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15 29/12

Was ist ein smektakuläres Robowabohu? Die schlechtesten Verleihtitel 2015

"A rose by any other name would smell as sweet", heißt es in Romeo und Julia. Und Goethe lässt seinen Faust verkünden: "Name ist Schall und Rauch / Umnebelnd Himmelsglut." Manchmal jedoch muss selbst Shakespeare und Goethe widersprochen werden. Bei aller prophetischen Qualität, die ihre Werke oft haben mögen, manchen Horror konnten sie nur schwerlich voraussagen – etwa den Schrecken deutscher Verleihtitel für fremdsprachige Filme. 

Der Name, den ein Regisseur oder Autor für seinen Film wählt, ist nicht einfach ein äußerliches Label. Selbst, wenn Studios immer ein Wort mitzureden haben – in der Regel hat sich der Filmemacher etwas dabei gedacht. Namen sind kein schmückendes Beiwerk, kein achtlos um eine Gabe gewickeltes Papier – nein, sie sind Teil des Geschenks. Sie sind das Erste, was wir von einem Film zu sehen bekommen. Eine Grundierung, welche die gesamte Erfahrung prägt und sie immerzu kommentiert. 

Manche Titel sind Versprechen und Drohung (There Will Be Blood, All is Lost), andere werden zur ablaufenden Sanduhr im Hinterkopf (Zwei Tage, eine Nacht) oder überhöhen ihre Figuren ironisch, um sie umso tiefer stürzen zu lassen (Queen of Earth). So wiegt auch alles, was den Figuren in Todd Solondz‘ Happiness oder in Wong Kar-Wais Happy Together zustößt, doppelt schwer, weil der jeweilige Titel wie ein hämisches Lächeln über ihnen schwebt. Manche Namen türmen himmelhoch über dem, was sie benennen. (Ben Afflecks Namensgebung für seinen Kurzfilm I Killed My Lesbian Wife, Hung Her on a Meat Hook, and Now I Have a Three-Picture Deal at Disney dürfte immer noch seine größte Karriereleistung sein.) 


(Filmstill aus Zwei Tage, eine Nacht © Alamode)

Kurz: Nomen est omen. Doch den Menschen im deutschen Filmvertrieb ist das oft egal. Sicher, man kann ihnen Schwerwiegendes vorwerfen: Die Liste der Perlen, die dem deutschen Kinopublikum gar nicht erst zugetraut werden, ist schier endlos. Doch auch aus den merkwürdigen Umbenennungen, dümmlichen Zusatztiteln und schwachsinnigen Taglines spricht oft Zuschauerverachtung – als müsste erst tief in die Trickkiste gegriffen werden, damit er begreift, was ihm angeboten wird. Der Tonfall deutscher Verleihtitel gleicht jenem, mit dem man sich an Kinder wendet.

Das Problem: Titel sind oft ambivalent, mysteriös oder ironisch. Doch genau wie Trailer und Poster sollen auch sie heute exakt zeigen, was den Zuschauer im Kino erwartet, damit ja niemand überrascht wird. Was für die Filmemacher ein Teil ihres Gesamtkunstwerks ist, muss für die Experten vom Verleih zugleich Pitch, Handlungsabriss und Werbeslogan sein. Diesem Wunsch entwachsen ist ein elaboriertes System von Codes und Sprachmustern, die immer neue Stilblüten hervorbringt.

Einfache Übersetzung sind dabei natürlich nicht das Problem: La chambre bleue kann hier ganz folgerichtig als Das blaue Zimmer erscheinen. Doch so logisch geht es leider selten zu: Munter werden Artikel gestrichen (The Avengers: Age of Ultron), Wörter in der Übersetzung ausgetauscht (The Face of an Angel wird Die Augen des Engels) und erklärende (sich überproportional oft reimende) Zusatztitel hinzugefügt. Auch in diesem Jahr wurde auf der Suche nach dem größten gemeinsamen Nenner wieder ein Feldzug gegen Logik, Sinn und Kohärenz geführt. 

