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15 17/11

War Woody Allen früher wirklich besser als heute?

Woody Allen ist einer jener Filmemacher, zu denen viele eine Theorie über die Qualität seiner Filme haben. Und so ist pünktlich zu seinem neuen Film Irrational Man wieder die verbreitete Annahme zu hören, dass bei ihm in der Regel auf einen besseren ein schlechterer Film folgt. Andere ordnen seine Karriere in Phasen, die meist nach weiblichen Hauptdarstellerinnen sortiert sind, wobei vor allem Diane Keaton, Mia Farrow und Scarlett Johansson genannt werden. 

 
(Woody Allen im Jahre 1969 mit dem Broadway Cast von Play It Again, Sam!; Copyright: Public Domain)

Dann gibt es die Möglichkeit, die Qualität seiner Filme an den Städten festzumachen, in denen sie spielen. Man hat den Eindruck, dass sich in New York, der eigentlichen Heimat (des Kinos) von Allen, eine andere Energie entfesselt als bei seinen zahlreichen Ausflügen nach Europa oder in andere amerikanische Städte. Schließlich gibt es noch die etwas pauschale Aussage, auf die im Folgenden etwas näher eingegangen werden soll: Früher war Woody einfach besser. Ist das so?

Zunächst einmal gilt es zu definieren, was man unter "früher" verstehen könnte. Angefangen von seinen sogenannten High-Concept-Komödien wie dem tollen Sleeper oder Bananas über Klassiker seines Œuvres wie Annie Hall oder Manhattan zu den Perlen wie Stardust Memories oder Hannah and Her Sisters über eine schwierige Phase in den 1990er Jahren mit Hochs und Tiefs bis in dieses Jahrtausend mit einer Überraschung wie Match Point und zahlreichen weiteren Europaausflügen wie beispielsweise Midnight in Paris oder Vicky Cristina Barcelona lassen sich gleichermaßen sehr viele Konstanten und Differenzen im Werk von Allen finden. Mit den nostalgischen Bemühungen um ein "früher", die dem Kino ja von Haus aus nicht gerade fremd sind, kann also sehr viel gemeint sein. Es ist zum Beispiel bemerkenswert, dass Allen bis inklusive Irrational Man auf Film drehte. Erst jetzt wagt er für sein kommendes Filmprojekt (er dreht auch eine Serie für Amazon!) den Umstieg auf digitale Technologie beziehungsweise sieht sich dazu gezwungen. Vielleicht gibt es erst hier ein "früher" und "später" im Werk von Allen? 

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(Trailer zu Irrational Man)

Allgemein lässt sich sagen, dass sich bezüglich der Kameraarbeit sehr wenig geändert hat. Allen arbeitet schon immer mit herausragenden Kameramännern zusammen. Niemand würde ernsthaft behaupten können, dass es einen Qualitätsunterschied zwischen DOPs wie Gordon Willis, Darius Khondji, Carlo Di Palma, Sven Nykvist, Vilmos Zsigmond oder Vittorio Storraro (der jenen ersten digitalen Film von Allen fotografieren wird) gibt. Dasselbe gilt für die restliche Crew und den Cast. Es ist keineswegs so, dass das Phänomen Woody für die Branche unattraktiv geworden ist. Anscheinend will jeder mit ihm arbeiten, und wenn man sich manche Schauspieldarbietung der vergangenen Jahre ansieht, dann versteht man auch weshalb. Vieles in den Filmen von Allen atmet heute die Freiheit eines Kollektivs. Das erinnert auch an den (sehr) anderen Altmeister Jean-Luc Godard, der zum Teil gar nicht mehr anwesend ist, wenn seine Filme gedreht werden. Jeder scheint sich gleichermaßen einzubringen in Woodys Welt, die von den Titelsequenzen, der Art des Timings, über den Jazz-Soundtrack bis zu den witty-Dialogen jeder auch mehr oder weniger gut kennt. Manchmal hat man das Gefühl, dass berühmte Darsteller und Crewmitglieder ein Allen-Set wie Urlaub betrachten. Es ist nicht gerade ein Geheimnis, dass die Steuergelder von Das Traumschiff-Episoden nicht nur in die Umsetzung der Serie fließen, und ähnlich kann man sich touristische Filme wie Vicky Cristina Barcelona, To Rome with Love oder Midnight in Paris vielleicht auch vorstellen. Darin lässt sich eine Bequemlichkeit erkennen, aber wirkt sich diese auf die Qualität der Filme aus? 


