14 12/02

Aimer, boire et chanter

George Riley ist krank und dem Tode geweiht, nur noch weinige Monate bleiben ihm. Ganz zufällig hat es Colin (Hippolyte Girardot) seiner Frau Kathryn (Sabine Azéma) bei den Proben zu einem Theaterstück verraten und die kann es natürlich nicht für sich behalten. Bald schon macht das Geheimnis die Runde und setzt eine merkwürdige Mechanik in Gange. Denn was der Arzt nicht weiß: George war die erste große Liebe seiner Frau - und die vergisst man bekanntlich nicht.

(Still aus Aimer, boire et chanter, Copyright: A Borrel)

Um dem Freund ein letztes großes Abschiedsgeschenk zu machen, soll George nun (auftauchen wird er während des ganzen Filmes nicht), im gemeinsamen Theaterstück eines Freundeskreises eine Rolle übernehmen. Während der Proben zu dem Stück kommen sich George und Tamara (Caroline Silhol), die Ehefrau von Jack (Michel Vuillermoz), dem besten Freund des Todkranken näher. Um seine Frau nicht zu verlieren, versucht der Gehörnte, der natürlich gleichfalls kein Kind von Traurigkeit ist, Georges frisch getrennte Ehefrau (Sandrine Kiberlain) davon zu überzeugen, dass sie sich um ihren Mann kümmern solle. Die hat sich allerdings gerade den Bauern Simeon (André Dussollier) angelacht. Und so dreht sich der muntere Liebesreigen weiter und weiter und weiter...

Schon in seinem letzten Film Ihr werdet euch noch wundern hat sich der große Regisseur Alain Resnais, der in diesem Jahr 92 Jahre alt wird, zwei Themen angenähert, die auch in seinem neuen Film eine wichtige Rolle spielen: dem Theater und dem Tod. Zum dritten Mal schon hat Resnais nach Smoking / No Smoking (1993) und Herzen (2006) sich hier eines Stückes von Alan Ayckbourn angenommen - dieses Mal ist er dem Werk aber mit den ureigenen Mitteln des Theaters zu Leibe gerückt.

Es dauert eine Weile, bis man sich an die Bühnendekors, das teilweise recht übertriebene Agieren der Darsteller, die leitmotivisch eingesetzte Musik von Mark Snow, die einen Wechsel des Bühnenbildes anzeigen, die Durchdringung von "Leben" und "Theater" gewöhnt hat - eine Ambivalenz, die dadurch noch verstärkt wird, dass der geprobte Dialog für das Theaterstück und der Dialog des Filmes fließend ineinander übergehen.

Auf den ersten Blick erscheint Aimer, boire et chanter gegenüber seinem Vorgänger wie ein kleiner Rückschritt, vielleicht sogar wie eine kleine Enttäuschung in der Leichtigkeit, mit der hier die Liebe und der Tod verhandelt werden. Dann aber gibt es immer wieder Elemente, die doch weit über das rein Theatrale der Inszenierung hinausweisen: Wenn die Köpfe in Großaufnahme vor einer schwarzweiß-schraffierten Wand gezeigt werden, erinnert das eher an eine Kunstinstallation.

Und ganz zum Schluss gönnt Resnais dem Publikum fast so etwas wie ein Versprechen auf seinen nächsten Film: Nach der Vorstellung des Theaterstücks legt er einem Zuschauer den Satz in den Mund: "Ich mag Kino lieber", woraufhin er die Antwort erhält: "Nächstes Mal gehen wir ins Kino". Gerade so, als beabsichtige Resnais noch viele Filme zu machen. Es bleibt zu hoffen, dass ihm dies noch vergönnt ist - und vielleicht wählt er ja beim nächsten Mal wieder eine Herangehensweise, die mehr Kino und weniger Theater ist.

(Joachim Kurz)

Partner

  • Deutsche Film- und Medienbewertung
  • Arthaus Filme
  • Filmförderung Baden-Württemberg
  • Filmfest München