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14 09/04

Weg mit dem Feigenblatt! - Biss zum Abspann: Die kino-zeit.de-Kolumne

Aktuell zeigt uns Darren Aronofsky in seinem Bibelepos Noah noch einmal anschaulich wie die Scham in die Welt kam: Der Mensch sprang unbeschwert durchs Paradies, ließ sich von der Schlange zu einem verbotenen Apfel verführen und erkannte, dass er nackt war. Und vorbei war's mit der fröhlichen Freikörperkultur. Der Mensch begann sich zu schämen und das - wie wir von uns selbst wissen - nicht nur für seine Nacktheit. Besonders gerne schämt sich der Mensch für seine Sexualität.

(Adam und Eva, Buchillustration aus "Die Bibel in Bildern" von Julius Schnorr von Carolsfeld, 1860, Quelle: wikimedia)

Ganze Filmreihen wie American Pie oder auch die Hangover-Trilogie generieren ihren Humor aus dem schambesetzten Verhältnis des Publikums zur eigenen Libido. Im deutschsprachigen Raum empfehle ich mal einen Blick auf die Filme von Matthias Schweighöfer, deren pubertärer Humor oft nur für jemanden lustig ist, der schon bei dem Wort "Muschi" grölend unterm Tisch liegt.

Es ist verdammt selten, dass Filme sich trauen, das Thema Sexualität direkt und ohne humoristische Verzerrung darzustellen, insbesondere wenn es um die Libido der weiblichen Spezies geht. Die Frau ist insbesondere im Blockbuster-Kino noch immer ein weitgehend passives Wesen, das sich vom Mann verführen lässt, jedoch nicht selbst die Initiative ergreift. Tut sie es dennoch, endet das gerne mal wie zu Beginn von Vaterfreuden mit einer bedrohlichen Furie, die weder sexy noch glaubwürdig ist. Die personalisierte Angst des Mannes vor der Sexualität der Frau sozusagen. Das Alternativmodel hierzu ist die Unschuld in Person, wie wir sie diese Woche beispielsweise in Die Bestimmung - Divergent sehen können. Die junge Protagonistin begehrt zwar ihren Ausbilder vom ersten Tag an, doch die ungeschriebenen Gesetze des Hollywoodfilms schreiben ihr vor, dieses Begehren zu Gunsten ihrer kostbaren Unschuld zurückzuhalten. Da die Heldin Tris (Shailene Woodley) hier als Identifikationsfigur für Mädchen und Frauen fungiert, vermittelt der Film eine Moral der sexuellen Zurückhaltung, wenn nicht gar Unterdrückung der eigenen Begierde.

Deshalb ist es umso schöner, dass Licht am Horizont aufschimmert. Gleich drei Filme haben mich kürzlich gerade dadurch begeistert, dass sie sich weigern, ihren Protagonistinnen Scham für ihre Sexualität aufzuzwingen: Nymphomaniac: Vol. II, Love Battles und Veronica Mars.

Nun ließe sich über die Darstellung von Sexualität in Nymphomaniac sicher ein Buch schreiben (jüngst auch schon geschehen durch Georg Seeßlen, Lars von Trier goes Porno, erschienen bei Bertz + Fischer), aber dennoch lohnt dies auch einen kurzen Blick. Im zweiten Teil des Films, Nymphomaniac: Vol. II, betont Regisseur Lars von Trier - deutlich stärker als im ersten Teil der Geschichte übrigens - die Pathologisierung seiner Figur durch die Gesellschaft. Joe (Charlotte Gainsbourg) jedoch wehrt sich gegen diese Zuschreibung von außen. Die Selbsthilfegruppe, die sie gezwungener Maßen zur Heilung ihrer angeblichen "Nymphomanie" besucht, verlässt sie mit einem Akt der Selbstaffirmation. "I love my cunt", spricht Joe und formuliert damit die Weigerung, sich für ihren Sexualtrieb zu schämen. Es gelingt ihr sogar, aus der vermeintlichen Schwäche eine Stärke zu generieren, indem sie ihre (sexuelle) Menschenkenntnis in ein Geschäftsmodell transformiert.

