"Wir müssen den Rassismus in all seinen Facetten bekämpfen" – Im Gespräch mit Kathryn Bigelow - B-Roll Blog - kino-zeit.de - das Portal für Film und Kino
  • Blogs
  • )
  • B-Roll
  • )
  • "Wir müssen den Rassismus in all seinen Facetten bekämpfen" – Im Gespräch mit Kathryn Bigelow
17 24/11

"Wir müssen den Rassismus in all seinen Facetten bekämpfen" – Im Gespräch mit Kathryn Bigelow

Es ist ein Film, der eine Gänsehaut hinterlässt. Mit Detroit erzählt Oscarpreisträgerin Kathryn Bigelow von einer Polizeirazzia 1967 in Detroit, die eskalierte und eine der größten Revolten der Geschichte der USA nach sich zog. Anna Wollner traf Kathryn Bigelow im August – vor dem Missbrauchsskandal gegen Harvey Weinstein – in London zum Interview.


(Kathryn Bigelow am Set von Detroit; Copyright: Concorde Filmverleih)

Es gab im Vorfeld und nach dem Start in Amerika viel Kritik, dass Sie als weiße Frau einen Film wie "Detroit" machen.  Haben Sie das kommen sehen?

Nein. Nicht in diesem Ausmaß. Natürlich war ich im Vorfeld ein wenig besorgt und habe mir selbst die Frage gestellt, ob ich die richtige Person bin, genau diese Geschichte zu erzählen.

Und?

Meine eigene Antwort wird Sie sicherlich überraschen, denn ich dachte, ich sei es nicht. Davon wollte ich mich aber nicht abschrecken lassen. Die Geschichte lag seit über 50 Jahren herum und keiner wollte sie erzählen. Dabei erzählt Detroit genauso viel von heute wie von damals. Als mein Drehbuchautor Mark Boal mir das erste Mal von der Geschichte erzählt hat, wurden die Nachrichten gerade von Ferguson beherrscht. Rassenunruhen und Polizeibrutalität sind Themen, an denen man sich sehr schnell die Finger verbrennen kann. Aber ich sah auch die Chance, die Konversation am Leben zu halten. Ich wollte die Fakten vermenschlichen, versuchen, das Unvorstellbare vorstellbar zu machen. All das hat meine eigenen Bedenken, die Geschichte zu erzählen, über Bord geworfen.

Sind Sie ein wenig müde, sich immer und immer wieder verteidigen zu müssen, dass Sie als weiße Frau Filme machen?

Mir geht es nie um mich und oder mein Ego. Mir geht es immer um die Geschichte. Es passiert in Amerika gerade so viel, da kann ich nicht einfach die Füße stillhalten. Wer sich gerade nicht empört, darf sich hinterher nicht beschweren, wir hätten von all dem nichts gewusst. Es gibt im Moment nichts Wichtigeres, als die politischen Dynamiken in den USA zu beobachten und zu verändern.


(Bild aus Detroit; Copyright: Concorde Filmverleih)

Wie schwierig war es, die fiktionale und non-fiktionale Ebene des Films auszubalancieren?

Bei Filmen, die auf wahren Begebenheiten beruht, gibt es immer einen kritischen Moment. Ich habe das ja schon ein paar Mal durch mit The Hurt Locker und Zero Dark Thirty. Mir ist dieses Risiko schon bewusst, deswegen kann man nie genug betonen, dass wir ja keinen Dokumentar-, sondern einen Spielfilm machen. Über die Geschehnisse im Juli 1967 könnte man eine ganze Mini-Serie machen. Wir müssen auslassen, komprimieren und fiktionalisieren. Aber genau deswegen müssen wir unsere Rechercheergebnisse viel kritischer hinterfragen und bewerten. Zum Glück gab es wenig Ungereimtheiten, denn der Fall machte ja damals schon Schlagzeilen, es gibt eine Reportage, die mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet wurde. Wir mussten also nicht von null anfangen. Nur haben wir schnell festgestellt, dass außerhalb von Detroit viele Leute nichts davon wussten. Diese Lücke wollten wir schließen.

Wie emotional waren die Recherchemomente mit den Augenzeugen von damals?

Einige von ihnen hatten seit über 50 Jahren nicht mehr darüber gesprochen. Sie haben mit uns das erste Mal überhaupt darüber geredet. Es gab also durchaus noch Augenzeugenberichte, die neu waren. Das war wichtig. Das ist der emotionale Tribut, den man zahlen muss, wenn man so eine Geschichte recherchiert. Nehmen wir Melvin Dismukes und Larry Reed. Das sind zwei Menschen, denen es zwar augenscheinlich gut geht, die aber kaputt sind. Sie sind zufällig in die Sache hineingeraten und haben sich nie davon erholt. Der Schmerz ist noch immer da, selbst 50 Jahre später.


(Bild aus Detroit; Copyright: Concorde Filmverleih)

"Detroit" ist ein Ensemblefilm, der durch die Dynamik der Schauspieler funktioniert. Wir blicken hier – gerade was die Rolle von Will Poulter angeht – in menschliche Abgründe. Wie aufwendig war der Castingprozess?

Als ich mich mit dem Casting für die Polizeibeamten auseinandergesetzt habe, war mir klar, dass ich zwei Dinge ganz besonders berücksichtigen muss: sie müssen sowohl als Einheit als auch als Individuen funktionieren. Dafür brauchte ich drei sehr starke Schauspieler. Stark im Sinne von emotional belastbar. Will Poulter war für mich die richtige Wahl. Die Polizisten damals waren sehr jung, sie waren ohne Sergeant unterwegs, weil das Departement überarbeitet und unterbesetzt war. Sie waren jung, gerade aus der Polizeiakademie. Will Poulter hat diese ganz besondere Fähigkeit und diesen ganz besonderen Mut.  Er ist schlagfertig, weiß um sein Talent.

