14 11/02

Dans la cour

Alfred Hitchcock hat der Welt eine Vielzahl unsterblicher Meisterwerke hinterlassen. Das für mich persönlich größte ist Das Fenster zum Hof (1954). Ein Thema des Films ist der Voyeurismus, mit welchem der von Jimmy Steward gespielte Protagonist durch das Fenster das Treiben im Hof seines Wohnblocks betrachtet. Ein weiteres Thema ist die große Unsicherheit, die dieser Mann in Hinblick auf eine mögliche Heirat mit seiner durch Grace Kelly verkörperten Freundin hat. Deshalb werden diesem Voyeur seine Nachbarn mit deren vielfältigen Beziehungsproblemen zu einem Spiegel für seine eigene Beziehungsangst.

(Still aus Dans la cour - Copyright: Roger Arpajou)

Pierre Salvadoris Tragikomödie Dans la cour (Im Hof) zeigt was passieren kann, wenn ein scheuer Beobachter selbst zum Mitwirken gezwungen wird und er deshalb nicht nur in solch einen Hof hineinblickt, sondern auch hineingeht und somit schließlich einen direkten Anteil am Leben seiner Nachbarn hat.

Der 40-jährige Musiker Antoine (Gustave de Kervern) leidet seit Wochen unter Schlaflosigkeit, die Ausdruck einer allgemeinen Krise ist. Unvermittelt haut Antoine einfach während eines Konzerts ab sagt noch nicht einmal seiner Freundin Bescheid. Er findet eine Anstellung als Hausmeister. Durch diesen Job ist Antoine gezwungen sich mit den verschiedenen skurrilen Mitbewohnern eines Pariser Hinterhofs auseinandersetzen. Mathilde, die ihn eingestellt hat, ist vor kurzem in Rente gegangen. Sie muss ihre neue Aufgabenlosigkeit durch alternative Formen der vermeintlichen Nützlichkeit auf eine hyperaktive Weise überkompensieren. Dann wohnt da ein Neurotiker, der auf absolute Ordentlichkeit und die strikte Einhaltung der Hausordnung erpicht ist. Dieser stört sich des öfteren an einem Mieter, der den Hof mit geklauten Fahrrädern zustellt und mit Drogen handelt, die er auch fleißig konsumiert. Eigentlich will Antoine lieber seine Ruhe haben, als sich mit diesen ganzen Verrückten auseinanderzusetzen. Aber mit der Zeit wachsen ihm die schrulligen Typen immer mehr ans Herz und auch seine eigene Beliebtheit wächst stetig. Doch als Mathilde einen Riss in der Wand ihrer Wohnung entdeckt, beginnt die ganze Lage zu kippen...

(Still aus Dans la cour - Copyright: Roger Arpajou)

Der Hof ist auch in diesem Film ein Symbol für das Leben der Anderen. Doch im Gegensatz zu Das Fenster im Hof wird Antoine selbst aktiv und greift immer mehr in das Leben seiner Mitbewohner ein. Dabei lernt er sie nach und nach zunenehmend besser kennen. Es zeigt sich, dass bei näherem Hinsehen auch die anderen unter verschiedensten Ängsten, Neurosen und Schicksalsschlägen leiden und nicht nur der depressive Antoine. So entpuppt sich die um diesen Hinterhof herum lebende Hausgemeinschaft unvermutet als eine Art von Gemeinschaft von Seelenverwandten. Antoine entwickelt sich unverhofft fast zu einer Art modernem barmherzigen Samariter, bleibt sich dabei jedoch stets seiner eigenen Grenzen und seinem starken Rückzugbedürfnis bewusst. Irgendwann wird dieser innere Konflikt für ihn zu einem echten existentiellen Problem.

Dans la cour ist ein sehr schöner und warmer Film, der völlig unsentimental die gezeigten Menschen so akzeptiert, wie sie sind. Nicht alles muss perfekt sein und nicht alles findet zwangsläufig ein positives Ende. Dass man einfach trotz seiner Schwächen weiter mit seinem eigenen Leben ringt und sich hierbei nach Möglichkeit gegenseitig unterstützt macht bereits die Würde des Menschen aus.

(Gregor Torinus)

 

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