17 10/04

Über den armen Filmemacher

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Filmemacher tummeln sich auf der Straße. Es ist eine bewegliche Versammlung, gleich einer Schlange zieht sie durch die Straßen der Welt. Alle haben eine Kamera um ihre Hüfte geschnallt. Die selbstgebastelten Linsen blinzeln gegen das Sonnenlicht. Die Filmemacher springen und tanzen durcheinander. Sie sind in der Stadt. Jemand sieht etwas Schönes und macht ein Bild davon. Das gefundene Bild wird geteilt, in den Nachthimmel projiziert. Niemandem gehört der Projektor, niemand bezahlt das Licht. Auf die weiße Wäsche, die im Abendwind zwischen den Häusern baumelt und die dort aufgehängt worden ist von Menschen, die glauben, dass sie keine Zeit haben für das Kino, werfen wir unsere Bilder. Wir schauen in den Himmel und staunen ob der Sterne, der Dunkelheit, des Mondes. Wir träumen unser Kino.


(Der arme Poet von Carl Spitzweg; Copyright: Gemeinfrei)

2

Heute wird gerne gesagt, dass digitales Filmemachen kostengünstiger ist als analoges Filmemachen. Es wird gesagt, dass heute eigentlich jeder einen Film machen könnte, sei es nur oder gerade mit dem Mobiltelefon. Es wird gesagt, dass die Kosten für die Entwicklung von Material wegfallen. Keiner spricht von den Festplatten, der Farbkorrektur, den Schnittprogrammen. Niemand spricht davon, dass kaum wer digital ohne Rattenschwanz benutzt, dass alle so tun, als ob sie analog drehen würden und die Budgets großer Filme sich nicht verändert haben in den letzten Jahren.

3

Unter Filmemachern so unterschiedlich wie James Gray und Jean-Marie Straub wird gerne eine Narration von der eigenen Armut etabliert. Wir sind arm, heißt es dort. Wir haben den Film mit minimalen Budget realisiert. Wir haben ihn trotzdem gemacht. Wir haben gehungert für unseren Film. Wir haben all unser Geld in diesen Film gesteckt. Der russische Filmemacher Victor Kossakovsky hat seinen ersten Film Belovy mit Filmmaterial realisiert, das er von Alexander Sokurow geschenkt bekommen hat, Franco Piavoli seine ersten Kurzfilme mit Resten von 35mm-Film aus großen Produktionen. Diese Geschichten sind überall. Armut ist auch ein Mythos im Kino. Der arme Filmemacher hat kein Geld, aber er hat Zeit.


(Finale Szene aus Belovy)

4

Im Hof einer Kunstuniversität liegen ein paar Idealisten im Gras. Sie haben Dosenbier bei sich und diskutieren einen Film über Armut. Sie denken, dass man damit mehr Menschen erreichen müsste. Sie haben eine Wohnung in einer Stadt, die man sich nicht mehr wirklich leisten kann, die sich aber trotzdem alle leisten. Sie studieren das Kino mit Enthusiasmus, wollen es verbessern. Eine von ihnen hat mal eine Förderung bekommen, weil sie im Rahmen eines Kunstprojekts vorgeschlagen hat, die Bilder auf hängende Wäsche zu projizieren. Gemacht hat sie es nie, aber ihre Konzeptbilder und ihre Installationsarbeiten dazu sahen sehr gut aus. Ein ehemaliger Kunststudent kommt auf ein Filmfestival. Er sieht einen Film über ein Armutsviertel, er ist ergriffen. Später am Abend will er den Film diskutieren. Ein Kollege nimmt ihn mit zum Essen, dort sind all die Menschen, die diesen Film gezeigt und gemacht haben. Niemand von ihnen isst unter 50 Euro. Sie genießen das. Das schlechte Gewissen wird im Nachdenken über das eigene, absurde Verhalten ertränkt. Immerhin hat jemand etwas Gutes über den Film gesagt, während er auf seinem Fisch herumkaute. Man nimmt sein Notizbuch heraus und schreibt es auf.