(Publicity-Shot zu Nymphomaniac, Copyright: Casper Sejersen / Concorde Filmverleih 2014) 

Eine weitere sexuelle Akteurin, die mein Herz höher schlagen ließ, ist die Heldin des Films Love Battles (Sara Forestier), die sich völlig ohne Scham in eine besonders handgreifliche Beziehung zu ihrem männlichen Gegenüber wirft. Unter vollem Einsatz ihres Körpers balgt sie sich mit ihm. Stets auf Augenhöhe mit dem körperlich überlegenen Mann, darf sie dabei ihren Energien vollkommen freien Lauf lassen. "Ich will ficken", postuliert sie schließlich nach einigen Treffen ruhig und entschieden. Und genau das tut sie dann auch. In Jacques Doillons Inszenierung ist dieser Satz weder obszön noch schambehaftet, sondern vollkommen natürlich.

(Bild aus Love Battles, Copyright: Pierrot Le Fou / AL!VE AG)

Mit Nymphomaniac: Vol. II und Love Battles befinden wir uns im Bereich des Arthousefilms, der gemeinhin eher subversiv mit der Gesellschaft umgeht, in der er entsteht. Deshalb ist in dieser Aufzählung tatsächlich der dritte Film, Veronica Mars in meinen Augen der bedeutendste. Stellen Nymphomaniac und Love Battles die Grenzen zwischen Pornographie und Spielfilm in Frage, ist Veronica Mars selbstbewusstes Popcornkino mit Mainstreamappeal. Und dennoch wählt Regisseur und Drehbuchautor Rob Thomas einen besonderen Umgang mit der Sexualität seiner Hauptfigur. Der Film beginnt mit Veronicas Bewerbungsgespräch bei einer renommierten New Yorker Kanzlei, in dem sie auch auf ein gewisses Sexvideo angesprochen wird, das im Internet kursiere. Zum einen ist dieser unlautere Übergriff in ihre Privatsphäre für den Zuschauer umgehend als solcher erkennbar. Die Frage hat in diesem Gespräch nichts zu suchen, spielt sie doch für die fachliche Eignung der Kandidatin keine Rolle.

Entscheidender aber ist Veronicas Reaktion: Sie schämt sich nicht. Sie schämt sich nicht für das Video und auch nicht für das, was in diesem Video zu sehen ist, also ihre Sexualität. Im Laufe des Films taucht das Video mehrfach auf, doch niemals bringt es Veronica (Kristen Bell) aus der Ruhe, im Gegensatz zu ihrem Exfreund, der deshalb eine Schlägerei anzettelt. Das Problem ist dabei weder der Sex, noch das Video, sondern das was die Gesellschaft daraus macht: Um sie zu erniedrigen zeigen Veronicas Mitschülerinnen das Video auf Großleinwand beim Jahrgangstreffen und bedienen sich damit im Grunde derselben Einschüchterungsstrategie wie der potentielle Arbeitgeber im Bewerbungsgespräch. Doch statt mit puterrotem Gesicht ins nächste Mauseloch zu kriechen, bleibt die Heldin hier selbstbewusst, frei nach dem Motto: "Ich habe Sex und das ist gut so."

Diese Einstellung zur Sexualität der Heldin ist bemerkenswert, auch wenn - oder vielleicht gerade weil - das Video im Gesamtkontext des Films nur ein kleines Detail darstellt. Ich glaube, es sind Charaktere wie Veronica Mars, die als Identifikationsfiguren eine Art sexuell befreiende Wirkung entfalten können. Statt das weibliche Publikum dazu aufzufordern, die eigene Sexualität wie einen Schatz zu hüten wie dies der Film Die Bestimmung - Divergent tut, motiviert Veronica Mars uns Frauen zur Entsorgung des Feigenblattes, damit wir wieder fröhlich und ohne jede Scham durchs Paradies springen können.

Auf geht's Mädels! 

(Sophie Charlotte Rieger)

Sophie Charlotte Rieger, in den Weiten des Internets auch als filmosophie bekannt, schreibt hauptberuflich über Film. Sie ärgert sich viel und gerne über Sexismus auf der Leinwand und freut sich, wenn ihr jemand dabei zuhört. In einsamen Momenten versucht sie via Selbstanalyse ihre paradoxe Twilight-Faszination zu verstehen. Bislang ohne Ergebnis.