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14 03/05

"Under the Skin" und die Gegenwart des Filmvertriebs - Ein Kommentar

Im Kino, es lebt ja von seinen Emotionen, ist jeder Partei. Wer sich da als neutrale Instanz versteht, gerät schnell an die Grenzen der Wahrnehmung und, das ist interessant, auch der Möglichkeit einer sachlichen Diskussion. Denn Kino lebt vom Subjektiven, von Begeisterung und Ablehnung - als Kunst wie als Freizeiterlebnis aber eben auch von Authentizität und Immersion. Das erklärt auch ein wenig, warum cinephile Kinogänger sich so grundsätzlich darüber echauffieren können, ob ein Film als 35-Millimeter-Kopie oder digitale Fassung gezeigt wird; und es belebt und befeuert die Reaktionen von Fans und Hardcore-Kinogängern auf die Frage, ob ein Film es ins Kino schafft oder direkt auf Silberscheiben in die Läden wandert.

Am vergangenen Montag teilte der Filmverleih Senator mit, man werde Under the Skin von Jonathan Glazer im Sommer in Deutschland auf Festivals zeigen und dann anschließend direkt fürs Heimkino vermarkten. Das sorgte praktisch sofort für einen wütenden Aufschrei. Denn Under the Skin, der nach einer kurzen weltweiten Festivaltournee in den USA und Großbritannien bereits im Kino gestartet ist, wird dort von der Kritik ebenso gepriesen wie von Fans anspruchsvollen Science-Fiction-Kinos. Und obgleich er ästhetisch wohl alles andere als Mainstream ist, hat er mit Scarlett Johansson einen Weltstar in der Hauptrolle - die sich dem Vernehmen nach im Film auch sehr, sehr viel Haut zeige. Man sollte ja meinen, das sollte irgendwie doch vermarktbar sein!

Besorgte Kinofreunde sammeln sich derzeit vor allem auf Facebook, wo sie gen Senator flehen und wüten. Hinter den angekündigten "Festival"-Terminen in Deutschland darf man mit Recht das Fantasy Filmfest vermuten, das zwar immerhin in sieben deutschen Städten gastiert, aber in den letzten Jahren doch mehr und mehr zu einem Marketingfest für demnächst erscheinende Genre-DVDs geraten war.

Inzwischen hat der Verleih ein wenig zurückgerudert: Man werde ein - noch nicht näher beschriebenes - "Voting" durchführen, das es ermöglichen soll, "den Film in ein Kino vor Ort zu voten", damit auch das "Publikum in Mittel- und Kleinstädten" Under the Skin sehen könne. Man wolle so auch die branchenübliche Frist von vier Monaten zwischen Kino- und DVD-Auswertung umgehen. So ließ der Verleih deutlich durchblicken, dass es eine Frage des Geldes sei: "Eine bundesweite Kinokampagne für einen internationalen Film verlangt nach einem sechsstelligen Vermarktungsbudget." Das Geld müsse der Verleih selbst aufbringen, ein großes finanzielles Risiko - zumal Senator die Rechte an Under the Skin wohl erworben hatte, bevor der Film überhaupt gedreht war.

Am Mittwoch konnte man dann nachlesen, warum das wirklich ein Problem für Senator ist: In einer ausführlichen Pressemitteilung musste die Senator Entertainment AG einräumen, dass die Umsatzerlöse für 2013 gegenüber dem Vorjahr um fast die Hälfte eingebrochen waren - und dadurch de facto das "Grundkapital der Einzelgesellschaft Senator Entertainment AG vollständig aufgezehrt" wurde. Natürlich war nicht zu erwarten gewesen, dass der Verleih nach dem Riesenhit Ziemlich beste Freunde einen ebenso großen Erfolg landen können würde; aber der Text liest sich doch so, als habe Senator in genau dieser Hoffnung auch viel investiert - aber keine wirklichen Erfolge vorzuweisen gehabt.

