14 09/02

Die geliebten Schwestern

Am zweiten Tag des Wettbewerbs folgte mit Dominik Grafs Die geliebten Schwestern auch der zweite deutsche Beitrag des Wettbewerbs. Der Film erzählt innerhalb seiner fast drei Stunden Laufzeit von Friedrich Schillers Verhältnis zu den beiden Schwestern Charlotte von Beulwitz und Caroline von Lengsfeld. Die erste der beiden wird er später heiraten, doch auch mit der zweiten verband ihn ein mehr als inniges Verhältnis.

(Still aus Die geliebten Schwestern, Copyright: Senator Film)

Dominik Graf konzentriert sich in seinem Film weniger auf den Dichter selbst, sondern viel mehr noch auf die beiden Schwestern, die in ihrem Freiheitsdrang und ihrer Lebenslust ihrer Zeit weit voraus waren und verhandelt anhand dieses Beispiels die Frage, ob es gelingen kann, eine andere Form der Liebe, des Begehrens, der Leidenschaft zu leben, als dies von der Gesellschaft vorgesehen ist.

Als Caroline (Henriette Confurius) dem Dichter (Florian Stetter), der gerade aus Württemberg fliehen musste, zum ersten Mal in Weimar begegnet, ist sie erst kurze Zeit dort bei Hofe und soll nach dem Willen ihrer Mutter einen reichen Mann ausfindig machen. Denn nach dem Tod des Vaters steht es nicht gut um das thüringische Adelsgeschlecht von Lengsfeld. Schon Charlotte (Hannah Herzsprung) hat sich dem Schicksal gefügt und ist eine Vernunftehe eingegangen und genau das Gleiche wird nun auch von ihrer jüngeren Schwester erwartet. Nach einer herben Enttäuschung bei Hofe ergreift Charlotte, die vermeiden will, dass ihrer Schwester ihr nachfolgt, die Initiative und sorgt dafür, dass Caroline endlich die Briefe des Herrn Schiller beantwortet. Auf Einladung der beiden Schwestern verbringt der Dichter einen Sommer auf deren Anwesen in Rudolfstadt und dort wächst in allen dreien das Gefühl heran, dass sie zu dritt glücklich sein könnten. Die Euphorie währt aber nur kurz, denn solch eine Verbindung ist natürlich völlig undenkbar und so vereinbaren Caroline und Charlotte, dass wenigstens die Jüngere den Geliebten heiraten soll. Das Arrangement aber ist auf einem fragilen Fundament gebaut und führt dazu, dass die Leichtigkeit des Sommers ihrer ersten Begegnung von Düsternis und Not abgelöst wird, die bis ans Lebensende Friedrich Schillers im Jahre 1805 währt.

(Still aus Die geliebten Schwestern, Copyright: Senator Film)

Ähnlich wie bei La vie d'Adèle sind es hier eigentlich zwei Filme bzw. zwei sehr unterschiedliche Hälften, die den Film strukturieren: Der sommerlich-leichten Exposition und Etablierung der ungewöhnlichen Verbindung folgt die Ernüchterung, das Leid, der Schmerz. Klug eingeführt und zusammengehalten von einer sparsamen eingesetzten Erzählstimme versteht es der Film, den Geist der Zeit, der getragen ist von einer Aufbruchsstimmung, die durch die Französische Revolution noch verstärkt wird, einzufangen und zugleich anhand der Dreiecksbeziehung die Beschränkungen aufzuzeigen. Dank Grafs souveräner und einfühlsamer Regie wird Die geliebten Schwestern trotz der enormen Laufzeit zu keinem Punkt langatmig. Allerdings sehnt man sich nach dem verheißungsvollen Auftakt, der so licht und hell und voller Energie war, später oft danach zurück, zumal später in raschem Stakkato wichtige Lebensstationen der drei Hauptfiguren mitunter ein wenig zu rasant abgearbeitet werden.

Zwischendrin blitzen dann punktartig kleine humoreske Einlagen auf, die einen schmunzeln lassen. Sehr schön ist beispielsweise die Idee, den Weimarer Übervater Goethe niemals en face zu zeigen - umso schöner ist es dann, als er in einer Szene von hinten gezeigt wird und einen Satz in schönstem Frankfurter Dialekt sagt. Auch das Spiel mit anderen Sprachmelodien setzt der Film gekonnt ein. So liefert beispielsweise Schillers Verwandtschaft fast schon eine Parodie auf die schwäbische Seele ab, die jedem Kenner der süddeutschen Wesensart seltsam vertraut vorkommt.

Zweifellos gehören vor allem die Bilder des ersten Teils auf die große Leinwand, aber man fragt sich schon, ob Die geliebten Schwestern aufgrund ihrer Struktur und des enormen Umfangs nicht sogar fast den Stoff für eine TV-Miniserie abgegeben hätten. In Zeiten, in denen sich Fernsehserien vor allem aus den USA anschicken, dem Kino den Rang abzulaufen, spricht dies keinesfalls gegen den Film. Es bleibt aber das Gefühl, dass Dominik Graf das eigentlich alles noch ein wenig besser kann.

(Joachim Kurz)

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