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15 03/06

"Verheerende Dimensionen" in der Filmkritik - Die kino-zeit.de-Kolumne

Seit dem 14. Mai treibt ein Thema durch meinen Hinterkopf, das nicht nur eine lebhafte Diskussion ausgelöst hat, sondern auch vielschichtig genug für eine Vielzahl völlig konträrer Ansichten ist. An jenem Tag hat Marcus Stiglegger, seines Zeichens Doktor / Filmwissenschaftler / Autor, einen Rant auf Facebook veröffentlicht, der vielleicht gar kein Rant sein will und sich über die inzwischen "verheerende Dimension" planloser Filmberichterstattung beschwert.


(Illustration des Theorems der endlos tippenden Affen; Copyright: KaterBegemot / CC BY-SA 3.0 / Public Domain via Wikimedia Commons)

Es gebe zu viele Filmkritiken auf zu vielen Internetseiten, die zu viel unfundierten Schwachsinn verbreiteten. Am Anfang müsse immer die Anhäufung von filmhistorischem Basiswissen stehen, bevor dann hoffentlich spannende und interessante Kritiken veröffentlicht werden könnten.

Schon kurz nach Veröffentlichung dieses Beitrags gab es bereits zahlreiche Antworten, ganz zu schweigen von noch zahlreicheren blauen Daumen. Marcus Stiglegger hat hier offensichtlich einen Nerv getroffen, der sich durch den Rant-Geruch zwar ein bisschen selber ins Bein schießt, aber auf jeden Fall genügend Stoff für vielfältige Positionierungen bietet – die übrigens der Verfasser selbst ab einem gewissen Grad verweigert. Die wiederholte Bitte, doch mal konkret "anstößige" Seiten zu nennen, wurde ebenso wiederholt entweder ignoriert oder mit Worten wie "ich möchte nicht zu persönlich werden" abgetan. Es blieb bis zum letzten Beitrag bei "geschmäcklerischem Fangerede" und "leicht durchschaubaren Fehlurteilen".

Nun gut, Facebook halt, der ideale Ort für "Das musste jetzt einfach mal gesagt werden"-Beiträge – wenn denn da nicht der überaus wahre Kern der Aussage wäre, genauso wie auch der überaus falsche Kern der Aussage. Muss denn wirklich jeder die Basisdemokratie Internet für Bewertungen missbrauchen, deren filmhistorischer Horizont bei Herr der Ringe anfängt? Und muss denn wirklich jeder einen Film in einen umfassenden Kontext stellen, um ihm eine Meinung abgewinnen zu können? Wo geht richtig los, wo hört falsch auf, was ist wichtig, was ist belanglos? Wenn zum Beispiel jemand Michael Mann als "völlig unterbewertet" erkennt (wie gerade aktuell zu lesen), ist das dann noch eine eigene Meinung oder schon unfundierter Unfug?

Nicht nur für Stiglegger dürfte die Antwort hier eindeutig ausfallen, aber was heißt das dann weiterführend – dass dieser Mensch mal besser die Tastatur einstauben lassen sollte? Dass zunächst mal der Wissensstand verbreitert und vertieft werden muss, bevor irgendwann der gemeingültige Konsens erreicht ist? Die Forderung nach dem richtigen filmhistorischen Kontext kann ganz leicht als Arroganz verstanden werden, als Überstülpen eines selbstbestimmten Anspruchs, der andere bewusst kleinhält und "schlau" gefährlich nahe zu "trocken" schiebt. Wer sich für eine Schamgrenze ausspricht, kommt eigentlich nicht mit der Tatsache klar, dass so etwas völlig subjektiv ist. Schon der Satz "ist voll geil" ist bereits mehr als eine 5/5-Bewertung und somit eigentlich ausreichend für eine eigene Internetseite. Sofern man denn nicht schon bei der Mega-Idee hängengeblieben ist, eine Seite nur mit Sternchen zu machen.