Zuerst einmal wären da die zahllosen Dramen und Romanzen, die als austauschbares Groschenroman-Kino deklariert werden. Dafür nimmt man einfach den Originaltitel und ersetzt ihn durch nichtssagende Konstruktionen, in denen möglichst oft Liebe, Leben, Glück, Sehnsucht, vielleicht auch Familie vorkommt. La ritournelle weckt für das Arthouse-Publikum jetzt Sehnsucht nach Paris. The Railway Man findet Die Liebe seines Lebens und The Water Diviner gibt Das Versprechen eines Lebens. Les souvenirs weicht der dümmlichen Tautologie Zu Ende ist alles erst am Schluss. Und Dancing Arabs will in diesen Zeiten natürlich kein aufrechter Europäer sehen: Da doch lieber ein wenig schlager-affiner: Mein Herz tanzt. Besonders ärgerlich: You're Ugly Too bringt das Gefühl der Verbundenheit, das man auf den meisten Familienfesten empfindet, perfekt auf den Punkt. Hier in Deutschland werden leider lediglich Familienbande geknüpft.


(Filmstill aus Familienbande. © Pandora Filmverleih)

Faszinierend ist, dass oft Titel gar nicht in die Landessprache übersetzt werden, sondern neue fremdsprachige Titel erhalten. Der Desktop-Horrorfilm Unfriended heißt hierzulande etwa Unknown User. (Das ist wohl darauf zurückzuführen ist, dass bald Unfriend von Simon Verhoeven erscheint.) Eine unnötige Änderung, aber nicht weiter schlimm: Als der genial-trashige Arbeitstitel Cybernatural aufgegeben wurde, war ohnehin alles zu spät. Apropos alles zu spät: Die schwache Komödie Unfinished Business konnte auch durch die Umbenennung in Big Business - Außer Spesen nichts gewesen nicht gerettet werden. Immerhin reimt sich das Ganze – Pumuckl wäre stolz. 

Gerade aus solchen Komödien werden regelmäßig absurde Romane gemacht. Waren Reese Witherspoon und Sofía Vergara ursprünglich noch auf Hot Pursuit, ist in der Bundesrepublik Miss Bodyguard - In Highheels auf der Flucht. Unpraktisch. Die Kombination aus neuem englischen Titel und einem zusätzlichen deutschen gab es in diesem Jahr oft: Die dezente Frage What If weicht The F‑Word - Von wegen nur gute Freunde!; der Originaltitel Train Wreck beschreibt den neuen Namen des Amy-Schumer-Vehikels Dating Queen - Beziehungen sind auch keine Lösung ziemlich präzise. Und weil der Durchschnittsgermane bei Chef wohl primär an seinen Vorgesetzten denkt, gibt es stattdessen die Forderung Kiss The Cook - So schmeckt das Leben. Zum Glück schmeckt das Leben nicht Burnt, das würde hierzulande ja keiner verstehen – man schwelgt also lieber im Im Rausch der Sterne. Wer dabei eher an Luke Skywalker als an Michelin-Auszeichnungen denken muss, ist selbst schuld.

Über die Neutaufen des Disney-Flops A World Beyond könnte man sicherlich ganze Romane schreiben, die wohl allesamt aufregender wären als das Science-Fiction-Abenteuer selbst. Die Kurzfassung: Als Brad Bird und Damon Lindelof das Drehbuch zu Tomorrowland schrieben, hatten sie sicherlich nicht das belgische Musikfestival im Kopf, auf dem es deutlich weniger Jetpacks gibt. Um die Verwechslungsgefahr zwischen den beiden Parallelwelten auf ein Minimum zu beschränken, sollte der Film hierzulande als Projekt: Neuland vertrieben werden. Als es dafür Spott aus dem von Angela Merkel so getauften Neuland – dem Internet – hagelte, wurde der Film weniger als zwei Monate vor dem Kinostart noch einmal umgetauft. A World Beyond war dann endlich ausreichend generisch und einfallslos.


