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16 29/02

The Academy Awards 2016 – Ein Abend in Fort Lauderdale

Während europäische Zuschauer für die Oscars durch die Nacht wachen müssen, sind sie in den USA je nach Zeitzone am frühen oder etwas späteren Abend zu sehen. kino-zeit.de-Herausgeber Michael Spiegel hat eine Oscar-Party in Fort Lauderdale in Florida besucht.


(Der Innenbereich des Cinema Paradiso; Copyright: Michael Spiegel)

18:34 Uhr: Es ist schon richtig: Fort Lauderdale, Florida, ist nun mal nicht Hollywood. Der rote Teppich vor dem und im Kino: schon ein wenig kurz. Die Gäste: nur vereinzelt glamourös. Und eben drei Stunden der Westküste hinterher. Die Academy-Award-Party 2016 hier im Kino: gleichwohl ausverkauft, eine leicht aufgeregte Stimmung liegt in der Luft und die verschiedenen Buffets im Kino sowie im Außenbereich wurden bereits mit Beginn der Veranstaltung größtenteils geplündert.

Das Cinema Paradiso, ein Filmkunsthaus hier im Herzen der Stadt, das sich in einer Kirche aus den 1920er Jahren befindet und im November jeden Jahres als einer der Hauptaustragungsorte des Fort Lauderdale International Filmfestivals (FLIFF) fungiert, strengt sich jedenfalls mächtig an, um dem anwesenden vorwiegend älteren, teilweise auch – Florida-like – sehr alten Publikum diesen Oscar-Abend so kurzweilig und unvergesslich wie möglich zu machen. Ein "All Star International Buffet Extravaganza" und Special Cocktails werden hier kredenzt – Speisen und Getränke, die die Best Picture Nominees gourmettechnisch abbilden sollen. Ein annehmlich dekorierter Außen- wie Innenbereich (ein Zelt sowie der eigentliche Kinosaal) mit andauernder Live-Schaltung nach Hollywood machen es entspannt möglich, hier fortwährend am Ball zu bleiben; man trifft sich, isst viel, redet laut und lässt es sich gut gehen. Noch geht es hier eher um Fleischbällchen als um Filme, warten wir bei angenehmen Temperaturen um 25 Grad und abenddämmernder Stimmung ab, wie sich der Abend weiter entwickelt ...

(Das Cinema Paradiso; Copyright: Michael Spiegel)

19:37 Uhr: Das Buffet ist abgeräumt, alle Gäste des Abends haben sich nun ins Kino begeben, now let’s have fun. Denn es gibt allerlei zu gewinnen: Sodaspender, Weingutscheine, Giftcards und Coupons. Man beginnt mit einem kleinen Oscar-Contest über die Vergangenheit des Awards, der allerdings doch etwas zögerlich im Stimmenwirrwarr untergeht. Doch dann sind sie am Start: die Eighties-Klamottenträger, Best Couples of the Night, Best Dressed Men und Best Dressed Women, die sich allesamt an einem Contest beteiligen und beim Gang über den „Roten Teppich“ (zwei Meter davon) vor der Leinwand präsentieren dürfen. Fast das ganze Kino hat sich hier entsprechend vorbereitet, macht sich vergnügt auf dem Weg nach vorne, genießt mal mehr, mal weniger den Applaus, mit dem die Gewinner des Abends bestimmt werden. Das gleichzeitig stattfindende Quiz, bei der alle Kinobesucher des Abends nach ihren Tipps gefragt werden, wer die Oscars dieses Jahr gewinnen wird, macht Spaß und ist durchaus unterhaltsam. Nun kann es also bald losgehen, die Spannung steigt.

20:55 Uhr: Erstaunlich wie Chris Rock auch das Kino hier in Fort Lauderdale rockt. Der Kerl kommt ausgesprochen gut mit seinen Scherzen an. Großer Jubel beim ersten (und wohl nicht letzten) Oscar für Spotlight – es ist doch einigermaßen überraschend, welchen exzellenten Ruf dieser Film bereits beim Publikum hierzulande zu haben scheint. Mit dieser Begeisterung kann der anschließende Oscar für The Big Short jedenfalls nicht mithalten.


(Die Zuschauer; Copyright: Michael Spiegel)

21:14 Uhr: Langsam wird’s hier warm im Kino – the air conditioning does not cooperate tonight. Aufregung, Jubel und Zufriedenheit über den Oscar für Alicia Vikander (Beste Nebendarstellerin). Die Werbeunterbrechungen werden zwischenzeitlich genutzt, um die Quiz-Gewinner (Oscar richtig getippt) hier im Publikum bekannt zu geben. Eine feine Sache.

21:31 Uhr: Schon faszinierend, wie Mad Max: Fury Road abräumt – bislang zwar nur in den Nebenkategorien. Aber drei Oscars (später werden es dann insgesamt sechs werden!) sind beachtlich. Erneut tosender Applaus im Publikum, der bei einem solchen Film und der hier anwesenden Altersstufe nicht unbedingt zu erwarten war. Das US-Publikum scheint dann eben doch etwas anders zu ticken.

22:34 Uhr: Also luftiger wird’s hier im Kino nicht mehr. Die ersten Ermüdungserscheinungen machen sich bemerkbar, die Reihen lichten sich etwas – müder Applaus zum Oscar für Bridge of Spies (Bester männlicher Nebendarsteller). Zu viel Werbung zwischendrin, es zieht sich alles in die Länge. More popcorn, more beer ...


(Der Animateur; Copyright: Michael Spiegel)

22:45 Uhr: Amy hat den Oscar für den besten Dokumentarfilm gewonnen! Bewegend auch die Reaktion auf den Gewinner des besten Animationskurzfilms (Bear Story) hier im Kinosaal. Ansonsten gehen die Anzahl der Kategorien gefühltermaßen ins Unendliche. Während gleichzeitig die Hauptpreise immer heftiger erwartet werden. So langsam sollten die Organisatoren die Buffets wieder aufbauen.

23:17 Uhr: Keine wirklichen Überraschungen beim Gewinner des besten fremdsprachigen Films (Son of Saul). Auch der Alters-Oscar für Ennio Morricone war erwartet worden. Wie stehen die Wetten zum Best Picture? Irgendwie eher in Richtung Spotlight, der wirklich geliebt wird. The Revenant wird dagegen eher geachtet, aber vielleicht packt er es ja doch noch. Auch Brooklyn hat noch seine Chance – ein Außenseiter bei der Preisvergabe; beim Publikum und bei der Kritik ist dieser schöne Film zuletzt aber ausgesprochen gut angekommen.

23:40 Uhr: So, da isser, der Oscar für Alejandro González Iñárritu, Regisseur von The Revenant – was einen Oscar für den als Best Picture nicht wahrscheinlicher macht. Also doch Spotlight? Jetzt dauert es nicht mehr lange ....

23:49 Uhr: Wow, Brie Larson hat für Room beste Hauptdarstellerin gewonnen – großartiger Film, aber dann doch etwas überraschend. Und nun also doch, endlich und diesmal auch unvermeidlich der Oscar für Leonardo DiCaprio als bester Hauptdarsteller in The Revenant – man gönnt es ihm, sechs Mal war er bereits nominiert worden.

00:00 Uhr: Es ist vollbracht – unbeschreiblicher Jubel für Spotlight! Best Picture! A voice for survivors! Nicht zuletzt auch politische Entscheidung. Das war’s also aus Fort Lauderdale, eine insgesamt gelungene, sehr witzig moderierte Oscar-Verleihung aus einem Kino in den USA ... good night everyone ... and good luck!