Schaut man dann in die Grundzüge des neuen "Strategiekonzeptes", das sich Senator verordnet hat, ist da neben der schon seit zwei Jahren laufenden Neuausrichtung auf Eigenproduktionen hin von "neuen Entscheidungsprozessen beim Lizenzerwerb" und einer "Optimierung des Marketings" die Rede, und Helge Sasse, Vorstandsvorsitzender der Senator Entertainment AG, wird mit den Worten zitiert: "Wir haben in den vergangenen Jahren schmerzhaft erfahren müssen, dass die hohen Lizenzkosten im internationalen Wettbewerb kein attraktives Chancen-Risiken-Verhältnis bieten." Mit anderen Worten: Under the Skin, dessen Kinoauswertung auch in Aussagen des Verleihs bis vor kurzem noch beschlossene Sache schien, ist das erste prominente Opfer der Krise und Neuausrichtung von Senator.

Darauf deuten auch die durchaus dünnhäutigen Reaktionen, die manche Fans im Verlauf der Woche von Mitarbeitern von Senator auf ihre flehentlichen und gelegentlich auch fordernden Mails hin erhielten. Aber genau in diesem Konflikt könnte eben auch eine Chance stecken - "modernisierte Vertriebsansätze" und mehr Social Media will Senator erproben, und das angekündigte Fan-Voting und die kurze Spanne zur DVD-Auswertung weisen ja bereits auf die grundsätzlichen Verschiebungen hin, die sich im Filmgeschäft in den letzten Jahren eh schon zeigen, auf die aber noch kein Verleih wirklich brauchbare Antworten gefunden hat. Ein fluideres, mehr an sozialen Medien und wirklicher Partizipation der Kinogänger/Kunden/Fans orientiertes Marketing, eine Ahnung von Kino-on-demand und dem Wert des gemeinsamen Kinoerlebnisses... all das wären erste Ansätze, um den Fall Under the Skin vielleicht zu einem Erfolg zu machen.

Allerdings macht die bisherige Arbeit und Kommunikation zu dem Film wenig Hoffnung dazu. Dafür ist die Social-Media-Arbeit zu wenig (nämlich: fast gar nicht) kommunikativ angelegt, nur deklarativ - und das lässt dann auch ein zentralisiertes, starres Konzept für das "Voting" erwarten. Was aber Kinoliebhaber besonders schmerzt: Der Verleih weiß offenbar schlichtweg nicht, wie er mit einem solchen Film wirklich umgehen soll. In einem Statement - auf Facebook und per E-Mail auf viele Anfragen verschickt - ist zu lesen, Under the Skin sei "ein Film für Liebhaber der Filmkunst, aber weder typischer Mainstream, noch typisches Arthaus."

Dass das eine Unterscheidung ist, die zwar stimmen mag, aber letztlich auf unzählige, zum Teil sehr erfolgreiche anspruchsvolle Genrefilme zutrifft, will man bei Senator offenbar nicht sehen; dass ein solches Denken in den zwei Schubladen Arthaus und Mainstream weder den Filmen noch ihrem Publikum gerecht wird, ebenso wenig. Vor allem aber zeigt dieses Denken eben deutlich, dass es noch ein weiter Weg ist, bis sich der Filmverleih wirklich einem Gespräch mit seinem wichtigsten Kapital öffnet, dem Publikum.

(Rochus Wolff)

Full disclosure: Niemand ist neutral, und auch ich selbst bin in dieser Diskussion offenbar Partei für einen Kinostart von Under the Skin. Dass ich in einem Medienbericht allerdings als einer der Initiatoren der oben erwähnten Facebook-Seite genannt werde, ist dann doch zuviel der Ehre; meine Rolle war eher die eines interessierten Katalysators.

