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17 22/02

Sieh nicht hin! Warum Lemony Snicket gut für Kinder ist - Die kino-zeit-Kolumne

Ich schließe jetzt mal eine Wette ab: Eine Reihe betrüblicher Ereignisse wird meinem ältesten Kind sehr, sehr gefallen.


(Bild aus Eine Reihe betrüblicher Ereignisse; Copyright: Netflix)

Das ist ein gewisses Wagnis. Obgleich es sich in abenteuerlichem Tempo durch Bücher fräst, kennt das Kind die Buchvorlage von Lemony Snicket (bürgerlich: Daniel Handler) nicht, so dass seine Meinung hieraus nicht vorherzusagen ist; und genauso wenig sind meine Vorhersagen bezüglich des sehr wählerischen kindlichen Geschmacks wirklich zuverlässig. Ich – Einfach Unverbesserlich 2 mochte das Kind natürlich (klar, so witzig wie Teil 1, aber nicht so doof wie Die Minions), aber bei Herrscher der Zeit lag ich voll daneben. Da war wohl meine eigene Seherfahrung vor dreißig Jahren Vater des Gedankens.

Aber: Das Kind liebt Philip Ardagh. Spezifischer: Es liebt Herr Urxl und das Glitzerdings, "Rauschebart" Ardaghs fundamental bizarre (und von Harry Rowohlt, lasst uns seine Erinnerung preisen, so präzise wie komisch übersetzte) Geschichte über ein kleines Dorf und den seltsamen, stark riechenden Außenseiter Herr Urxl.

Was Ardaghs Erzählung und die Netflix-Serie Eine Reihe betrüblicher Ereignisse verbindet, ist eine ganz bestimmte Haltung: Ein Erzähler, der permanent das Geschehene kommentiert, ironisch, sardonisch, distanziert und nicht immer komplett zuverlässig. Das ist eine Perspektive, die zum Beispiel auch Walter Moers verwendet, zur Spitze getrieben in der (erstmals im Roman Ensel und Krete) auch explizit benannten "Mythenmetz’schen Abschweifung", für die der (fiktionale) Erzähler Hildegunst von Mythenmetz so berühmt sei.


(Bild aus Eine Reihe betrüblicher Ereignisse; Copyright: Netflix)

Was Moers formvollendet ausbuchstabiert, vorführt und zugleich persifliert, ist – etwas gedämpfter – in Eine Reihe betrüblicher Ereignisse erzählerisches Grundprinzip. Lemony Snicket, der aus nicht näher geklärten Umständen dazu gezwungen scheint, vom Schicksal der drei Baudelaire-Waisen zu berichten, tritt immer wieder mitten in die Szenerie der laufenden Erzählung ein, um diese zu kommentieren, vor allem aber um an vergangenes Unheil zu erinnern und drohendes anzukündigen.

(Die Kinder, um die Handlung am Rande auch kurz einzuflechten, haben es aber wirklich schwer: Die Eltern kommen bei einem Feuer ums Leben, ein etwas tölpelhafter Bankangestellter soll sich um ihre Zukunft kümmern und insbesondere einen geeigneten Vormund finden. Als solcher bietet sich Graf Olaf an – aber der will eigentlich nur ans Vermögen der Baudelaires. Zusammen mit seiner hübsch verlotterten Schauspieltruppe denkt er sich alle möglichen eher absurden Intrigen aus, denen immer mehr Verwandte und Freunde der Baudelaires zum Opfer fallen. Doch die hochbegabten Kinder (Violet ist Erfinderin, Klaus verschlingt Bücher und die kleine Sunny hat Zähne, für die auch Holz kein Problem ist) stoßen zudem auf Spuren einer Geheimgesellschaft, zu der ihre Eltern anscheinend gehörten ...)

Kontinuierliche Unterbrechungen werden auch ohne Snicket immer wieder eingefügt: Erwachsene meinen immer wieder, den Kindern irgendwelche Wörter erklären zu müssen, die die Baudelaires selbstverständlich verstehen. Das ist ein roter Faden, der sich durch die ständig retardierte Handlung zieht: Die Geringschätzung, die die Erwachsenen den Kindern gegenüber zeigen. Als würden diese nicht meist mehr verstehen als die Älteren.

Und dass die Zukunft nicht so rosig aussieht, lässt sich kaum verbergen: "Look away! Look away! Sieh nicht hin! Sieh nicht hin!". Fast beschwörend mahnt die Titelmusik der Serie vor jeder Folge, man möge sich das bitte nicht antun, während schon einmal angedeutet wird, was Violet, Klaus und Sunny in der jeweiligen Folge zustoßen wird.


(Theme Song von Eine Reihe betrüblicher Ereignisse)

Die Serie macht also lauter Dinge nicht, die gewissermaßen als Grundpfeiler des verlässlichen Kinderkinos gelten: Fröhliche Geschichten mit garantiertem Happy End, lineare Erzählungen ohne angeblich zu verwirrende Seitenarme, das alles schließlich in farbenfroher Einheitsästhetik ertränkt. Mit einem Wort: Kinderfilme sind gerne mal unterkomplex.

Das kann man für Eine Reihe betrüblicher Ereignisse nicht behaupten. Gewiss, die Serie ist nicht gerade eine zentrale Sammelstelle für vielschichtige Emotionen. Ihre Vielschichtigkeit gewinnt sie eher aus den permanenten Querverweisen innerhalb der Geschichte und aus ihr heraus. Aus der ironischen Haltung, dem sehr präzisen Umgang mit Sprache und Bedeutungen, der stets herausgestellten und überdrehten Gekünsteltheit.

Und die ermöglichen es der Serie eben auch, ganz bewusst mit den Erwartungen zu spielen: Wo immer ein Happy End folgt, wird hier permanent davor gewarnt, dass es keines geben könne – und nicht nur bleibt der Schluss dann in der Tat wirklich sehr weit offen, unter dem erhofften guten Ende wird in der vorletzten Folge der Serie auch noch mit einem Ruck der Teppich herausgezogen.


(Trailer zu Eine Reihe betrüblicher Ereignisse)

Ist das pädagogisch wertvoll? Nö, erstmal nicht. Außer dass man lernt, dass es lebensrettend sein kann, kluge Begriffe zu kennen. Und sich ironisch von den stromlinienförmigen Unterhaltungsformen ringsum abzusetzen. Und es zu genießen, wenn die Handlung unterbrochen wird. Und ... dann am Ende vielleicht festzustellen, dass das natürlich auch nur Tricks sind, nur Unterhaltung.

Dann ist die Geschichte ihre eigene Meta-Erzählung, und viel mehr will ich von einer Kinderserie jetzt auch nicht unbedingt verlangen.

(Rochus Wolff)

Rochus Wolff sucht in seinem Kinderfilmblog nach dem schönen, guten, wahren Kinderkino; das findet er gelegentlich in der Vergangenheit, aber auch die Gegenwart hält zahllose wunderbare Überraschungen bereit.