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14 05/03

Spaß & Spannung bei den Oscars – eine Utopie - die kino-zeit.de-Kolumne

Ganz früher habe ich die Oscars so zelebriert, wie es sich im allerbesten Fall auch ziemt. Tippspiel, Kaffeekanne, reihenweise "oooh"s, "NEIN"s oder "BUUH"s, wuschiger Halbschlaf "danach" und schließlich erregte Diskussionen mit anderen Oscar-Zombies. Im besten Fall kann diese Preisverleihung der Inbegriff von Glamour sein - und im Normalfall, wie zum Beispiel dem Dingens, das da letzten Sonntag abgelaufen ist, drückt man lieber auf die Aufnahmetaste und spult dann am nächsten Tag die "naughty bits" durch.

(Das Oscar-Selfie in der Interpretation von Matt Groening, Quelle: www.twitter.com/HomerJSimpson)

"Possibility number one: 12 Years a Slave wins best picture. Possibility number two: You're all racists." Das pflichtbewusste Lachen, das diesem Gag von Ellen DeGeneres folgte, stellte sich auch bei mir ein, doch im Grunde offenbart sich hier das ganze epische Dilemma, das seit ca. September letzten Jahres auf die Oscars zukroch. Je mehr man sich mit den Hintergründen der Veranstaltung beschäftigt, mit der Art und Weise, wie Filme hier gezielt postiert und generalstabsmäßig hochgepeppelt werden, desto zynischer und egaler wird die Einstellung gegenüber den entscheidenden drei Stunden. An jeder Ecke, an wirklich jeder Ecke wartet hier eine Taktik, eine Absicht, ein Plan, ein Ausschlussverfahren. Dass 12 Years a Slave als bester Film nach Hause ging, dürfte sogar zu einem großen Teil auf "sozialer Relevanz" beruhen.

Was tatsächlich gar nicht so schlimm ist, weil immer noch besser als keine soziale Relevanz, doch trotzdem kommt man dabei ins bestenfalls positive Grübeln. Wo müssten bei einer Veranstaltung, die viel zu groß und mainstreamig ist, um sich mal wirklich zu ändern, die Schrauben angesetzt werden, um sich mal wirklich zu ändern? Was müsste alles passieren, damit die Academy auch mal filmische Relevanz ausströmt - und zwar filmische Relevanz, die nicht nur darauf beruht, dass man an die soziale Relevanz appelliert? Ellen DeGeneres hätte dann auf jeden Fall die Aufgabe, sich einen neuen Monolog ausdenken, was aber insofern kein Problem wäre, als diese Frau auf gar keinen Fall den Monolog einer idealen Oscar-Verleihung sprechen würde. "Achtung, Achtung, es regnet in L.A." - Brüller!

Der Eröffnungsmonolog müsste echt mal ein paar Schippen zulegen, dürfte auf gar keinen Fall Hollywood-interne Witze machen, die auf den Neurosen von Lalaland fußen, und könnte alternativ einfach nur aus einer Aufzählung des Inhalts der "swag bags" der Nominierten bestehen. Organisches Hunde-Shampoo, eine geführte Tour durch Japan und Haarverpflanzungen durch Roboter - genau das, was die gepuderten Pussies da oben brauchen, und genau das, was selbst ausgemergelte AIDS-Körper wieder frisch und lebensfroh erscheinen lässt.

Mainstream mit Haltung, das ist das Obermotto der nächsten Oscar-Veranstaltung, und Ellen DeGeneres, die so sehr im liberalen Mittelmaß angekommen ist, dass es schmerzt, darf dann nur noch im Publikum Platz nehmen. Das nächste Meeting der Oscar-Produzenten, bei denen übrigens weiße-Bart-Träger keinen Zutritt mehr haben, beschließt stattdessen die Aufgabe müder Autobahn-Witzchen, eine Moderation, die Respekt und Respektlosigkeit auf perfekte Weise vereint, und überhaupt eine Veranstaltung, die an allen Ecken und Enden herumkrempelt:

Die Academy wird drastisch verjüngt und ausgesiebt: Stimmberechtigt sind ab sofort alle, die in den letzten fünf Jahren einen Eintrag in der imdb erreicht haben. Die nominierten Filme werden auf eine Kinotour geschickt und können ausschließlich vor Ort, in persönlicher Anwesenheit bewertet werden. Den Produktionsfirmen wird untersagt, im Vorfeld Schleimer-Anzeigen zu schalten und "goodie bags" zu verteilen.

Die nominierten Filme sind Filme, die über das ganze Jahr weltweit gelaufen sind. Der "foreign language"-Oscar wird abgeschafft, stattdessen öffnet sich die Academy nach allen Seiten und kürt die tatsächlich besten Filme - was dann gerne auch passgenaues Oscar-Futter à la Dallas Buyers Club einschließen kann. Aber halt nicht nur. Sondern eben auch mal einen Genrefilm. Oder vielleicht sogar eine Komödie, die anders als American Hustle, jenem Witz eines zehnmal nominierten Verlierers, tief sitzende Lacher erzeugen kann.

