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17 02/11

Viennale 2017: "Sexy Durga" von Sanal Kumar Sasidharan

Schon der Beginn von Sanal Kumar Sasidharans Sexy Durga ist überaus unangenehm und beklemmend: In einem Ritual für die hinduistische Göttin Durga tanzen sich junge Männer derart in Trance, dass sie sich anschließend allerlei Instrumente und Haken durch die Haut bohren lassen. Anschließend werden sie in komplizierten Hebevorrichtungen und nur durch Seile an ihren in den Körper hineingebohrten Haken hängend wild hin und her schaukelnd durch den Ort gefahren, begleitet von einem infernalischen Lärm, von ekstatischen Trommelrhythmen und einer großen Menschenmenge, die die gepeinigten Helden feiert.


(Bild aus Sexy Durga; Courtesy: Viennale)

Wirkt dieser Auftakt noch wie eine ethnologische Erkundungsreise in die schmerzhaften Rituale und bizarren Gebräuche einer fremden Religion, erweisen sich diese Eingangsszenen jedoch schnell trotz aller Explizitheit fast als harmlos im Vergleich zu dem, was nun in den insgesamt 86 Minuten des Films geschieht. Sie verbindet mit dem Folgenden vor allem ein Name: Durga ist nicht nur eine Göttin des Hinduismus (vielleicht sogar die wichtigste), sondern es ist auch der Name der jungen Frau aus dem Norden Indiens, deren Weg der Film begleitet. Anders als ihre Namenspatronin aber ist Durga kein Wesen, dem Verehrung, sondern vielmehr pure Verachtung und Objektivierung der übelsten Art entgegengebracht wird. Gemeinsam mit Kabeer, einem jungen Mann aus Kerala im Südwesten Indiens, ist sie aus ungewissen Verhältnissen ausgebrochen (genaueres weiß man nicht, doch die Umstände lassen nichts Gutes ahnen), um mitten in der Nacht mit dem Zug in den Norden zu fliehen. Doch der Weg zum Bahnhof ist weit, die Gegend, durch die sich die beiden Flüchtenden bewegen müssen, finster und die Menschen, denen sie auf ihrer Reise begegnen, erweisen sich als zwielichtige Gestalten, die es bei aller scheinbaren Freundlichkeit vor allem auf Machtausübung und Durgas Körper abgesehen haben.


Trailer zu Sexy Durga

Nahezu in Echtzeit und mit einigen überaus gekonnt eingesetzten Plansequenzen erschaffen der Regisseur Sasidharan und sein Kameramann Prathap Joseph eine dichte, dunkle und überaus beklemmende Atmosphäre ständiger Bedrohung und klaustrophobischer Enge permanenter Finsternis, in der die Panik und das Misstrauen des jungen Paares sich nahezu bruchlos auf den Zuschauer übertragen. Fast unwillkürlich drängen sich die Berichte sexueller Übergriffe und brutalster Vergewaltigungen auf dem Subkontinent auf - und selbst wenn Sasidharan die Situationen ein ums andere Mal geschickt in der Balance zwischen vermeintlicher Paranoia und der Allgegenwart von sexuellen Übergriffen hält, bekommt man zumindest eine Ahnung davon, welchem Terror Frauen in einer Gesellschaft wie der indischen ausgesetzt sind. Und zugleich drängt sich angesichts der Wucht, mit der der Film sein Anliegen vorträgt, beinahe unwillkürlich die Frage auf, ob diese Kultur der sexuellen Ausbeutung und Degradierung tatsächlich nur auf fremde Gesellschaften beschränkt ist oder diese Dämonen nicht jeder Kultur innewohnen.


(Bild aus Sexy Durga; Courtesy: Viennale)

Obgleich kaum je Gewalt gezeigt wird, ist Sexy Durga ein wütender und auf der psychologischen Ebene zutiefst brutaler Film, der das Unbehagen und die Erfahrungen von Objektivierung und sexueller Belästigung körperlich spürbar macht. Umso bemerkenswerter ist diese Soghaftigkeit, die der Film erzeugt, angesichts der Tatsache, dass Sexy Durga ohne Drehbuch entstand, sondern weitgehend improvisiert wurde. Die Dichte, die aus dieser Arbeitsweise hervorgegangen ist, spricht dafür, dass hier viele eigene Erfahrungen der Crew mit eingeflossen sind. Die manchmal bis zur Erschöpfung der verbal Attackierten sowie des Zuschauers getriebenen Dialoge scheinen in manchen Momenten gar die Kamera selbst zu ermüden - dann zieht sie sich aus der Enge des Fahrzeuges zurück auf dessen Dach, die Gespräche werden undeutlich und vom Brausen des Windes übertönt und verschluckt. In diesen wenigen Momenten bekommt man zumindest eine kleine Ahnung davon, wie die Freiheit aussehen könnte, von der man am Ende nicht weiß, ob Durga und Kabeer sie jemals erlangen werden.

(Joachim Kurz)