14 09/02

Das finstere Tal

Der deutsche bzw. deutschsprachige Genrefilm ist ein leidiges Thema, dass jedem echten Genreliebhaber hierzulande Magenschmerzen bereitet. In der Regel gibt es bei den heimatlichen Genrefilmen zwei Varianten: Hinterlässt ein Film einen eher positiven Gesamteindruck, so liegt die Betonung in der Regel ausdrücklich auf dem Sachverhalt, dass er "für deutsche Verhältnisse" gelungen sei. Zumeist folgt darauf noch ein Nachsatz wie "obwohl er nur bekannte amerikanische Vorbilder kopiert". Ist ein deutscher Genrefilm dahingegen ganz offensichtlich missglückt, ist das Ergebnis oft von solch einer unterirdischen Qualität, dass man am liebsten einen Mantel des Schweigens über die ganze im höchsten Maße peinliche Angelegenheit legen möchte...

(Bild aus Das finstere Tal, Copyright: X Filme)

Aber nun ist das scheinbar Unmögliche doch wahr geworden: Mit der deutsch-österreichischen Koproduktion Das finstere Tal wurde soeben bei der Berlinale ein Genrefilm gezeigt, der auch nach internationalen Standards einfach nur großartig ist. Und da ein Wunder selten allein kommt, handelt es sich ausgerechnet auch noch um das amerikanischste aller Filmgenres, denn Das finstere Tal ist ein richtiger Western. Zwar hatten die Deutschen bereits mit dem letztjährigen Gold bewiesen, dass sie auch einen Western drehen können, wenn sie nur wirklich wollen. Doch im Gegensatz zu Gold ist Das finstere Tal kein Film über deutsche Aussiedler auf dem amerikanischen Kontinent, sondern ein Film über einen Amerikaner, der in ein winziges, abgelegenes Alpendorf kommt, in dem alle Bewohner im breitesten Dialekt reden. Der Film ist keine Kopie amerikanischer Vorbilder, sondern eine sehr originelle Synthese aus einem echten Western und aus einem deutschen Heimatfilm. Das hört sich zwar recht scheußlich an, funktioniert jedoch hervorragend und ist sogar ziemlich genial:

Völlig abgeschieden von der restlichen Zivilisation liegt im 19. Jahrhundert ein winziges Dorf versteckt in den Alpen. Eines Tages erscheint dort ein Fremder (Sam Riley), der sich Greider nennt und den Winter über in dem Ort bleiben möchte, um dort als Fotograf zu arbeiten. Doch Fremde sind in diesem geschlossenen Mikrokosmos unerwünscht und erst, als Greider einen Sack Gold hergibt, besorgen ihm die Söhne des über den Ort herrschenden Brenner-Bauern, tatsächlich ein Quartier. Greider kommt im Haus der Witwe Gader und ihrer jungen Tochter Luzi (Paula Beer) unter. Luzi steht kurz davor ihre große Liebe Lukas zu heiraten, doch aus einem zunächst unerfindlichen Grund sind die beiden neben ihrer Freude zugleich voller Furcht. Überhaupt liegt eine schwer fassbare drückende Stimmung über dem gesamten Ort. Luzi rät Greider anfangs sogar wieder zu gehen, bevor es anfängt zu schneien, da er dann bis zum Ende des Winters nicht mehr dort wegkomme. Als das Dorf bald darauf tatsächlich vollkommen eingeschneit ist, kommt einer der Brenner-Söhne bei einem Unfall ums Leben. Als kurz danach auch noch ein zweiter der sechs Brüder bei der Jagd stirbt, deuten die Indizien auf einen Mord hin...

(Bild aus Das finstere Tal, Copyright: X Filme)

Das finstere Tal ist die Verfilmung des gleichnamigen Erfolgsromans von Thomas Willmann. Bei dieser filmischen Adaption hat der Österreicher Andreas Prochaska Regie geführt, der bereits mit seinen gelungenen Slashern In 3 Tagen bist du tot (2006) und In drei Tagen bist du tot 2 (2008) als kompetenter Genreregisseur auf sich aufmerksam machen konnte. Doch Das finstere Tal hebt Prochaskas Schaffen noch einmal auf ein ganz anderes Level. Der Film erreicht ein derartiges Niveau, dass er von seiner hohen Warte aus ganz gelassen auf alle Arten von finsteren Tälern blicken kann. Das finstere Tal zeigt eine so majestätische, wie gewaltige Naturlandschaft, in der die fast archaische Dorfgemeinschaft lebt. Eine Fotografie ist für diese Menschen "ein Spiegel mit einer Art von Gedächtnis". An diesem Ort scheint die Zeit stillzustehen und auch das Drehbuch hat keine Eile, um sein bitteres Drama zu entfalten. Der Film verzichtet fast vollständig auf plumpe Überraschungseffekte und setzt stattdessen auf eine sich mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks entwickelnde Handlung.