Noch vor den Nominierungen gibt es eine Shortlist, die meinetwegen auf 100 Titel beschränkt und mit einer eigenen Veranstaltung gewürdigt wird. Die Vorstellung der Filme soll eine real existierende Vielfalt widerspiegeln, bei der ein neues Gespür für die Werke an sich entsteht. Es geht darum, talentierte Filmemacher herauszufinden, denen ihre Arbeit wirklich etwas bedeutet. Sklaverei, AIDS, Entführung, Adoption, Scorsese, Allen...und dann halt auch jede Menge Chancen für diejenigen, die ohne fette Marketing-Maschine dastehen.

Keine Vorgaben, geschweige den Mäkeleien bei den Dankesreden - Stolpern und falsche Namen inklusive. Schon klar, dass Lupita Nyong'o eine tolle Rede gehalten hat, aber wirklichen Gesprächsstoff liefert dann doch lieber John Travoltas Fauxpas. Ganz streichen kann man dafür irgendwelche (Helden-)Themen, denn das schafft genau die sinnlose Einigkeit, die kein Mensch will und die sowieso nur behauptet ist. Und wer in der Tribute-Abteilung klatschenderweise aufsteht, am besten noch mit AIDS-Schleife am Revers, wird umgehend aus dem Saal getragen.

Die vorgetragenen Songs bei der Oscar-Verleihung müssen tatsächlich eine Rolle in den Filmen spielen (und laufen nicht nur im Abspann). Disney-Songs sind ab sofort leider grundsätzlich verboten, genauso wie Power-Balladen in Verbindung mit Tribute-Bildern. Wenn der Gastgeber, der gerne auch zwischen den einzelnen Preisen auftauchen darf, noch einmal Volkesnähe über Pizza-Fastfood transportieren möchte, steht es dem mit Buzzern ausgestatteten Publikum frei, gezielte Stromstöße in die stramm anliegende Fußfessel zu jagen.

Eine Oscar-Verleihung, die Spaß macht, unterhaltsam ist und zumindest ein, zwei Überraschungen bietet. Dieses Jahr gab es nur einen negativen Ausrutscher in Form von The Act of Killing, was angesichts dreier ziemlich gleichförmiger Stunden ganz schön wenig Stoff für die Betriebs-Kaffeemaschine ist. Kaum jemand möchte wohl eine komplette Radikalkur für die Oscars, das widerspricht einfach dem grundsätzlich liebenswerten Anstrich dieser Institution, doch etwas mehr Anlass zum Feiern wäre schon nicht verkehrt. Bei den "Best Picture"-Kandidaten war nicht ein Film dabei, der mich entweder restlos begeistert oder zumindest neugierig gemacht hat. Die Grenzen des Machbaren halt, so offensichtlich wie selten zuvor, und demzufolge natürlich gekrönt von einem Anstieg der Zuschauerzahlen. Wann wenn nicht jetzt darf man von einer Oscar-Utopie träumen, die so völlig ohne reale Chance ist, dass man sie gerne unendlich weiterspinnt.

(Martin Beck)

(Martin Beck ist freier Journalist und Übersetzer. Des weiteren leitet er reihesieben.de, wo ein guter Teil von den Filmen bestritten wird, die normalerweise Thema dieser Kolumne sind. Weil's aber so grausam war, hat er sich dieses Mal den Academy Awards gewidmet, wofür wir herzlich danken.)

Bisherige Kommentare

(Anzeige: 3 von insgesamt 3)
Von: Martin Beck am: 06.03.14
Und ich finde halt nicht, dass Ellen DeGeneres irgendeinen Zugewinn gebracht hat. Was jetzt - wer lauter plärrt? Und was den schlechten Text angeht: Ja, okay. Wobei das mit dem kreativ insofern falsch ist, als ich ja schreibe, dass eine Radikalkur überhaupt nicht Sinn der Sache sein kann. Irgendwelche Beispiele parat für "schlecht geschrieben"?
Von: Mag die Oscars am: 06.03.14
Also bei aller Liebe zum Verriss (und zur nett gemeinten Utopie, die aber leider auch nicht sonderlich kreativ daherkam): Ellen hat das wirklich sehr unterhaltsam und sympathisch moderiert. Natürlich nicht Billy Crystal-Showlevel, aber das funktionierte auch so sehr gut! Schade, dass man immer alles madig machen muss... Ansonsten schlecht geschriebener Text, schlechte Kritik. Gut durchdachte und inspirierte Kritik hätte ich gerne gelesen. Das bin ich von dieser Seite sonst nicht gewohnt.
Von: Bernd Dötzer am: 05.03.14
Tja, auch die Berlinale-Verleihung war für die Katz, von Oscar-möchtegern bis peinlich, daß ich irgendwann umgeschalten habe. Ich denke, da haben viele Institutionen und Festivals mal gründlich kreativ nachzudenken und was zu ändern - wahrscheinlich schreckt "Wetten dass..." zu sehr ab, um Neues im Filmzirkus zu wagen... Als Tipp von mir: einfach menschlich näher an den Menschen ran! Und derjenige, der bei den Oscars die Dankesreden wieder durch ein eingespielten Klolied im zeitlichen Minirahmen halten möchte, sollte zur Strafe aus der Academy ausgeschlossen werden.