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14 20/02

Stürmt die Festivals! Mit Kindern! - Sitzplatzerhöhung: die Kinderfilm-Kolumne

Es gibt viele, viele Gründe, warum es sich lohnt, mal auf ein Festival für Kinderfilme zu gehen (oder wenigstens zu einem Festival mit eigener Kinderfilmsektion, wie die jetzt gerade zu Ende gegangene Berlinale Generation). Der erste: Ein Saal voller filmbegeisterter Kinder, die oft nicht wissen (können), was sie erwartet. Dann: diese eigene Atmosphäre, die sich auf Festivals entwickelt - man wird, ehe man sich's versieht, Teil einer eingeschworenen Gemeinschaft, die sich draußen in der Schlange die besten Programmtipps zuraunt oder einfach nur das Gefühl hat, an einem besonderen Ereignis teilzunehmen. Weiter: die seltsame Veränderung der Stimmung, wenn das Filmteam da und vor Ort ist, ihre Begeisterung, so vielen Menschen ihre Arbeit zeigen zu dürfen. Und schließlich, aber noch lange nicht letztens: die Filme sind einfach besser, mutiger, wenigstens interessanter.

(Schulkinder vor einem Kino in Brisbane, Australien, Quelle: State Library of Queensland, Australia, Public Domain)

Kinderfilme, die das Jahr über ins deutsche Kino kommen, sind meist okay, aber nicht so herausragend, dass man sich gleich zu Freudentänze verpflichtet sähe; auf DVD sieht es im Gesamtdurchschnitt viel, viel schlimmer aus (vom Fernsehprogramm will ich gar nicht erst anfangen). Da finden sich dann zwar eine Handvoll großartige Klassiker und Neuerscheinungen - oft solche, die vorab die Festivals durchtingelten -, aber viel zu viel Schrott vom Fließband, laut quäkende Animationsware ohne oder, oft noch schlimmer, mit pädagogischer Ader, leider völlig desinteressiert an Ästhetik und Klasse. Ach.

Natürlich haben Festivals den Vorteil, dass es bei den ausgesuchten Filmen nicht primär um wirtschaftliche Verwertbarkeit handelt - aber auch die Berlinale will ihre Säle vollkriegen, und das gelingt der Kinder- und Jugendfilmsektion auch regelmäßig. Weil die Filme oft genug so richtig saugut sind, und das spricht sich herum. Und nebenbei zeigen sie dabei, was man in anderen Ländern (denn das Festivalkino ist meist dezidiert international) Kindern filmisch zuzumuten bereit ist.

Der australische Film The Rocket etwa, 2013 auf der Berlinale zu sehen, konfrontiert den jungen Protagonisten mit dem Unfalltod seiner Mutter (und das Publikum auch) - ich hatte den Film hier vor einigen Monaten schon einmal als Beispiel für das nicht verhätschelnde Kino genannt. Und in diesem Jahr zeigt Johan und der Federkönig, wie man eine phantasievolle, träumerische Atmosphäre schafft, in der die Themen Tod und Sterben auch für jüngere Kinder aufbereitet werden können - und Margret Albers hat erneut bekräftigt, dass es kaum Themen gibt, die man in Kinderfilmen nicht aufgreifen kann.

(Still aus Beyond, Beyond / Johan und der Federkönig, Courtesy: Berlinale 2014)

Es ist nur eben die Frage, wie man das macht. Das Jugendprogramm der Berlinale präsentiert heuer mit Supernova einen Coming-of-Age-Film, der neben anderem auch die sexuellen Phantasien eines jungen Mädchens thematisiert, ohne Scham und falsche Aufregung. Vor allem ohne moralisch-pädagogischen Zeigefinger, und mal ehrlich - wer will den schon im Kino sehen?

(Still aus Supernova, Courtesy: Berlinale 2014)

Letztlich sind bezaubernde, betörende, bestürzende Geschichten doch instruktiver und selbst in ihrer phantasievollsten, weltfremdesten Ausführung meist lebensnaher als ein belehrend daherkommendes Sozialdrama. Das gilt auch für eine Produktion wie Bekas, die nun, nach einer ausführlichen Festivalrunde, im März 2014 wie als kleines Wunder auch in deutsche Kinos kommt: ein Roadmovie, eine Odyssee zweier Jungen, die aus dem Irak der 1990er Jahre zu fliehen versuchen, mit dramatischen, herzzerreißenden Szenen und echter Gefahr.

(Still aus Bekas, Copyright: farbfilm Verleih)

(Rochus Wolff)

Rochus Wolff empfiehlt neben dem Programm der Berlinale Generation insbesondere die Kinderfilmsektion des Filmfest München, das Schlingel-Festival in Chemnitz und den "Goldenen Spatz" in Gera und Erfurt. Er publiziert regelmäßig über Kinderfilme, vor allem in seinem Kinderfilmblog.