dramatische Zuspitzungen die Verlorenheit des Kindes, sein ungeheures Verantwortungsgefühl, die Verzweiflung und die immer wider aufscheinenden Hoffnungsschimmer, die Jack seine Reise überstehen lassen. Sehr dezente Musikeinsätze, die ebenfalls in ihrer Pointiertheit an Der Junge auf dem Fahrrad erinnern, setzen emotionale Akzente und sorgen neben dem bewundernswerten Spiel der beiden Kinderdarsteller dafür, dass man dem Film auch einige kleine Logiklöcher verzeiht und bis zum überraschenden Ende stets mit Jack und Manuel mitfiebert, ob ihr Abenteuer wohl gut ausgehen wird.

Es ist kein schlechter Anfang für die vier deutschen Teilnehmer am Wettbewerb um den Goldenen Bären. Ob es dafür reichen wird, dazu ist es noch zu früh. Man sollte sich aber Ivo Prietzcker als Kandidat um den Preis des besten Darstellers merken. Sein engagiertes, niemals übertriebenes und völlig glaubwürdiges Spiel verleiht diesem Film das gewisse Etwas, das dafür sorgt, dass man diese Geschichte nicht so schnell vergisst.

(Joachim Kurz)

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