Neben der perfekten Verbindung von äußerst authentischen und überzeugenden Darstellern und einer so gemächlichen, wie konsequenten Narration, überzeugt Das finstere Tal auch durch seine sehr intensive Atmosphäre. Großartig sind die von dem Kameramann Thomas Kienast eingefangenen Bergpanoramen, die so einfachen, wie stilisierten Bilder von bedrohlich aufragenden kahlen Bäumen und von undurchdringlichen Schneelandschaften. Die eindringlichen Bilder gewinnen zusätzlich weiter an Intensität durch die pompös-düstere-bedrohliche Musik von Matthias Weber. Diese finstere Stimmung erinnert mehr an nihilistische Spaghetti-Western, als an typisch amerikanische Vertreter dieses uramerikanischen Genres. Die durch Ruhe und Gemächlichkeit erzeugte Spannungssteigerung überträgt das Prinzip der berühmten Anfangssequenz von Sergio Leones Meisterwerk Spiel mir das Lied vom Tod (1968), in der eine Gruppe von Killern an einem Bahnhof auf das Eintreffen des Zuges wartet, auf den gesamten Film.

Das finstere Tal kopiert weder den selbstgerechten Moralismus des klassischen amerikanischen Western, noch den Nihilismus des Western italienischer Prägung, sondern schafft etwas ganz Eigenes. Hier geht es weder um den Einzug der Zivilisation in eine zuvor unzivilisierte und deshalb wilde Gegend, noch um die reine Affirmation der Unmoral. Stattdessen zeigt Das finstere Tal eine aufgrund von Angst und Passivität als natürlich hingenommene krankhafte Ordnung und den unmoralischen Weg diese zu beenden um eine neue, weit natürlichere Ordnung herzustellen. Der Film illustriert das am Ende explizit angesprochene Paradoxon der aus Angst hingenommenen Unterdrückung aus Angst vor der eigenen Freiheit. Zugleich verzichtet Das finstere Tal darauf, das Gezeigte aus einer wie auch immer gearteten tieferen Sicht der Dinge heraus begründen zu müssen. Man kann die Philosophie des Films deshalb ebenso gut zu dem bekannten Macho-Spruch verkürzen, dass ein Mann einfach tut, was ein Mann zu tun hat. Gerade dadurch wird Das finstere Tal zu reinem Genre. Aber egal wie man es wendet, am Ende steht in jedem Fall ein großartiger Monolith von einem Film.

(Gregor Torinus)

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Es gehört zu dem ganz besonderen Reiz von Festivals, dass man sich hier wie kaum sonst irgendwo herrlich über Filme streiten kann. Und gerade im Fall von Das finstere Tal ist uns das auch passiert. Wie der Film sowieso recht zwiespältig aufgenommen wurde. Während die einen Kritiker ihn liebten, hassten ihn die anderen abgrundtief. Und weil wir dieses Dissens als Beweis für die Vielfalt der verschiedenen Filme ansehen, wollen wir auch Beatrice Behns Perspektive auf den Film aufzeigen.

Wie kommt es nur, dass die Zuschauerschaft des neusten Werkes von Andreas Prochaska, seines Zeichens österreichischer Regisseur und Genreliebhaber, so gespalten die Vorführung verlässt, wie ich es selten gesehen habe? Selbst hier auf kino-zeit.de herrschen zwei Meinungen vor – beide übrigens mit viel Passion vertreten. "Ein Monolith von einem Film" konstatiert mein Kollege Gregor Torinus, während ich aus dem Kino stolperte und mir dachte, dass das der wohl beste Trashfilm ist, den ich seit langem gesehen habe.

Nun sollte man "Trashfilm" keinesfalls als etwas Abwertendes sehen, au contraire, es ist wirklich schwer guten Trash zu machen, es erfordert ein hohes Maß an dem was John Waters "good bad taste" nennen würde.

Ein Exkurs: Was macht einen Film zu einem Trashfilm? Nicht unbedingt eine billige Produktionsart und Dilettantismus, wie landläufig immer mit dieser Kategorie verbunden wird. Viel mehr muss ein solcher Film zwei Hauptmerkmale haben: 1) er muss mit unglaublicher Passion und absoluter Ernsthaftigkeit gemacht worden sein und 2) er geht dabei versehentlich über die Grenze und wird zum Exzess. Dieser wiederum hat die herrliche Eigenschaft die Mechanismen des Filmes und des Filmemachens (und hier besonders die Genremechanismen) zu entlarven, ja regelrecht auszustellen und erkennbar zu machen. Genau wie im Zauberer von Oz, als Dorothy und Co. den Zauberer endlich finden, der in einer dröhnenden Stimme zu ihnen spricht und wie ein Geist daherkommt. Doch dann bemerken sie einen Vorhang, ziehen ihn Weg und entzaubern das Spektakel als Simulation. Hinter dem Vorhang steht ein kleiner Mann, der Maschinen bedient. Und was passiert, wenn man die Mechanismen erkennt? Die Kinomagie verschwindet, die Immersion in die Geschichte mit ihr und man bemerkt sich selbst als Mensch, der im Kino sitzt und einer Simulation zuschaut. Eine Distanz entsteht und aus dieser heraus oft ein ironischer Blick auf das Geschehen.

