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15 24/11

Where is the Love, Gaspar? - Über lieblosen Sex und sexlose Liebe im Kino

In dieser Woche – am 26. November 2015 – startet in den deutschen Lichtspielhäusern ein Film mit großartigem Ansatz: Eine "love story seen from a sexual point of view" wollte Gaspar Noé in Love erzählen. Dem Endergebnis merkt man dieses hehre Ziel allerdings kaum an; zu spüren ist nur die Selbstliebe des Autors und Regisseurs. Ein Film, der all das, was das Kino seit jeher als romantisch etabliert hat, vorbehaltlos mit einer offen-unverkrampften, intensiven Darstellung von Sexualität verbindet – das wär's gewesen!


(Bild aus Romance von Chester Withey aus dem Jahre 1920; Copyright: D.W. Griffith Productions / Public Domain via Wikimedia Commons)

Noés neuem Werk soll an dieser Stelle durchaus nicht abgesprochen werden, dass es "some of the prettiest shagging scenes in cinematic history" (also "einige der schönsten Sexszenen der Filmgeschichte") enthält, wie es The Hollywood Reporter formulierte. In Rückblenden wird die Beziehung zwischen dem Filmstudenten Murphy (Karl Glusman) und der Künstlerin Electra (Aomi Muyock) aufgefächert. Das Paar integriert eine dritte Person (Klara Kristin als jugendliche Nachbarin) in sein Liebesspiel, ehe Untreue, Eifersucht, Drogenkonsum sowie eine ungewollte Schwangerschaft ins kollektive Unglück führen. Aus rein ästhetischer Sicht ist Love gewiss ein Triumph, welcher abermals die kompositorischen Fertigkeiten des in Argentinien geborenen und in Frankreich aktiven Auteurs sowie das Talent des Kameramanns Benoît Debie demonstriert. Noés Drehbuch lässt hingegen eine konservative Haltung gegenüber Liebe und Sex erkennen, die in der Historie des Bewegtbildes eine lange, hässliche Tradition hat – während die nach Aufmerksamkeit heischende Werbekampagne, die im Vorfeld der Cannes-Premiere von Love begann, gänzlich auf einen der größten Denkfehler der Menschheit setzt.


(Bild aus Love von Gaspar Noé; Copyright: Alamode / Filmagentinnen)

"It's just sex. Sex is sex. We all need it." Diese kluge Äußerung stammt von einer Nebenfigur aus der TV-Serie Bates Motel. Die Marketing-Leute hinter der Love-Kampagne verließen sich indes darauf, dass ein Film über Sex noch immer am besten als potenzieller Skandal, als etwas Sündig-Verruchtes angekündigt wird. Auch Produktionen wie Romance XXX (1999, von Catherine Breillat), Intimacy (2001, von Patrice Chéreau), 9 Songs (2004, von Michael Winterbottom) oder Shortbus (2006, von John Cameron Mitchell) wurden zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung allzu oft als "Skandalfilme" bezeichnet und empfunden, weil sie es "wagten", den körperlichen Teil der Liebe nicht ins Off zu verlegen, sondern explizit zu visualisieren. Ist es aber nicht ein viel eklatanterer Skandal, den Sex in Liebesfilmen lediglich verschämt anzudeuten oder ihn gar völlig auszusparen beziehungsweise in die nicht mehr gezeigte Happily-ever-after-Existenz der Hauptfiguren zu verschieben?

Im Classical-Hollywood-System (bis in die 1960er Jahre hinein) entstanden zahlreiche Werke, die – wie Drehbuchautorin Jay Presson Allen (Marnie) in dem Dokumentarfilm The Celluloid Closet berichtet – intern als sogenannte "DF movies" rubriziert wurden: DF stand für delayed fuck, für aufgeschobenen Sex, zu welchem es erst nach Filmschluss und – ganz wichtig! – nach der Hochzeit (die stets als Versprechung mit dem Happy Ending einherging) kommen durfte. Als Paradebeispiel dieser Biederkeit lässt sich Michael Gordons Komödie Bettgeflüster (1959) mit Rock Hudson und Doris Day anführen, in der nach allerlei Kabbeleien zwischen dem offensichtlich füreinander bestimmten Paar in der finalen Sequenz das ewige bürgerliche Glück in Aussicht gestellt wird (welches für die beiden dann womöglich mehr als nur Geflüster im Bett bereithält). Im Idealfall – etwa in den Screwball-Meisterstücken von Howard Hawks – führte das No-sex-before-marriage-Gesetz Hollywoods zu cleverer rhetorischer Erotik sowie gewitzten Umgehungen der Darstellungsrichtlinien, die der Hays Code seit den 1930er Jahren vorgab; in etlichen Fällen erzeugte es jedoch eine Verlogenheit, die nach der Abschaffung des Codes im Jahre 1967 keineswegs endete. Die verklemmte Zuckerwattewelt, die bis heute in unzähligen Filmromanzen entworfen wird, ist empörender als jede Sexszene aus Love oder 9 Songs!