Meiner Meinung nach sind blödes Gewäsch, oberflächliche Kritiken, die vorwiegend aus Inhaltsangaben bestehen, und verstolperte Grammatiksünden völlig in Ordnung. Wenn ich daran zurückdenke, was ich früher, zu glorreichen Fanzine-Zeiten, für süße Mindermeinungen rausgelassen habe, wird’s mir sowohl anders als auch äußerst froh. Das Veröffentlichen von Texten war am Anfang eine große Ehre für mich, die mir Stolz, (gesunde?) Arroganz und vor allem den Drang nach mehr gebracht hat. Mehr sehen, mehr erfahren, mehr schreiben – und dabei hoffentlich besser werden. Immer nochmal besser werden, und damit eine Entwicklung in Gang setzen, die bitteschön nie aufhören darf. Die Fanzines waren wie eine Spielwiese, basierend auf toleranten Herausgebern, und das Internet ist eigentlich nichts anderes, nur eben viel, viel breiter und einfacher.


(Eine Fanzine-Sammlung; Copyright: KoS / Public Domain via Wikimedia Commons)

In diesem Rahmen mehr als eine Empfehlung auszusprechen, "New Hollywood" doch bitteschön nicht auf dem Stadtplan von Los Angeles zu suchen, mutet schon fast absurd an. Wenn jemand meint, mit oberflächlichen und falschen Texten / Podcasts / Videos punkten zu wollen, dann soll er / sie das bitte tun. Zum einen steht es jedem frei, darauf aufbauend zu wachsen, und zum anderen kann jederzeit per Klick über die Bedeutung des Dargebotenen abgestimmt werden. Dass nun kein Herausgeber mehr "überwunden" werden muss, mag die Schwellenangst nochmal nach unten verschoben haben, doch im Grunde genommen läuft immer noch alles auf die richtige Selektion hinaus. Aufrichtige Liebe zum Kino verlangt auf gar keinen Fall zwangsläufig Kompetenz, wie ein aufklärerisch bemühter Kino-Kämpfer als Kommentar zu Stigleggers Beitrag formulierte. Das ist genau dieser von-oben-herab-Predigerton, den man Stiglegger in finsteren Momenten *auch* unterstellen kann.

Das Internet als Basisdemokratie, nach wie vor. Dank Doofi-Kontrast kommen die wirklichen Glanzlichter, wie zum Beispiel kino-zeit.de, sowieso besser zur Geltung, und wenn einem erstmal klar geworden ist, dass man die tägliche Informationsflut zum Beispiel mit RSS-Feeds oder der radikalen Entrümpelung der Lesezeichen durchaus aufs Wesentliche herunterdampfen kann, tangiert alles andere fast gar nicht mehr. Selbst die betrübliche Tendenz, dass erfolgreiche Seiten meistens in eher flachen Gewässern fischen, kann mit einem Klick, gefolgt von der Gnade des Vergessens, überwunden werden. Wichtig dabei ist lediglich, dass man weiß, bis zu welcher Tiefe ein Thema interessant ist, und ebenso, was eine bestimmte Seite für einen Anspruch hat. Sobald dann ein gemeinsamer Nenner gefunden ist, besteht wirklicher Anlass zur Klage nur noch bei einer drohenden Ausdünnung der Angebotsvielfalt.

Mit anderen Worten: Nein, es besteht kein Anlass zur Klage. Ich selber suche vor allem Texte, die mir etwas Neues erzählen, wie zum Beispiel Filmbesprechungen von Festivals, und gehe dafür vor allem nach dem Alter der Schreiber, der Schreibe und natürlich auch der Meinung – wobei hier ganz viel geht, solange es eben nur gut formuliert ist und ein Wissen erahnen lässt, das meinem Horizont entspricht. Ein durchaus faszinierendes Beispiel hierfür sind viele Kritiken bei blu-ray.com, die meistens völlig konträr zu meinem Geschmack liegen, aber einfach so gut und liebevoll geschrieben sind, dass mir selbst die Höchstwertung für American Sniper noch fünf Minuten verwundertes Lesen wert ist. Statt der einen angemessenen Art, sich einem Film zu nähern, läuft alles unweigerlich auf einen Abgleich mit den eigenen Wünschen und Grenzen hinaus. Wo und wie das in "verheerende Dimensionen" ausarten soll, selbst unter Berücksichtung des prozentualen Anstiegs von Schwachsinn und "Podcast-Kloppköppen", mag mir überhaupt nicht einleuchten. Zum Glück.