Zurück ins finstere Tal. Es ist wohl eine Frage des Glaubens an die Simulation, die diese Kluft entstehen lässt. Die einen glaubten ihr, andere wiederum fielen heraus. Den internationalen nach zu urteilen, geschah letzteres wohl öfter mit nicht deutschsprachigen Zuschauern. Eine Frage der Sozialisierung? Ich weiß es nicht…

Ich weiß nur, dass es viele Momente gab, die irritierten und den Bann brachen. Ein Versuch der Aufzählung:

(1) Paula Beers Erzählerstimme, hochdramatisch: "Es gibt Dinge, von denen soll man nicht reden" sagt sie, um dann natürlich davon zu sprechen. Und auch sonst ist die Kommentarfunktion irgendwie sinnlos, sagt sie doch stets was man auch sieht: "Die Männer gingen in den Wald um das Holz zu schlagen. Eine Arbeit, die sehr gefährlich war". Und tadaaa, natürlich geht dann einer drauf.

(2) Die Genrestilmittel. So dick aufgetragen wie die Schminke in Liz Taylors späteren Jahren. Was gut funktionierte, waren die großen Landschaftsaufnahmen, die stilisierten Bilder von Bergen, Hütten etc. Was gar nicht ging und irgendwann sogar ein bisschen Lachen auslöste war diese übermäßige Ernsthaftigkeit, die den Figuren aufgetragen wurde. Alle schauen düster drein. Und zwar immer. Und zwar ohne jemals ein wenig Minenspiel einzubringen. Ich muss daran denken, wie mir als Kind gesagt wurde, wenn ich schiele und mich jemand erschrickt, bleibt mein Gesicht so stehen, für immer eingefroren in dieser Grimasse. Jemand muss die Hauptfiguren in diesem Film erschreckt haben, als sie gerade die Nachricht über den bevorstehenden Weltuntergang erfahren haben. Es bewegt sich einfach nichts in diesen Gesichtern. Stets der böse John Wayne Blick. Und dieser stets in Nahaufnahme. Und gern in slow motion.

(3) Überhaupt slow-motion. So ernst und unbeweglich die Gesichter, so oft der Einsatz der bedeutungsschwangeren Verlangsamung, die anfänglich noch zur düsteren Atmosphäre beitrug aber irgendwann zum Witz mutierte. "Schaut her, ich bin ein Western", scheint sie jedes Mal zu sagen und gibt damit den Zauber preis.

(4) Und wenn es besonders emotional werden soll: Cellomusik. Denn von den Gesichtern ist nicht viel abzulesen und was soll man auch tun, wenn man den gesamten Film im Düsteren anlegt – wie die Momente besonderer Düsternis noch markieren, wenn schon alles so markiert ist? Also Cellomusik.

(5) Die Figuren, ein Potpourri aus Westernklischees: Greider (Sam Riley), die Hauptfigur guckt immer traurig-grimmig, die Brennerbrüder haben gleich gar keine Persönlichkeit und sind nur durch ihre Physiognomie unterscheidbar. Die Frauen sind stets stumme Statistinnen mit leerem Gesichtsausdruck. Die Westernschablone wurde hier angelegt und grob drumrumgeschnitten: der Held (gut aussehend, stets ein wenig leidend), die unschuldige Frau (jung, hübsch, weißes Kleid), die Bösen (ungehobelt, ungewaschen, sadistisch)…

(6) Die "Wieso"-Fragen [Auszug]: Wieso die Feinde ziehen lassen, wenn er sie alle gestellt hat, nur um sich mit ihnen auf ein Duell im Morgengrauen zu verabreden? Hat der Held kurz die Genrekonvention vergessen und dann fiel sie ihm doch wieder ein? Nicht einfach festnehmen, Duell im Morgengrauen! Wieso rennt bei eben diesem Duell der letzte Feind einfach in die Schusslinie? Wieso bleiben die Dorfbewohner in solch einer repressiven Umgebung und fügen sich der Brenner-Diktatur? Wieso bewegt sich Sam Rileys Haar nicht ein einziges Mal?

Wer nun glaubt, es werde hier das ewige Lied vom Genre und deutschsprachiger Film gehen nicht zusammen gespielt, der irrt. Hier geht es nicht um ein allgemeines Abtun des Versuchs Genrefilm hierzulande zu etablieren. Nichts begrüße ich mehr. Doch im Gegensatz zu z.B. Rammbock oder auch Prochaskas Vorgängerfilm In 3 Tagen bist du tot, die (amerikanische) Genrekonventionen nutzen und konvertieren und versuchen, diese ein wenig zu germanisieren (ein nicht ganz passendes Wort, aber ein besseres fällt mir gerade nicht ein), ist Das finstere Tal eine schwerfällige Fingerübung im Kopieren. Und wer großes Genrekino mit Jahrzehnten Geschichte und Genese kopiert, der evoziert subkutan ein Abgleichen mit dem bekannten Kanon. Wenn das Endergebnis dieses Abgleichens eine 1:1 Anwendung ist und diese dann so lethargisch im Exzess schwimmt und in Kitsch übergeht (hier bitte Cellomusik einfügen), ja dann…wird es ein toller Trashfilm. Aber kein Monolith.

(Beatrice Behn)

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