(Trailer zu Bettgeflüster von Michael Gordon)

Was Love zu einem Ärgernis macht, ist also beileibe nicht die vermeintlich "skandalöse" detaillierte Ausgestaltung der intimen Momente, sondern die narrative Haltung des Films gegenüber seinem titelgebenden Gegenstand sowie gegenüber der Sexualität seiner Figuren; eine Haltung, welche sich auch in vielen anderen Erzählungen, die sich diesen Themen widmen, finden lässt. Um sie zu beschreiben, sei noch einmal besagte Figur aus Bates Motel erwähnt. Dass eine Person mit einer derart offenen Einstellung – es handelt sich um eine junge Frau namens Annika Johnson (verkörpert von Tracy Spiridakos) – kein zufriedener Mensch sein darf, sondern ein Dasein in Zerrüttung führen und alsbald mit dem Tod bestraft werden muss, ist für ein medienkompetentes Publikum vermutlich keine Überraschung. Nicht nur im Crime- und Slasher-Kosmos hat sexuell freizügiges Verhalten seit jeher fatale Konsequenzen; auch in Liebes- und Erotikfilmen bedeutet leidenschaftlicher und ausführlich ins Bild gesetzter Sex zumeist die Zerstörung aller Beteiligten. Er mag nicht zwangsläufig zum Tod führen, aber doch zumindest dazu, dass alle mal so richtig todunglücklich sind. Eine mit Intensität ausagierte Sexualität ist letzten Endes böse und/oder gefährlich – und von der Liebe zwischen Figuren, die gemeinsam eine solche Sexualität erleben, ist irgendwann nur noch Schmerz, Ekel und (Selbst-)Hass übrig; so scheinen die Messages dieser Filme zu lauten. Vielen Dank auch!


(Trailer zu Eine verhängnisvolle Affäre von Adrian Lyne)

Zu den zeigefreudigen, doch im Kern zutiefst konservativen Klassikern dieser Caught-in-a-bad-romance-Geschichten zählen zwei Schöpfungen des ehemaligen Werbefilmers Adrian Lyne aus den 1980er Jahren. In Eine verhängnisvolle Affäre (nach einem Drehbuch von James Dearden) setzt Lyne das rasch körperlich werdende Verhältnis zwischen Dan und Alex (Michael Douglas und Glenn Close) zunächst als aufregendes Abenteuer in hochglänzendem Eighties-Look in Szene – nur um im weiteren Verlauf alles daran zu verdammen: Der Sex zwischen den beiden ist nicht nur unmoralisch (weil Dan verheiratet ist), er bewirkt auch, dass Alex zu einer Furie mutiert, die mehr einem Monster denn einer begehrenden Frau gleicht und im lächerlich-reaktionären Finale eliminiert werden muss. In 9 1/2 Wochen (basierend auf dem Elizabeth-McNeill-Roman 9 Wochen und drei Tage: Erinnerungen an eine Liebeserfahrung, adaptiert von Sarah Kernochan, Zalman King und Patricia Louisianna Knop) übersetzt Lyne die erotischen Spiele zwischen der Galeristin Elizabeth (Kim Basinger) und dem Börsenhändler John (Mickey Rourke) in hochgradig stilisierte Bilder, die der Zuschauerschaft offenkundig einen Kick verschaffen sollen. Dass eine derartige Liaison jedoch keine Perspektive hat, insinuiert schon der Titel. Mehr und mehr empfindet Elizabeth das Verhalten von John als unangenehm, bis sie den Business Man schließlich verlässt. Nach Augenbinden-, Eiswürfel- und Fütterungsspielen sowie Sex an denkbar vielen Orten bleiben am Ende zwei seelisch beschädigte, einsame Menschen. Vielleicht hätten sie's – so soll man möglicherweise schlussfolgern – besser wie die Figuren von Doris Day und Rock Hudson in Bettgeflüster handhaben sollen.


