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15 29/07

Wenn Filmemacher auf Filmkritik reagieren – Die kino-zeit.de-Kolumne

Filmemacher reagieren nicht öffentlich auf Filmkritik, das ist eine Art Gewohnheitsrecht: Man äußert sich weder über schmeichelhafte Ehrerbietung noch über kränkende Schmähschriften – möglicherweise auch deshalb, weil das eine automatisch zur Bestätigung des anderen führen könnte. Gegenüber der Filmkritik scheinen die Selbstverteidigungsmechanismen der Filmschaffenden ausgehebelt.


(Filmemacher Dietrich Brüggemann - Bild: Paul Katzenberger, CC by-sa 3.0)

Jeder Filmemacher aber hat vermutlich eine Idee von Filmkritik; an kaum einem dürfte spurlos vorübergehen, was über seinen Film gesagt und geschrieben wird. Und doch hat man sich in diesem zumindest theoretisch hochkommunikativen Spannungsfeld auf Filmkritik als Einbahnstraße geeinigt: Für gewöhnlich bleibt ihr Loben und Giften insoweit frei von Einspruch, als Filmemacher das Diskussionsangebot Filmkritik ausschlagen. Zwei unterschiedlich kreative Beschäftigungen, untrennbar verbunden und zugleich seltsam getrennt.

Zum Glück gibt es Dietrich Brüggemann. Seine Filme haben Publikums- und Nachwuchsförderpreise gewonnen, für Kreuzweg erhielt er – gemeinsam mit seiner Schwester – im letzten Jahr auf der Berlinale den Silbernen Bären für das beste Drehbuch. Brüggemann kommt selbst von der Filmkritik, lange Zeit war er Redakteur der 2012 eingestellten Filmzeitschrift Schnitt. Offenbar rührt daher sein Bedürfnis, sich nicht an das Gewohnheitsrecht halten zu wollen: Brüggemann teilt aus, gern und oft und ätzend.


(Anna und Dietrich Brüggemann bei der Berlinale 2014 – Bild: Sebaso, CC by-sa 3.0)

Vor zwei Jahren zum Beispiel verfasste er ein Pamphlet gegen die sogenannte Berliner Schule. Und auf facebook, dem wichtigsten Forum für Filmdiskussionen jeder Art, inszeniert er sich manchmal als Störenfried, der filmkritische Kommentarverläufe mit antiintellektuellen Provokationen kontaminiert. Einige ehemalige Kollegen sind davon genervt, und er selbst meint festgestellt zu haben, dass sich das mitunter in Kritiken zu seinen Filmen widerspiegle. Kurzum: Brüggemanns Vorgehen kann und sollte man vielleicht interessant finden.

Sehr offensiv verteidigt er jetzt seinen jüngsten Film, die Komödie Heil, gegen ebendiese ehemaligen Kollegen. "Kritik der Kritik" hat Brüggemann einen Text plus Nachschlag betitelt, der die Einbahnstraße aufreißt. Film sei Diskurs, heißt es darin, ein ständiger Meinungs- und Gedankenaustausch von der Stoffentwicklung bis zur Fertigstellung. "Nur ganz am Ende", so der Filmemacher, "kommt dann der Kritiker, fällt sein Urteil und hat das letzte Wort".


(Trailer zu Heil von Dietrich Brüggemann)

Tatsächlich meinte es die Filmkritik mit Heil nicht sonderlich gut, jedenfalls nicht die Filmkritik, auf die Brüggemann etwas zu geben scheint: das deutsche Feuilleton, der Verbund einschlägig bekannter Namen, die "Großstadt-Intelligenzia". Deren Texten müsse man schon mal etwas Gegenwind verpassen, zumindest aber ihre Fehler berichtigen. Wer seinen Film niederschreibt, solle das wenigstens stichhaltig und fair tun (Disclaimer: die meisten tun das durchaus, gerade auch die Verrisse).

Dietrich Brüggemann also nimmt das Diskussionsangebot Filmkritik an. Oder anders: er bastelt sich eines aus der angeblichen Nichtverhandelbarkeit der negativen Positionen zu Heil. Vor allem stören ihn wütende Texte, bei denen vieles am Film nicht wahrgenommen werde, was er für wahrnehmenswert hält. Mitunter liest sich das etwas korinthenkackermäßig klein kariert. Im zweiten, die taz-Kritik von Matthias Dell ins Visier nehmenden Blogeintrag, pocht Brüggemann auf den begrifflichen Unterschied zwischen Nazi und Neonazi. Im ersten spricht er selbst andauernd nur von Nazis.