(Trailer zu Magic in the Moonlight)

Es ist sicher so, dass Allen "früher" Filme machte, deren Bilder zu Postkarten wurden, während er heute Postkarten zu Filmen macht. Alles hat den Anstrich einer gediegenen Souveränität, über die eine kalte Distanz gehüllt wurde, die sich ständig mit sich selbst beschäftigt, während sie "früher" in einem direkten Kontakt mit der Welt stand. Ein Beispiel dafür wären die Schnitte und Pausen nach Pointen, die sich zum Beispiel durch den kompletten Film Magic in the Moonlight ziehen. Allen, der auch schon öfter darüber philosophiert hat, interessiert sich für das Timing in der Montage im Verhältnis zum Humor. Das ist sicherlich essentiell. Jedoch hat er es so perfektioniert, dass es zum Teil jegliche Lebendigkeit abtötet, die ebenso essentiell für den Humor ist. Und so untermalen Schnitte nur noch den antizipierten Lacher und in der Regel ist das nicht lustig. Vielleicht ist dieses Vorgehen und diese Distanz ein logischer Schritt in die Abstraktion, die mit dem Alter kommt. Das Problem daran ist, dass sie nicht als Abstraktion daherkommt, sondern ganz im Gegenteil, deutlich mehr an der Repräsentation von Zeiten und Orten interessiert ist - statt wie zum Beispiel in Love and Death die Lücke zwischen der Zeit und ihrer Darstellung zu betonen. Alleine die Darstellungen von Allen selbst in Kostümen, die nichts mit seiner Erscheinung zu tun haben und die er dennoch zu seinen eigenen gemacht hat, bleiben unvergesslich. Heute legt er dagegen einen großen Wert auf eine klassische Lichtgestaltung, die meist auf eine sehr kitschige Schönheit zielt. Beinhaltete das Spiel des Kinos in den ersten Filmen von Allen im Stil eines Jacques Tati oder Charlie Chaplin für sich genommen einen Humor, hat er diesen nun auf die inhaltliche Ebene verlagert. Es gab rein visuelle Gags und formale Spielereien, die man heute meist vermisst. Das bedeutet nicht, dass man die Qualität eines Woody-Allen-Films lediglich an den Lachern und ihrer Konstruktion messen könnte, da großartige Filme wie die genannten Match Point oder Hannah and Her Sisters auch andere Stärken aufweisen. Es ist sicher nicht so einfach, zwischen einem "früher" und einem "heute" zu trennen, weil sich in sämtlichen Phasen stärkere und schwächere Filme offenbaren, aber die Tendenz zur inhaltsbetonten Kühle und abgestorbenen Souveränität ist bemerkenswert. Zwar muss man auch immer seine eigene Wahrnehmung hinterfragen, da man über mehrere Jahrzehnte nun schon Jahr für Jahr mit einem Film des Mannes konfrontiert wird - Irrational Man ist der 45. Spielfilm des bald 80-Jährigen (eine Karriereleistung, die das einzelne Werk angreifbar macht, aber für sich selbst unglaublich ist), aber letztlich merkt man es den Filmen selbst an. So gestaltet sich eine Rückkehr zu älteren Filmen von Allen, den man glaubt, sehr gut zu kennen, deutlich vielschichtiger und aufregender. 