(Filmstill aus A World Beyond © Walt Disney)

Ähnlich originell waren 2015 auch wieder die Zusatztitel, die sich wie böswillige Parasiten an Titel klemmten, um dem armen Namen jede Eleganz auszusaugen. Sicher, Taken 3 ist kein durchdachtes Meisterwerk, aber immerhin zutreffend: Auch im dritten Teil werden diverse Leute entführt. Der deutsche Titel 96 Hours – Taken 3 ist hingegen schlicht und ergreifend Unsinn: Hatte Liam Neeson in Teil 1 noch die titelgebenden vier Tage Zeit, gibt es in Teil 2 und 3 längst keine solche Limitierung mehr. Von Insidious: Chapter 3 lernt man wenigstens noch etwas, denn der Horrorstreifen lief in den lokalen Lichtspielhäusern mit dem Zusatz Jede Geschichte hat einen Anfang – fast schon ein Godard-Zitat. 

Der Rache-Thriller Remember hat fast so etwas wie einen Service-Zusatz und rät seinem Publikum: Vergiss nicht, Dich zu erinnern. Es ist die Geschichte eines Nazijägers mit Alzheimer. Die hochkomplexe Krankheit wird bei Still Alice dank dem deutschen Verleih auf ein einfaches Mein Leben ohne Gestern reduziert. 

Angesichts mancher Titel scheint das Vergessen die bessere Option. Etwa What the Fuck heißt REDIRECTED? (Antwort: nachsenden, weitersenden, etw. umleiten. Dafür hätte ein Wörterbuch gereicht.)  Und was genau ein Ein smektakulärer Trip ist – so der Titelzusatz von Dreamworks Home – werden wir wohl nie erfahren. Ja, eine der Figuren heißt Captain Smek, aber der ist nicht einmal der Protagonist. Und Wild lief hier ja auch als Der große Trip – Wild und nicht Der cherylige Trip oder gar Der reesewitherspoonige Trip. Vor dem Kinobesuch wusste wohl auch niemand, wer genau dieser Smek war. Wie genau er also irgendwen in die Kinos locken sollte, bleibt wohl Berufsgeheimnis der Verleihbranche.


(Filmstill aus Baymax - Riesiges Robowabohu © Walt Disney)

Schlussendlich wäre da noch die Königsdisziplin der schlechten Verleihtitel: Jene, die nur noch wenig mit der ursprünglichen Namensgebung gemein haben. Wo While We're Young schön mit den ironischen Brüchen der Midlife-Crisis spielt, klingt Gefühlt Mitte Zwanzig gefühlt ziemlich dämlich. The Town That Dreaded Sundown verspricht im Namen exakt das Gegenteil der deutschen Version Warte, bis es dunkel wird. Auch Me and Earl and the Dying Girl wird um 180 Grad gedreht, denn bei Ich und Earl und das Mädchen fällt nicht nur der Reim weg, sondern auch der Tod. Bei Big Hero 6 verschwinden fünf Figuren aus dem Titel, bis nur noch der knuffige Roboter Baymax bleibt und ein Riesiges Robowabohu veranstaltet. 

Auch in Zukunft wird es wohl weiter schreckliche deutsche Titel geben, die nicht nur das Sprachgefühl beleidigen, nicht dem Prinzip der Werktreue entsprechen und die Diskussion über unser aller liebstes Hobby verkomplizieren, sondern sich auch immer ein wenig anfühlen, als würde man schlicht und ergreifend veralbert. Aber, um es mit dem deutschen Zusatz von Alexander and the Terrible, Horrible, No Good, Very Bad Day – hierzulande einfach Die Coopers – zu sagen: Schlimmer geht immer

(Lucas Barwenczik)

Bisherige Kommentare

(Anzeige: 1 von insgesamt 1)
Von: Gnislew am: 30.12.15
Der kommende Horrorfilm "Unfriend" heißt mi Original übrigens "Friend Request". Deine Begründung zur Umbennung von "Unfriended" in "Unknown User" kann so also nicht stimmen. "Tomorrowland" gehört für mich auch zu den dümmsten Umbenennungen, schließlich ist der Film nach einem Themengebiet im Disneyland benannt.