14 12/02

Historia del miedo

Es gibt Filme - und meist sind es Glücksfälle unter den vielen Werken, die man auf einem Festival so sieht - die wirken aus verschiedenen Gründen lange nach nach. Benjamín Naishtats lange nachwirkender und im ersten Moment sehr verstörender Debütfilm Historia del miedo ist im bisherigen Wettbewerb der Berlinale einer der wenigen Filme, der sich bewusst meilenweit von den Seh- und Konsumgewohnheiten der Zuschauer entfernt und der deshalb ein enormes Risiko eingeht.

(Still aus Historia del miedo, Copyright: Visit Films)

Sein kaleidoskopartiger, fragmentarischer Blick auf die Welt einer "gated community" in Argentinien und viele seltsame Ereignisse, die dort passieren, ist ein Filmrätsel, dessen spröde Schönheit sich nicht auf den ersten Blick erschließt. Wie ein schleichendes Gift dringen die Bruchstücke in den Kreislauf des Bewusstseins des Zuschauers ein und hinterlassen dort Spuren und den Wunsch, diesen Film noch einmal zu sehen. Und noch einmal. Und noch ein weiteres Mal. Bis man ihm auf die Spur gekommen ist, die er auslegt hat.

Aufgebaut ist Historia del miedo in szenischen Miniaturen, die ein eher gefühltes als rational erfasstes Gesamtbild ergeben; sie bilden eher die Zustandsbeschreibung eines in Auflösung befindlichen Systems als eine erkennbare Geschichte, die von dieser Phase des in den Alltag einbrechenden Chaos erzählt. Eine Alarmanlage, die ohne Grund plötzlich angeht, ein junger Mann, der inmitten eines Fast Food Imbisses ohne erkennbaren Grund unvermittelt seltsame Bewegungen auszuführen beginnt, die so irritierend auf seine Umwelt wirken, dass sich der Security-Mann auf ihn stürzt, um ihn zum Stoppen zu bringen, ausgetauschte Beschimpfungen von Fremden über die Türsprechanlage und etliche andere Momente der Irritation, der Verschiebung des ganz normalen Alltags, eine Gesamtlage, die sich auf dem sicheren Weg der Eskalation befindet.

Auf seltsame Weise zeigen die Bildern und Fragmente, unterstützt vom bedrohlichen Sounddesign, wie sich etwas Dunkles, Unberechenbares, Zerstörerisches seinen Weg in eine Gesellschaft bahnt. Wenn es einen Film gibt, denn man innerhalb des  Wettbewerbs der Berlinale dringend ein weiteres Mal sichten sollte, dann ist es mit Sicherheit dieser. Weil er so vertrackt ist, dass es schwer fällt, sich mehr als einen eher erahnten als klar benennbaren Reim darauf zu machen.

Bei mir dreht sich Historia del miedo jedenfalls seit zwei Tagen im Kopf und hört nicht damit auf - und das muss man angesichts so vieler anderer Filme überhaupt erstmal schaffen.

(Joachim Kurz)

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