(Trailer zu 9 1/2 Wochen von Adrian Lyne)

Werke wie Romance XXX und Intimacy sind erfreulicherweise weniger plakativ, schlagen aber ebenso ins äußerst Schmerzhafte um. Auch die E.-L.-James-Adaption Fifty Shades of Grey (2015) von Sam Taylor-Johnson über eine aufkeimende BDSM-Beziehung endet im Traurigen – wobei hier durch die bereits abgeschlossene, dreiteilige Romanvorlage klar ist, dass es in den geplanten Fortsetzungen zum glücklichen Ende für Anastasia Steele und Christian Grey (Dakota Johnson und Jamie Dornan) kommen wird. Taylor-Johnsons Verfilmung hätte eine interessante Verknüpfung der Mainstream-Liebesmärchen-Formel à la Pretty Woman mit normabweichender Sexualität werden können; stattdessen ist ein züchtig umgesetzter Edel-Trash entstanden, dessen Haltung zu seinem Thema nicht minder ärgerlich ist als die von Love: Zwar stehen am Ende von Fifty Shades of Grey keine ruinierten Leben – doch müssen die sexuellen Vorlieben des Protagonisten (wie im Buch) als Folgen eines Traumas ausgemacht werden, um Christian als Happy-Ending-würdigen Helden aufrechterhalten zu können (obwohl der Regisseur Steven Shainberg und die Drehbuchautorin Erin Cressida Wilson auf Basis einer Short Story von Mary Gaitskill in Secretary – Womit kann ich dienen? schon im Jahre 2002 gezeigt haben, wie man BDSM und Romantik entschieden klüger und mutiger vereinen kann). Was Fifty Shades of Grey und dessen Vorlage indes mit Noés Werk verbindet, ist der furchtbare Irrweg, dass ein besitzergreifend-eifersüchtiges Gebaren allen Ernstes als Testat der großen Liebe des Mannes zur Frau verkauft wird. Das ist ein Skandal!


(Bild aus Fifty Shades of Grey von Sam Taylor-Johnson; Copyright: Universal Pictures International Germany)

Selbstverständlich gibt es in der Kinogeschichte bereits ein paar Werke, in denen die Kombination von Amourösem und Sexuellem weitaus besser gelungen ist als in Love, den beiden Adrian-Lyne-Streifen aus den 1980er Jahren oder der Erotic-Novel-Adaption von Sam Taylor-Johnson – etwa die schon genannten Filme Shortbus und 9 Songs. In ersterem lässt Writer-Director Mitchell in die explizite Präsentation von Intimität einen Humor einfließen, dem nichts vom Klamauk frivoler Sex-Comedies anhaftet und der den Sequenzen etwas sehr Aufrichtiges verleiht. In letzterem ist der Sex zwischen dem Hauptfigurenpaar Lisa und Matt (Margo Stilley und Kieran O'Brien) neben der Musik und den mal schönen, mal banalen, mal anstrengenden Alltagssituationen das handlungsbestimmende Element; leider heißt es hier am Ende allerdings auch, nur halb im Scherz: "I see no future."


(Trailer zu Shortbus von John Cameron Mitchell)


(Trailer zu 9 Songs von Michael Winterbottom)

Sogar mitten im Mainstream lassen sich vereinzelte positive Filmbeispiele finden: Edward Zwicks Love and Other Drugs – Nebenwirkung inklusive (2010) mag in seiner Mischung aus Pharma-Satire, RomCom und Melodram überfrachtet sein; in puncto Unverkrampftheit ist das Werk mit Jake Gyllenhaal und Anne Hathaway jedoch eine begrüßenswerte Ausnahmeerscheinung aus Hollywood. Viel häufiger sollten die Kinematografien dieser Welt Werke hervorbringen, die die sexuellen Komponenten einer Love Story weder ausblenden noch dämonisieren und unweigerlich mit Schmerz und Zerstörung verbinden. Filme über Sex sind kein Skandal; Filme über lieblosen Sex oder sexlose Liebe aber schon.

(Andreas Köhnemann)