Und dass Dietrich Brüggemann die filmkritische Negativrezeption wiederum als zu handlungs- und ideologiekritikfixiert empfindet, seinerseits aber überwiegend inhaltlich argumentiert, ist möglicherweise auch kein sehr überzeugender Appell für eine ästhetischere Beschäftigung mit seinem Film. Doch mit vielem hat Brüggemann Recht – und seine streitfreudige Replik belebt einen Diskurs, dessen Möglichkeiten ansonsten ziemlich ungenutzt bleiben.


(Filmauschnitt: Heil von Dietrich Brüggemann)

Was ließe sich alles Interessantes herausfinden über das Verhältnis von Film und Filmkritik, Film und Filmemacher, Filmemacher und Filmkritik, wenn die diversen Zugriffe aufs Kino erkenntnisreich verhandelt, die Diskussionen über Film also auf ganz andere Art produktiv gemacht würden? Eben weil man um die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Perspektiven weiß, sollten gegensätzliche Kontexte von Filmemachen und Filmkritik den Gedankenaustausch nicht vereiteln dürfen. Zumal bei Brüggemanns pointierten Einwänden ein Interesse an Auseinandersetzung deutlich wird: Er möchte Filmkritik herausfordern, nicht loswerden.

Sich für eine solche Kritik der Kritik, für das Zurückfeuern und die daraus entstehende öffentliche Diskussion aus der Reserve zu begeben, kann seitens des Filmemachers sicherlich auch zur heiklen Angelegenheit werden. Möchte er den Dialog ernsthaft führen, muss er sich in die Karten schauen lassen. Muss seinen Film vielleicht erklären, rechtfertigen, offen legen: Mit schließlich ausgebreiteten Beweggründen, an denen sich Intention und Intentionalisierung schön langweilig abgleichen lassen.

Schlimmstenfalls gerinnt der erhoffte Diskurs dann zur bloßen Psychohygiene: Der Filmemacher gibt sich als dünnhäutig und allzu kritiksensibel zu erkennen, die Filmkritik sieht ihre sichere Distanz bestätigt. Schön, dass wir drüber geredet, aber doch nur die Unvereinbarkeit unserer Positionen untermauert haben. Oder wäre gerade das schon ein fruchtbares Ergebnis möglicher Debatten? Ich weiß es nicht. Aber vielleicht ist alles schon grundsätzlich interessanter als der gegenwärtige Stillstand.


(Trailer: The Immigrant von James Gray)

Zugleich lässt sich am Beispiel anderer Regisseure, die zu Kritiken ihrer Filme öffentlich Stellung beziehen, allerdings durchaus auch nachvollziehen, warum sich das als Modell bislang nicht durchgesetzt hat. Einerseits gibt es da die Brüggemanns oder den amerikanischen Filmemacher James Gray, der auf eine Besprechung seines Films The Immigrant wutschnaubend, aber eben einer anderen, ungleich persönlicheren Perspektive entsprechend nachvollziehbar reagierte ("it’s impossible not to take it personally").

Doch können solche Anliegen andererseits auch schnell in pure Diskursfeindlichkeit umschlagen: Mit ihrem trotzigen, immer wieder neu aufgelegten Antikritiker-Gequengele signalisieren etwa Til Schweiger oder Kevin Smith seit Jahren, dass sie kein Interesse an einer Brückenbildung zwischen Filmkritik und Filmbranche haben. Und auch unter Brüggemanns Text finden sich rigorose Kommentare contra Filmkritik, die gleich zum undifferenzierten, in dieser Form nicht gerade diskursförderlichen Rundumschlag ausholen.


(Filmemacher Kevin Smith – Bild: Gage Skidmore, CC by-sa 2.0)

Til Schweiger immerhin stellte sich 2013 der Diskussion mit Filmkritikern in einem von der Akademie der Künste Berlin und dem Verband der deutschen Filmkritik organisierten Podiumsgespräch – Leitsatz: "Wir müssen reden". Glaubt man den Stimmen der seinerzeit anwesenden Gäste, soll ihm die Einladung allerdings nur wieder einen Anlass geboten haben, Vorbehalte gegen Feuilleton und Onlinefilmkritik zu festigen. Die taz jedenfalls fasste den veranstalten Abend damals eher resigniert zusammen: "Vielleicht hätte man das Motto von Anfang an so verstehen sollen, wie es auch im echten Leben meist gemeint ist: nicht als Aufforderung zum Gespräch, sondern als Ankündigung des Beziehungsabbruchs".