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Eine Einrichtung für analoges Kino. Ein Ort, an dem man Film entwickeln kann. Man zahlt eine Mitgliedschaft, um dort zu arbeiten, um Zugriff zu haben, auf das, was das Kino dann macht. Filmschulen laden unabhängige Filmemacher ein, sie verlangen Geldbeiträge im vierstelligen Bereich jedes Semester, sie erwarten Zeit, die keine Arbeit nebenbei ermöglicht. Eine Demokratie in der Kunst scheint nicht möglich. Was wir immer bekommen und immer schon bekommen haben, sind reiche Menschen, die arme Menschen filmen. Es ist eine ganze Kinogeschichte, die sich so schreibt mit Namen wie Jean Renoir, John Ford (dessen wunderschöner The Grapes of Wrath so etwas wie einen ersten Gipfel gediegener und märchenhafter Sozialpoesie darstellt), Roberto Rossellini (man kann die gern gestellte Frage wiederholen: Sieht man in Stromboli zuerst die Fischer oder Ingrid Bergman?), Bela Tarr, die Gebrüder Dardenne und und und. Niemand spricht darüber, dass man es sich leisten können muss, Armut zu filmen.


(Bild aus Stromboli; Copyright: Koch Media)

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Der arme Filmemacher ist immer auf der Suche nach Förderungen und Stipendien. Es ist die Beschäftigung mit den Möglichkeiten, an Geld zu kommen, die jene des Filmemachens überwiegt.

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Wann hört endlich dieses Denken auf, dass ein Film mit einem Budget von einer Millionen Dollar Low-Budget ist? Wann wird diskutiert, wozu dieses Geld gebraucht wird?

8

Einer dieser armen Filmemacher macht eine Weltreise. Das machen sie oft. Es scheint paradox.

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Wer hält die Kamera? Wer macht das Bild? In Joaquim Pintos & Nuno Leonels Rabo de Peixe gibt es den Versuch, die Kamera in die Hand der Kinder einer Fischerinsel zu geben. In Pedro Costas Fontainhas-Filmen wird die kreative Arbeit auch von Personen im Film, Immigranten aus den Kapverdischen Inseln, übernommen. Vielleicht liegen darin Ansätze. Zumindest sollte die eigene Distanz zu dem, was man filmt, spürbar sein. Der Blick darauf sollte weder von oben herab sein noch sollte er so tun, als wäre er mittendrin. Aber die Identifikation mit Armut kommt so leicht im Kino. Man liebt es einfach, sich arm zu fühlen.

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Ein Filmproduzent sagt: „Kannst du nicht etwas mit Flüchtlingen machen?“ Das würde den Förderungen gefallen. Im Kino gibt es keine Diskussionen darüber, ob man Flüchtlinge reinlässt. Die schiebt man auf die Realität. Das Kino ist per se auf der Seite der Unterdrückten. Zumindest tut es jederzeit so. Die Kunst des kleinen Mannes, früher zum Preis eines Nickels, heute mit Aufschlag für dämliche Brillen sehr oft weit jenseits der 10 Euro.

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Die Poesie der Armut kennt zwei Ausprägungen im Kino. Die eine beschreibt eine reine Ästhetik, ein Ausschlachten von Klischees, und die andere entsteht aus einer Dringlichkeit, die unsere Wahrnehmung von Menschen durch einen Prozess von Sicht- und Unsichtbarkeit zu verändern weiß. Ein anderes Bild liefert. Der Filmemacher steht dann nicht über denjenigen, die er filmt. Er filmt nur das, was er sieht. Man denkt an die großen Gemälde Gustave Courbets von Bauern und Arbeitern. Es ist so schwer zu akzeptieren, dass der arme Filmemacher in erster Linie nur mit seinem Auge bewaffnet ist.

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Die Frage sollte auch sein: Woher kommt das Geld? Im vergangenen Jahr gab es einen sehr schönen Film von Jim Jarmusch über einen Poeten. Es ist in mancher Hinsicht ein bescheidener Film. Aber Paterson wurde finanziert von Amazon, einem der Vorreiter für das Verschwinden physischer Bücher aus dem Alltag. Wie kann man an Jim Jarmusch, den einsamen Poeten, glauben, wenn man sich überlegen muss, wie er an sein Geld gekommen ist?


(Trailer zu Paterson)

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Der arme Filmemacher macht keinen Film. Er träumt nur davon.

(Patrick Holzapfel)

Bisherige Kommentare

(Anzeige: 2 von insgesamt 2)
Von: Virrginia Poor am: 12.04.17
Großartig, Herr Holzapfel! Zu Herrn Ingram: Weit gefehlt! Wir darben und träumen, unverbrüchlich!
Von: Rex Ingram am: 11.04.17
Der arme Filmemacher existiert nicht, da ein armer Mensch nicht davon träumt, einen Film zu machen, sondern davon, seine Grundbedürfnisse zu stillen! Sobald er Mäglichkeiten hat, über Film nachzudenken, ist er micht mehr so arm.