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17 17/04

Zwei Grenzen - Hollywoods Anime-Adaptionen

Die Popkultur ist ein ewiger Surfwettbewerb und nichts ist verheißungsvoller als die Zeit zwischen den großen Wellen. Noch scheint die gewaltige Superhelden-Woge ungebrochen, doch natürlich suchen Hollywood-Studios längst nach den Ausläufern der nächsten. Auf der ewigen Jagd nach dem Next Big Thing richten sich die Augen der Produzenten nunmehr auch Richtung Japan. Obgleich Rupert Sanders‘ Neuauflage von Ghost in the Shell mit Scarlett Johansson kein finanzieller Erfolg war, werden Adaptionen von japanischen Animationsfilmen und -serien in den nächsten Jahren zahlreicher werden. 


(Filmstill aus Death Note. Copyright: Netflix)


Die Veröffentlichungsliste ist bereits jetzt umfangreich: Im August erscheint Netflix‘ Adaption der beliebten Horror-Kriminal-Serie Death Note, unter anderem mit Willem Dafoe als Dämon. James Cameron hat sein jahrelanges Wunschprojekt – Yukito Kishiros Battle Angel Alita – zugunsten zahlloser Avatar-Fortsetzungen an Robert Rodriguez abgetreten, die Veröffentlichung ist für 2018 geplant. Bereits 2015 sicherte sich Sony die Rechte für Robotech, auch wenn der als Regisseur vorgesehene James Wan gegenwärtig noch mit Aquaman beschäftigt ist. Eine Umsetzung der Science-Fiction-Serie Voltron ist in Planung, das Drehbuch verfasst David Hayter, bekannt für X-Men und Watchmen. An einer Realverfilmung von Akira wird bei Warner Bros. schon seit über 15 Jahren gearbeitet. Zuletzt wurde Ende März bekanntgegeben, der Filmemacher Jordan Peel, der zuletzt mit seinem Horrorfilm Get Out einen Hit landete, wäre als Regisseur im Gespräch. Auch viele der Anime-Adaptionen von japanischen Regisseuren für ihren Heimatmarkt werden von amerikanischen Studios produziert und vertrieben, wie im Fall von Takashi Miikes Blade of the Immortal und Warner Bros.


Diese Schwemme (die Liste ist weit davon entfernt, vollständig zu sein) hat mit dem ewig paradoxen Zustand der amerikanischen Filmbranche zwischen Wohlstand und Verzweiflung zu tun. Schon die Existenz von Power Rangers beweist, dass nunmehr alles für einen Blockbuster in Frage kommt, was irgendwie im kulturellen Gedächtnis verankert ist und eine bestehende Fangemeinde besitzt. Der kleinste gemeinsame Nenner wird im Zeitalter der zerfasernden, immer spezialisierten Internetkultur zur dahinschmelzenden Eisscholle. Das bestehende Studiosystem hat damit zu kämpfen, dass sein Kino für die junge Zielgruppe keine klassische Konsenskultur mehr darstellt und es eigentlich auch keine solche gibt, an der man sich orientieren könnte. Viele Animes waren (und sind) im Westen Nischenprodukte, deren Erfolg und Popularität durch Mundpropaganda und teure Importe langsam gewachsen sind.


Ihre bescheidenen Erfolge speisten sich vor allem aus ihrer Andersartigkeit und dem Schock des Neuen. Ghost in the Shell von Mamoru Oshii muss 1995 unendlich viel fremdartiger gewirkt haben, als es Paramount und Dreamworks der Blockbuster-Variante schon aus finanziellen Gründen jemals erlauben könnten. Das Original ist ein merkwürdiger Film, ein Wechselspiel aus schnellen, ungewöhnlich brutalen Actionszenen und kontemplativen, fast zenbuddhistischen Sequenzen, in denen Raum und Atmosphäre wirken können. Selbst das große Finale des Films besteht nicht aus Dauerfeuer, sondern bewegt sich in hastigen Stößen, immer wieder unterbrochen von Stille und Bewegungslosigkeit, die in das Innere der Figur ziehen. Die stellenweise scharfe Kritik gegen Sanders‘ Film hat nicht nur qualitative oder gesellschaftspolitische Gründe (die Diskussion um Whitewashing wird in den nächsten Jahren sicherlich noch öfter geführt werden), sondern entspringt auch der Frustration der Fans, einen Teil der eigenen Sphäre vermeintlich an die Massenkultur verloren zu haben. Viele Kritiken verwiesen auf die bittere Ironie einer Geschichte über die Diskrepanz zwischen Geist und Körper (Ghost und Shell), die ihrem Geist beraubt und auf eine hübsche, leere Hülle reduziert wird.


Auch wenn japanischen Animationsfilmen und -serien wie Astro Boy oder Speed Racer bereits in den 1950er und 1960er Jahren Achtungserfolge gelangen, kam der wirkliche Durchbruch im Westen erst Ende der 1980er Jahre. Akira von Katsuhiro Otomo wird dabei oft als wichtige Wegmarke gewählt, weil der Film zwar in Japan scheiterte, dafür aber internationale Erfolge feiern konnte.


(Filmstill aus Akira. Copyright: Universum Film GmbH)

Es bedarf keiner soziologischen Spekulation um zu erkennen, dass sowohl die early adopter dieser Zeit als auch heutige Enthusiasten den Kontrast zur westlichen Popkultur suchen. Je umfassender die Abweichung von der eigenen Lebenswirklichkeit, desto vollkommener der Eskapismus und die Novität der Erfahrung. Nicht nur Ghost in the Shell zeigt, warum Anime-Adaptionen nicht immer ein leichtes Unterfangen sind. Es gilt zwei Grenzen zu überschreiten, bedarf zweier großer Übersetzungsleistungen.