(Martin Beck)

(Martin Beck ist freier Journalist und Übersetzer. Des Weiteren leitet er reihesieben.de)

Bisherige Kommentare

(Anzeige: 3 von insgesamt 3)
Von: Merkur Schröder am: 15.06.15
Ich erinnere mich an das Posting, aber weiß gar nicht mehr, ob ich es überhaupt für nötig gehalten habe, darauf zu antworten. Es ist nämlich schon so, daß ich es aufgrund der verstreuten Masse an Kritiken und solchen, die es sein sollen, aufgegeben habe, mich ohne konkrete Suche auf dem Laufenden zu halten. Ich lese also eigentlich nur dann Online-Texte, wenn ich zu einem konkreten Stichwort/Titel recherchiere. Warum ich dir nun antworte liegt an dem ähnlichen Ansatz. Ich habe mit zehn oder elf Jahren mein erstes Wrestling-Fanzine herausgegeben, das aus Collagen bestand, die ich anderen Publikationen entnommen habe. Die Qualität der weiteren Inhalte ist trotz guter Deutsch-Noten nicht der Rede wert. Die Auflage natürlich erst recht nicht. Die Lust und der Antrieb waren aber da und haben mich über Gehversuche in der Musik nebst guten Kontakten soweit getrieben, daß ich schon im letzten Jahrtausend nebenher u.a. Katalogtexte verfasst habe. Die Sache mit dem Film hat sich aus der Leidenschaft heraus ganz intrinsisch mitentwickelt. Für diese Ambitionen sehe ich das Internet genauso als gute Plattform, die aber, das mag auch Marcus gemeint haben, eine gewisse Demut erfordert. Ich glaube das beschreibt auch am ehesten, was jeder mit seinen alten Fanzine-Texten im Hinterkopf entwickeln muß. Im Idealfall befindet sich jeder, der sich mit etwas in Schriften befasst, auf einem nicht abreißenden Weg der Verbesserung. Da mag der eine schon tiefer im Formalen stecken als der andere, aber der andere mag dafür ein besseres Gespür haben. Demut ist also eine Sache zweier Seiten. Es ist sicher nicht hilfreich alles unreflektiert herauszublasen. Es ist sehr wahrscheinlich aber auch nicht hilfreich, sich gänzlich vor den Impulsen derer zu verschließen, die an geeigneter Stelle anregend und befruchtend wirken können.
Von: Danilo Vogt am: 04.06.15
Der Ursprung der Diskussion entstammt nach meinem Verständnis nicht nur der grundsätzlichen Existenz von allerlei Meinungen zum Film sondern dem häufigen Irrtum, dass mit der technischen Möglichkeit, sich zu äußern auch eine automatische Fachkompetenz verbunden sei. Es fehlt oft (und das gilt für viele Bereiche und Themen im Internet) das Gefühl für den Unterschied zwischen veröffentlichter Meinung und sachlich fundierter Besprechung. Die selbstverständliche Gleichsetzung von beidem ist das Problem. Das kritische Hinterfragen der eigenen Sicht unter der Einbeziehung der Möglichkeit, das man etwas vielleicht gar nicht richtig verstanden hat, fehlt vielen. Film ist eine komplexe Kunstform, die oft zahlreiche Verweise und Bezüge zu anderen Bereichen wie Literatur, Psychologie, Philosophie usw enthält und dabei über 100 Jahre Geschichte beinhaltet. Sich dazu kompetent zu äußern bedarf manchmal ein wenig Vorarbeit - und das darf man gern und laut fordern.
Von: Rudolf Inderst am: 04.06.15
"Statt der einen angemessenen Art, sich einem Film zu nähern, läuft alles unweigerlich auf einen Abgleich mit den eigenen Wünschen und Grenzen hinaus." Das wiederum deckt sich mit meiner Ansicht insofern, als dass ich glaube, man liest aus zwei Gründen Filmkritik: Man möchte sich kräftig bestätigt oder ebenso kräftig widerlegt sehen. Beides kann interessante Gesprächen evozieren.