Bisherige Kommentare

(Anzeige: 3 von insgesamt 3)
Von: Stefan André Böteführ am: 05.10.14
"Nachtrag" Euer Rechtschreibsystem kreidet einem englische- sowie Fachbegriffe und Abkürzungen, als "Verbotene Wörter" an. Vielen Dank nochmal und ich hoffe, dass somit die merkwürdigen Schreibweisen, doch noch Sinn ergeben.
Von: Stefan André Böteführ am: 05.10.14
Ich frage mich ehrlich, ob die Kritiken aus den USA und UK, wirklich den Filminhalt wiederspiegeln. Denn neben den weniger vorhandenen Konversationen des Films, glänzen immerhin die naturgetreuen Landschaftsaufnahmen und Dokumentationen, des menschlichen Lebensraums, aus Sicht einer interpretierten Lebensform, die uns erforscht; ist vielmehr zu vermuten, dass mehr als 50% der Kinobesucher, während des Filmes einschliefen. Auch die musikalische, extravagante Begleitung des "Filmkunstwerks", vermag die Augen nur passiv offen zu halten. Lediglich der Anblick, der Top-Darstellerin Scarlett Johansson in ihrem Evakostüm, dürfte in der Lage sein, den Spannungseffekt bei männlichen Kinobesuchern, zu steigern. Ich selbst, bin ein sogenannter Extrem-Kinogänger und Filmliebhaber verschiedenster Genres und insbesondere dem Genre verfallen! Ich kann und will diesem Inhalt: "wird dort von der Kritik ebenso gepriesen wie von Fans anspruchsvollen Science-Fiktion-Kinos." nicht zustimmen! Der Film an sich, mag ein Kunstfilm sein, wie zum Beispiel "Der dunkle Schirm, ULTRAVIOLETT, ... wie Vendetta" und andere, ist aber ebenso unterhaltsam wie der Film "Walhalla Aufstieg" bei dem mir persönlich ebenfalls die Augen zu fielen! Einzig und allein den Fans von Scarlett Johansson, bietet dieser Film einen intimen Einblick in ihre Privatsphäre! Das Genre Sci-Fi erfreut sich zum weitaus größeren Teil männlichen Fans, darum liegt die gute Kritik durchaus auf der Hand! Die Inhaltsangabe des Films, gibt immerhin genug Aufschluss darüber, worum es in dem Film gehen soll, denn ansonsten würde der Film nur Fragen provozieren, ohne Antworten zu liefern! (Ist das etwa die Kunst?) In der Inhaltsangabe wird der Name der Hauptdarstellerin (Scarlett Johansson) immerhin genannt (Laura), im Film wiederum nicht! (Ist das etwa die Kunst?) Die musikalische Begleitung - ich stimme durchaus zu, denn so surreal und strange sie klingt, ist sie wirklich außerordentlich "außerirdisch"! Der Film bietet mir persönlich immerhin 3 Kurz-Szenen, welche ich als GUT bezeichne, doch diese Zeitspannen, machen die Gesamtlaufzeit nicht wett. Ich würde über mich selber behaupten, dass ich Special-Effect-Verwöhnt bin, doch würde man mich einen Vergleich ziehen lassen, ob dieser "Science Fiktion" Film wirklich dem Genre gerecht würde, würde ich entgegnen "Selbstverständlich, denn Lindenstraße ist auch eine Horror-Serie!". Mit diesen Worten, möchte ich mich in aller Förmlichkeit verabschieden. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit, mit freundlichen Grüßen, Stefan André Böteführ
Von: Robert Gryczke am: 12.08.14
Der Kommentar gefällt mir sehr gut. Habe ihn als weiterführenden Link in einem Beitrag auf meinem Blog angeführt: kopfundkino.blogspot.de/2014/08/deutscher-trailer-zu-under-skin.html Ein Film der die Kritikergemeinde, auch vor Ort, so polarisiert gehört selbstverständlich ins Kino. Vielleicht auch um zu Zeigen, dass Science Fiction nicht per se in Filmen wie "Alien" oder "E.T" gipfelt - auch wenn die genannten Filme undiskutabel ihren Platz in der Populärkultur haben.