Zum einen wäre da der Schritt vom Animationsfilm zum (der Begriff ist in den Zeiten von CGI oft streitbar) Realfilm: Animationen bieten schier unendliche Gestaltungsmöglichkeiten und erlauben die maximale Plastizität von Figuren und Welten. In Comics und Cartoons prägt und verzerrt das Wesen einer Figur ihren Körper. Kämpfer werden von Zeichner mit Muskelbergen ausgestattet, die Arnold Schwarzenegger zu seinen besten Zeiten nicht erreichen konnte, und motion lines verleihen Bewegungen eine Kontinuität und Klarheit, die selbst dem geschicktesten Kampfkünstler schwerfallen dürfte. Überzeichnen gilt dort nicht als Fehler, sondern ist gängige Praxis. Filme wie Fist of the North Star oder Dragon Ball: Evolution scheiterten ästhetisch schon daran, die karikaturenhafte Skurrilität ihrer Figuren überzeugend in den neuen Kontext zu übertragen.


Animationsfilme erlauben außerdem eine schnellere Schnittfrequenz und einen anderen Rhythmus, weil es im Gegensatz zum „live action“-Film sehr viel einfacher ist, die Informationsdichte auf der Leinwand plötzlich zu reduzieren. Animationskino lenkt Blicke anders. Statt bestehende Räume zu verwenden, müssen Zeichner und Animateure gänzlich neue schaffen. Der Entstehungsprozess bei Animationsfilmen ist mit der Arbeit an Filmsets schwer zu vergleichen, weil sich die Produktionskette von den Dreharbeiten über den Schnitt bis zum fertigen Film an vielen Stellen umkehrt und verzahnt.


Auf Animation basierende Realfilme sind weder für Japan noch für Hollywood etwas Neues. Disney ist aktuell damit beschäftigt, sein gesamtes Filmarchiv nach und nach neu aufzulegen, was vor allem möglich ist, weil moderne Technologie das „Real“ des Realfilms zunehmend ad absurdum führt. Die Präsenz der physischen Welt dürfte etwa in der neuen Version von Der König der Löwen verschwindend gering sein. Neue menschliche Figuren werden wohl nicht hinzugefügt.


In Japan sind die Adaptionen oft billig produzierte Schnellschüsse, die Fans des Originals locken wollen. In seiner Kritik zum allgemein verhassten Kite - Engel der Rache auf Kino-Zeit erklärte Martin Beck, das Genre wäre „auf dem besten Weg zum Schimpfwort“ und bezog sich auf Machwerke wie Black Butler. Viele weitere Projekte unterstreichen seine Aussage, Fehlschläge wie The Guyver, Blood: The Last Vampire oder Devilman. Es ist interessant, dass Hollywood neues Lebensblut gerade in einer Industrie verortet, die selbst seit Jahren als krisengeplagt gilt. Alternde Großmeister wie Hayao Miyazaki und sein Studio Ghibli spielen ein merkwürdiges Spiel mit der Branche und wechseln zwischen Ruhestand und Spätwerk wie eine Katze, die unentschlossen vor einer offenen Tür steht. Erst 2015 erklärte Branchenveteran Hideaki Anno die Tage der Industrie für gezählt und bezifferte ihre verbleibende Lebensdauer auf fünf bis 20 Jahre. Als gelte es solchen apokalyptischen Prophezeiungen zu widersprechen, avancierte Makoto Shinkais Körpertausch-Komödie Your Name im vergangenen Jahr nicht nur zum Hit, sondern gleich zum „erfolgreichsten Anime aller Zeiten“.

 
(Filmstill aus Your Name. Copyright: CoMix Wave Films)


Als zweite Grenze könnte man den Übergang vom japanischen in den westlichen Kulturkreis bezeichnen. Filme sind tendenziell dann am interessantesten, wenn sie einen sehr spezifischen Blick auf die Welt offenbaren, statt sich in Allgemeinplätzen und Klischees zu verlieren. Das heißt natürlich nicht, dass das Kino regionalisiert und nach kultureller Identität getrennt werden sollte, im Gegenteil: Gerade durch innere Dialektik und Synthese verschiedener Weltanschauungen können interessante Filme entstehen. Auch Matrix von den Wachowski-Schwestern verweist an vielen Stellen auf Ghost in the Shell, ist aber in weiten Teilen deutlich konsequenter. John Sturges‘ Die glorreichen Sieben mag auf Die sieben Samurai basieren, doch der Western findet den uramerikanischen Kern der Geschichte und weiß als eigenständiges Gebilde zu bestehen. Sowohl Walter Hill (Last Man Standing) als auch Sergio Leone (Für eine Handvoll Dollar) wissen Yojimbo – Der Leibwächter neue Facetten zu entlocken.


Rupert Sanders‘ Ghost in the Shell gleicht in diesem Zusammenhang eher Roland Emmerichs Godzilla: Das Problem ist, dass die Adaptionen die Ursprungsideen ihrem Kontext entreißen, aber um Fans und die Öffentlichkeit anzusprechen, ikonische Bilder, Posen und Choreographien reproduzieren. Die so entstehenden Sinnlücken werden nicht aufgefüllt mit neuen, spezifisch westlichen Gedanken und Zeichen, sondern klaffen wie Wunden im Filmkörper. Es ist ein Problem, das bei jeder Übersetzung auftritt, aber selten so offensichtlich ist wie bei Animes. Solange Hollywood diesen Widerspruch nicht auflösen kann, surft es mit der nächsten großen Welle direkt gegen eine noch ungleich größere Klippe.


(Lucas Barwenczik)