Das liegt auch an der Sprache und den Dialogen. Sprudeln diese in einem Film wie Annie Hall noch aus dem Milieu und den Figuren heraus, so existieren sie heute zum Beispiel in einem Film wie You Will Meet a Tall Dark Stranger oft nur mehr in einem Vakuum der leichten Unterhaltung. Allen hat vor längerer Zeit damit begonnen, Woody-Allen-Filme zu machen, und dabei vergessen, was ein Woody-Allen-Film ist. Die emotionale Verlorenheit und humoristische Dringlichkeit ist heute nurmehr eine Weltsicht. Seine Figuren sind keine Individuen mehr. Sie sind Zitate und Klischees. Sein durchgehendes Thema, die Frage nach der Hoffnung auf eine Romantik, Übersinnlichkeit und Liebe, die auf den Zynismus des Todes, der Wissenschaft und der Gesundheit trifft (verkürzt: ältere Männer treffen auf jüngere Frauen), bleibt zwar erhalten, aber er verbalisiert es und macht es zu einem intellektuellen Konflikt, der wenig mit tatsächlichen Bedürfnissen zu tun hat. Hinzu kommt, dass er selbst in besseren Werken seiner jüngeren Schaffenszeit wie Whatever Works oder Midnight in Paris nur äußerst selten den Mut zur völligen Absurdität und zu dieser amerikanischen Qualität des geschickten Over-the-Top-Gehens gefunden hat. Weit weg ist man von Szenen, in denen ein Ohr geklont werden soll von Diane Keaton und Woody Allen, die vor Wissenschaftlern den Vorgang präsentieren und keine Ahnung haben wie es geht. Weit weg ist man von Krebsen, die durch die Küche krabbeln oder ängstlichen Spermazellen. Es würde nicht genügen, seine "späteren" Filme als ernsthafter zu beschreiben. Sie sind kommerzieller und sicherer.


(Trailer zu Melinda and Melinda)

Aber vielleicht ist das gar nicht schlimm, vielleicht zeigt es, was viele gar nicht wahrhaben wollen, nämlich dass sich Allen durchaus verändert und entwickelt hat in seiner Schaffenszeit. Die Faszination kommt vielleicht auch durch das Gesamtwerk eines Mannes, der immer wieder versucht zu träumen, aber zu viel denkt, und immer wieder versucht zu denken, aber dabei träumt. Es ist auch die Erfahrung einer Flüchtigkeit, die sich eben im Gesamtwerk spiegelt. Melinda and Melinda ist womöglich zugleich ein Sinnbild für diese Flüchtigkeit als auch für ihre Faszination. Das Komische und das Tragische in einer Geschichte, in zwei Geschichten, nebeneinander, ist dieser Film mehr mit sich selbst beschäftigt. Ein Eskapismus in die Wiederholung, die uns weder "früher" noch "später" bei Woody Allen jemals aufgeweckt hat und immer als eine Utopie des Träumens existierte, bei dem der Träumende mit den Augen zwinkerte und so alle, die ihn betrachteten, zum Träumen brachte. 

(Patrick Holzapfel)

Bisherige Kommentare

(Anzeige: 1 von insgesamt 1)
Von: Schmalspurganove am: 18.11.15
Also ich denke, der junge Allen war authentisch und hungrig, und "wir" liebten ihn deshalb und wegen seiner Dreistigkeit. Die neuen Filme haben ein ganz neues Publikum gewonnen, schon lange. Haben sich auch mit dem Zeitgeist entwickelt und nicht dagegen wie vorher, sind irgendwie möndäner geworden, aber angepasster wäre zu einfach und nicht ganz richtig. Reifer kann man auch sagen, denn es gibt ganz viele punkte die feiner aber sehr tiefgründig sind und von der Kritik noch gar nicht gut erkannt werden eben Verfeinerungen. Wir verstehen ihn heute anders als früher trotzdem schätzt man seine Arbeit und ist gespannt auf neues und diskutiert es. Lasst den alten Herrn mal machen, ist immer noch weit besser als das meiste sonst. Ausserdem ist er frei und unabhängig und kann vielleicht auch ohne weiterhin Provokationen auskommen, ich jedenfalls bleib dran und schau mir seine Filme an. Auf jeden Fall super Artikel Herr Holzapfel, mit Respekt und gut ermittelt. Ob Abstraktion mit dem Alter kommt weiß ich nicht, kann ja ihre persönliche Erfahrung sein, gibt aber bei Regisseuren viele Gegenbeispiele und ich finde das für Allen nicht zutreffend