Und die Opferseite?

Da half mir meine Casterin Victoria Thomas. Ich habe eine etwas spezielle Art, Castings zu machen. Ich lasse die Schauspieler nicht aus dem Skript lesen – es war damals auch noch gar nicht fertig –, ich arbeite viel mehr mit Improvisation. Ich schildere den Schauspielern die Situation, die ich vor Augen habe und lasse sie machen. Die Schauspieler standen vor einer Wand, ich bin zu Algee Smith gegangen und habe ihn darum gebeten, ein Lied zu singen. Ein Lied, das ihm gerade einfiel. Und er hat Amazing Grace ausgewählt. Jeder, der im Raum war, fing an zu weinen. Das war ein ganz wunderbarer Moment, denn die Geschichte hatte auf einmal etwas sehr Reales bekommen.

Gefühlt wurden Sie von der Realität eingeholt. "Detroit" hat einen historischen Touch – aber wenn man sich das aktuelle Geschehen in Amerika, gerade in den Sommermonaten anguckt – lassen sich erschreckende Parallelen entdecken. Wie geht es Ihnen damit?

Ich verstehe nicht, wie man die weiße Vormachstellung nicht anprangern kann. Es ist mehr als verwirrend und absolut beschämend. Detroit steht natürlich für sich selbst und ganz klar gegen eine gewisse Art zu Denken und zu Handeln. Ich habe aber dennoch noch Hoffnung. Der letzte Akt, das letzte Drittel des Films ist kathartisch und bringt es eben nicht zu einem typischen Hollywood-Ende. Wir haben nicht die Attitüde "Alles wird gut". Denn wie wir jetzt gerade sehen, ist ja nichts gut geworden. Ich hoffe sehr, dass der Zuschauer selbst die Rolle des letzten Aktes einnimmt und Detroit über den Kinobesuch hinaus nachhallen wird. Es liegt an uns, so viel wie möglich zu tun. Egal wie groß oder klein der Rassismus ist: Wir müssen ihn in all seinen Facetten bekämpfen.

Können Filme die Welt zu einem besseren Ort werden lassen?

Sie können zumindest eine ideologische Diskussion starten und zu Veränderungen einladen. Sie können auf jeden Fall informieren. Das ist mir persönlich immer sehr wichtig. Bei Hurt Locker zum Beispiel, hatte ich das Gefühl, dass viel zu wenig über den Irak berichtet wurde. Ich habe selbst sehr viel recherchiert und kaum Informationen bekommen. Vor allem über den Alltag der amerikanischen Soldaten vor Ort. Meinen Informationsdurst habe ich dann nicht nur für mich gestillt, sondern gleich für den Kinogänger mit und habe mich noch mehr in den Film reingehangen. Filme können eine ideologische Debatte stimulieren. Genauso übrigens wie guter Journalismus. Die Zukunft liegt in unseren Händen.


(Trailer zu Detroit)

Der Film hat einen ganz besonderen Look, scheint direkt den 1960er Jahren entsprungen. Oft haben Filme, die versuchen, diesen Look zu imitieren, einen kitschigen Anstrich. Wie haben Sie es geschafft, nicht in diese Falle zu tappen?

Ich habe mir gar keine Gedanken darum gemacht. Natürlich bestand die Gefahr, dass wir eine überästhetisierte Niedlichkeit auf die Leinwand bringen. Ich wollte den Film und seinen Look allerdings so authentisch und akkurat wie möglich halten. Mir war jede noch so kleine Kleinigkeit, jedes Detail wichtig. Lassen Sie mich Ihnen ein Beispiel geben – um einen Eindruck zu vermitteln, worauf man alles achten muss. In Amerika gibt es heute immer zwei gelbe Linien auf zweispurigen Straßen. In den Sechzigern gab es diese Markierungen noch nicht. Wir haben also eine der beiden Linien in mühevoller Kleinstarbeit abgeklebt. Glauben Sie mir, wir wollten es in jedem Fall so akkurat wie möglich halten.

Und dennoch mussten Sie in Boston drehen und nicht in Detroit.

Ja, leider. Das hatte finanzielle Gründe. Kurz vor Beginn der Dreharbeiten gab es Kürzungen der steuerlichen Vorteile für Filmproduktionen. Detroit wäre perfekt gewesen. Der Film spielt in der Stadt, da liegt es auf der Hand, auch genau dort zu drehen. Wir hatten alles schon in Sack und Tüten. Die Drehorte, die Crew, wir standen quasi in den Startlöchern und haben sogar schon Sets gebaut, immer in der Hoffnung, dass die Kürzungen rückgängig gemacht würden. Innerhalb von drei Tagen mussten wir komplett umschwenken und haben in Boston eine neue Heimat für den Film gefunden. Boston hat ein gutes Finanzierungssystem für einen Film unserer Größenordnung. Ohne die Stadt hätten wir den Film letztendlich nicht machen können.

Sie sind Oscarpreisträgerin und die erfolgreichste Regisseurin der Welt. Sie müssen bei Ihren Filmen noch immer auf das Geld gucken?

Ja, denn ich habe eine gewisse Verantwortung, nicht zu viel auszugeben. Nicht als verschwenderisch zu gelten. Ich versuche immer, im Rahmen zu bleiben und wirtschaftlich zu denken.