Bis heute finden zu Schweigers mit öffentlichen Geldern geförderten Filmen jedenfalls keine Pressevorführungen statt ("People are free to talk shit about any of my flicks, so long as they pay to see it", twitterte übrigens mal ein von negativen Kritiken gekränkter Kevin Smith), und natürlich ist das nichts anderes als eine eigenmächtige Sabotage filmkritischer Arbeit: Die Einmischung in einen anderen Zuständigkeitsbereich, das Verunmöglichen ausgewogener oder überhaupt ernsthafter Berichterstattung.


(Uwe Boll in Aktion)

Bezeichnenderweise gerinnt diese Form von Kritikerverdrossenheit dabei sogar zum PR-Instrument. In Talkshows klatscht das Studiopublikum Beifall, wenn Til Schweiger seine Praxis gutes Recht nennt. Der ungleich erfolglosere Kollege Uwe Boll wiederum stieg einst sogar in den Boxring, um Filmkritikern tatsächlich auch leibhaftig aufs Maul zu geben. Gegen derart ausgestelltes Bestreben, die Einbahnstraße bis zum bitteren Ende durchzumarschieren, hilft dann eigentlich nur noch naives Zutrauen:

Dietrich Brüggemann, machen Sie bitte mal (Berliner) Schule.

(Rajko Burchardt)

Bisherige Kommentare

(Anzeige: 2 von insgesamt 2)
Von: Dietrich Brüggemann am: 31.07.15
Stop! Noch was! Nämlich folgendes: Antiintellektualität, also hörnse mal, das möge man mir bitte mit intellektuellen Mitteln am lebenden Objekt nachweisen, sonst weise ich es erstmal mit stolzer Geste in Bausch und Bogen kategorisch weit von mir. Ich bin in der Tat gegen Geschwafel und Wiederkäuen vorgedachter Phrasen, außerdem jederzeit ein Freund des dadaistischen Witzes, auf Facebook und sonstwo, aber antiintellektuell ist ja wohl bäh. Und was muß ich dann im nächsten Satz lesen: Ich meine selbst festgestellt zu haben, daß Abneigung gegen dieses permanent berserkerhaft antiintellektuelle Wüten auf Facebook sich in Kritiken niederschlüge? Dazu fällt mir nur ein schnödes "Nö" ein. Das habe ich nicht nur nirgends behauptet, sondern noch nicht mal gedacht. Daß einige Kritiken seltsam persönlich rüberkommen, habe ich konstatiert, mich aber keineswegs in Spekulationen über etwaige Ursachen gestürzt. Wollte man spekulieren, dann läge der Berliner-Schule-Rant (den ich formal heute anders schreiben würde) recht nahe. Es ist einerseits seltsam, daß vor allem Kritiker sich da unglaublich angegriffen fühlten, andererseits total naheliegend, denn je obskurer das Werk, desto zentraler der Exeget.
Von: Dietrich Brüggemann am: 31.07.15
Na ja, wenn mir ausschließlich inhaltliche Argumentation entgegengehalten wird, muß ich auf die halt eingehen - es wäre mir jedenfalls ziemlich doof vorgekommen, selber die Filmische-Ästhetik-Karte zu ziehen und aufzutrumpfen, was der Film da angeblich zu bieten hat oder auch nicht, wenn es anscheinend sonst niemanden interessiert. Und die Nazi-Neonazi-Unterscheidung ist natürlich einerseits Haarspalterei, korrekt, jawohl, aber bei der zentralen Frage, an der sich viele gestoßen haben, nämlich: Ist der Tonfall des Films so okay? - da liegt an genau diesem Punkt wirklich der Unterschied. Niemals hätte ich diese Art von Film über die NS-Jahre 1933-45 gemacht. Über Deutschland, hier und heute, dagegen schon. Darum ging's. Eingeklammerte Wörter in Sätzen sind immer sone Sache - Kreuzweg war natürlich (unter anderem auch) eine direkte Bezugnahme auf die Berliner Schule. Hat ja auch ausreichend gut funktioniert. Wenn man das eingeklammerte Wort wegläßt, läuft's darauf hinaus, daß ich Schule machen soll - na gut, das möge die Nachwelt entscheiden, ob das am Ende geklappt hat. Noch ist alles offen. Gilt übrigens genauso für die (Berliner) Schule.