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14 08/10

Wir können auch anders: German Mumblecore – Die kino-zeit.de-Kolumne

Es tut sich was im deutschen Film: Eine neue, junge Generation von Filmemachern erobert in den vergangenen vier, fünf Jahren die Leinwände auf Filmfestivals und im Kino - und das fast gänzlich ohne Drehbücher! Improvisation ist das A und O für die jungen Wilden aus Berlin, denen im November erstmals ein zweitägiges Symposium in Frankfurt und Mainz gewidmet ist.


(Bild aus Love Steaks von Jakob Lass; Copyright: Daredo / Be Movie)

Ihre Filme sind wie Abenteuer für die Macher und die Zuschauer. Voller Energie und Unvorhersehbarkeit stecken die Filme, die zugleich faszinieren und irritieren wollen. Sie werden gefeiert auf Filmfestivals in Deutschland und mit Preisen überhäuft - obwohl sie weitgehend am klassischen Fördersystem vorbeiproduziert sind. Love Steaks von Jakob Lass gewann als erster Film der Filmgeschichte 2013 sämtliche Förderpreise Neues Deutsches Kino. Sogar den in der Kategorie "Bestes Drehbuch", obwohl er bekanntlich gar keines hatte. 

Genannt wird die Bewegung "German Mumblecore", in Anlehnung an die US-amerikanische Mumblecore-Szene. Die Regisseure kennen sich großteils, haben meist an Film University Babelsberg (ehemals HFF "Konrad Wolf") studiert und leben und arbeiten in Berlin. Mit geringen technischen Mitteln und vielfältigen Arten der Improvisation beschreiten sie wie die ihre amerikanischen Mumblecore-Pendants Andrew Bujalski, Lena Dunham und Richard Linklater zukunftsweisende Wege außerhalb des etablierten Fördersystems. Das gab es freilich schon häufiger in der Filmgeschichte, alleine in Deutschland arbeiten der seit den 1960ern aktive Provokateur Klaus Lemke, die Kölner Gruppe um Rainer Knepperges sowie Deutschlands Vorzeige-Improfilmer Andreas Dresen auf ähnliche Weise. Wie Lemke geben sich die Mumblecorer Manifeste, die sie "Fogma" (Jakob Lass) oder "Sehr gute Filme" (Axel Ranisch) nennen. Mit ihrer rotzig-frechen Art des Filmemachens blasen sie zur Attacke auf die "Berliner Schule". "Die hatten den Ansatz: Wir reden nicht miteinander, wir stehen uns nur gegenüber. Jetzt kommt die Gegenbewegung. Und alle sind so Randale und so", beschreibt Regisseurin Isabell Šuba ihre Haltung.

Das ist auch das Besondere, das alle "German Mumblecore"-Filme eint: Sie haben eine Haltung. Jeder der Filme hat mindestens eine zentrale Szene oder einen wichtigen Dialog, der eine geradezu explosionsartige Entwicklung nimmt und mit einer selten gesehenen Wucht und Dynamik den Zuschauer in den Kinosessel presst. Die Energie der Macher überträgt sich auf die Leinwand. Immer wieder auftretende theatrale Elemente werden gepaart mit erfrischender Authentizität. Selbst Schauspieler und Kameraleute wissen in manchen Szenen nicht, was auf sie zukommt. Die Kamera wird zum Protagonisten und spielt mit. Die skelettartigen Drehbuch-Konstrukte ermöglichen zudem ungeahnte Freiheiten - Freiheiten, die sich auch in den häufig sehr realistisch anmutenden Stoffen widerspiegeln und einen Ausbruch aus dem Berliner Alltag bedeuten. Raus, auf jeden Fall raus. Und dann mal gucken, was einen dort erwartet. Nur der Regisseur weiß ungefähr, wohin die Reise geht. Hat man sich festgebissen und es geht einmal nicht weiter - dann wechselt spontan der Drehort, Nebenfiguren verschwinden auf Nimmerwiedersehen oder es stirbt auch mal ein Protagonist nach 30 Minuten.

Fast immer münden die Filme des German Mumblecore in das Genre der Tragikomödie. Nur wirkt das Lachen herzlicher, und das Tragische alltäglicher, als man es aus vergleichbaren deutschen Filmen kennt. Der Humor ist nicht auf Pointen ausgelegt, formulierte es Axel Ranisch beim Filmfest München 2013, sondern oftmals mit einem charmanten Augenzwinkern versehen. Außerdem verschwimmen die Grenzen: Wer da noch Laie ist und wer einen Laien spielt, das ist nicht mehr klar ersichtlich.

"Ein Masseur. Eine Köchin. Ein junges Paar auf's Maul." Das ist die Tagline von Love Steaks, bei dem sich laut Werbebotschaft Clemens und Lara so lange aneinander reiben, bis es knallt. Dann geht der Film durch die Decke. Slapstick trifft wilde Auseinandersetzungen. Ein Jump Cut reiht sich an den nächsten. Und dann sind da eben noch die echten Laien, die realen Hotelmitarbeiter im Luxushotel an der Ostsee, die für die nötige Prise Realismus sorgen. Das ist schon fast Mockumentary, zumindest aber quasi-dokumentarisches Arbeiten. Gedreht wird entsprechend oft stundenlang. Es entstehen Atmosphären und Stimmungen, die erst im Schnitt verdichtet werden. Wie das vor Ort am Set funktioniert, hat Nico Sommers Kameramann Eugen Gritschneder im Interview mit mir beschrieben, als er bei Familienfieber das Aussteigen des Protagonisten aus einem Auto drehen sollte: "Der Schauspieler (Peter Trabner) steigt aus dem Auto aus. 20 Minuten später ist der durch alle Zimmer gelaufen, ist heulend zusammengebrochen, schreiend in den Garten raus und dann war das Take zu Ende." Alles kann, nichts muss. Der German Mumblecore ist für alle Beteiligten unberechenbar. Das ist seine Stärke.

(Urs Spörri)

(Urs Spörri kuratiert und moderiert beim deutschen Filminstitut in Frankfurt/M. u.a. die Filmreihe "Was tut sich - im deutschen Film?" samt ausführlichen Werkstattgesprächen mit den Filmemachern. Seine regelmäßigen Festivalstationen sind der Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken, die Berlinale, das Filmfest München, das Festival des deutschen Films in Ludwigshafen sowie die Hofer Filmtage. Außerdem hat er selbst jahrelang das FILMZ Festival in Mainz in führender Position mitverantwortet.)

Wer sich übrigens eingehender mit der Materie beschäftigen will - die folgenden Filmemacher und Filme zählen zum German Mumblecore (ohne Anspruch auf Vollständigkeit & to be continued):

Jakob Lass:  Frontalwatte; Love Steaks

Tom Lass:  Papa Gold; Kaptn Oskar

Axel Ranisch: Dicke Mädchen; Ich fühl mich Disco; Reuber;

Alki Alki (angekündigt)

Nico Sommer: Silvi; Familienfieber; Stiller Frühling (Mittellanger Film)

Isabell Šuba: Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste;

Peter Pan ist tot (Kurzfilm)

Jan Georg Schütte: Leg ihn um; Swinger Club; Die Glücklichen

Christian Mrasek: Hans Dampf (Co-Regie: Jukka Schmidt); Die Quereinsteigerinnen (Co-Regie: Rainer Knepperges)

Timo Jacobs: Klappe Cowboy!; Mann im Spagat (angekündigt)

Stephan Geene: Umsonst

Hanna Doose: Staub auf unseren Herzen; Heinrich bringt die Kinder um halb drei (Kurzfilm)

Aron Lehmann: Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel

Jette Miller: Austern ohne Schale

Curtis Burz: Gib mir noch ein Jahr; Nora; Das Sommerhaus

(angekündigt)

Bernd Heiber: Teneriffa Exit

Franz Müller: Worst Case Scenario

Felix Stienz: Puppe, Icke & der Dicke