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17 01/11

Sex mit Substanz - Bericht über das 12. Pornfilmfestival Berlin

Über Sex reden und sich zusammen fremden Sex anschauen. Sich fremden Sex in einem öffentlichen Raum auf der Leinwand anschauen und dann gemeinsam darüber reden. Oder vielmehr dabei über die sexuelle Selbstbestimmung der Frau reden oder über die Wichtigkeit einer sexpositiven Erziehung. Über weibliche Körperflüssigkeiten und dass sie in den öffentlichen Diskurs und deswegen auch auf die Leinwand gehören. Über die Scham, die Themenkomplexe rund um Sex und Körperlichkeit mit sich bringen. Und natürlich reden über Angst. Angst, etwas falsch zu machen, nicht der körperlichen Norm zu entsprechen. Angst davor, nicht gut genug oder vielleicht gar pervers zu sein. Das 12. Pornfilmfestival in Berlin hat Gespräche angestoßen, die in der Öffentlichkeit leider noch viel zu selten geführt werden.


(Copyright: Pornfilmfestival Berlin)

Das Pornfilmfestival Berlin, eine international geschätzte Institution, steht nicht einfach nur für Sex auf der Leinwand. Hinter Sex sollte eigentlich Spaß stehen. Dafür ist auch ein offener Umgang mit dem eigenen Körper wichtig. Dass wir von diesen Voraussetzungen oft noch sehr weit entfernt sind, ist auch eine Erkenntnis, die man vom Festival mitnehmen kann. Das diesjährige Programm ist jedoch voller kleiner Einblicke gewesen, wie man einmal mit Sex umgehen könnte und wie die Arbeiten einiger Menschen versuchen, den sexuellen Diskurs weiter zu öffnen.

Ein solcher Lichtblick und sicherlich auch eines der Highlights des Festivals ist der Abend mit Erotikfilm-Pionierin und Sexualaufklärerin Dorrie Lane gewesen. In den frühen 1990er Jahren drehte Lane mit ihrem Label House O'Chicks nicht nur feministische und lesbische Pornos, sondern auch Aufklärungsfilme, die Frauen ihren Körper und einen spielerischen Umgang mit der eigenen Vulva näherbringen sollten. Dabei entstand auch die Vulva-Handpuppe, die heute in den USA unter anderem zur sexuellen Aufklärung von Kindern eingesetzt wird. Mit wegweisenden Filmen wie The Magic of Female Ejaculation (1992) oder How to have a Sexparty (1998) begründete Lane eine sexpositive feministische Bewegung, die einen neuen, nicht schambesetzten Umgang mit der eigenen Sexualität mitbeförderte. Wie ein Mensch und seine Filme ein Kino zu einem sexpositiven Raum transformieren können, zeigte dabei die intensive Diskussion mit Lane und der Festival-Kuratorin Manuela Kay am Ende des Abends. Es wurden Fragen zur weiblichen Ejakulation und dem G-Punkt diskutiert und persönliche Erfahrungen geteilt. Das Moviemento, das älteste Kino Deutschlands, wurde zu einem schamlosen, zu einem freien Raum.

Die Dokumentarfilmsektion wartete mit weiteren Denkanstößen auf. Im als bester Dokumentarfilm prämierten Lunàdigas – ovvero delle donne senza figli thematisierten Nicoletta Nesler und Marilisa Pigain, was es bedeutet, in der immer noch konservativ-katholischen Gesellschaft Italiens als kinderlose Frau zu leben. Als Lunàdigas bezeichnet man auf Sardinien Schafe, die keine Jungen bekommen. Ein über ganz Italien gespanntes und auf weitere Länder überschwappendes Netzwerk kinderloser Frauen eignete sich diese Bezeichnung als eine Art Kampfbegriff an. In Interviews mit über achtzig Frauen zeigen die Filmemacherinnen alternative Lebenswege auf, die ihre Kraft in erster Linie aus der eigenen sexuellen Selbstbestimmung schöpfen.


(Trailer zu Lunàdigas – ovvero delle donne senza figli)

Bei der erwähnten Aufklärung und den breitgefächerten dokumentarischen Programmen drängt sich wohl doch die Frage auf, ob es nun befremdlich ist, Schulter an Schulter mit siebzig fremden Menschen zusammen explizite Sexszenen zu sehen. Die Antwort mag noch so unglaubwürdig klingen: Nein, das ist es überhaupt nicht. Das bedeutet jedoch nicht, dass klassische Pornofilme frei von jeglichem Narrativ in einem Kino die gleiche Wirkung entfalten wie in den eigenen vier Wänden. Filme, die man daheim im Bett auf seinem Laptop oder Tablet gesehen hätte, funktionieren auf einer großen Leinwand oftmals eben doch nicht. Der pornografische Film lebt von Höhepunkten, von diesen hat ein vierzigminütiger Film mit repetitiven sexuellen Elementen, die man allesamt schon einmal gesehen hat, einfach zu wenig. Auch die diversen Positionswechsel vermögen nicht eine größere Spannungskurve aufzubauen. Am liebsten würde man immer mal wieder vorspulen – wie man es zuhause wohl auch getan hätte.

Einige Filme im Kurzfilmprogramm des Festivals funktionierten hingegen hervorragend. Durch kleine Einblicke in fremde Schlafzimmer, subtilen Spannungsaufbau und auch durch eine textuelle Reflektion aus dem Off, vermochten manche Filme nicht nur sexuell, sondern auch inhaltlich den Raum aufzuladen. Bed Party: Jack Hammer XL and Nikki Darling (Shine Louise Houston), The 36-Year-Old Virgin (Skyler Braeden Fox) und Full (Mahx Capacity) zeigten nicht nur wunderschöne sexuelle Momente voller Intimität, sondern schafften es dabei auch, wichtige Themen anzusprechen: Wie stellt man immer wieder aufs Neue die Intimität als Paar wieder her? Wann wird man als Transgender-Mann entjungfert? Erst wenn man klassisch definierten Geschlechtsverkehr hatte? Und was soll überhaupt Jungfräulichkeit bedeuten? Wie fühlt sich Sex in einem übergewichtigen Körper an und warum wird man als schwarze und übergewichtige Person immerzu als aggressiv wahrgenommen? Und ist es dennoch in Ordnung, aggressiv beim Sex zu sein und damit das Vorurteil zu bestätigen?

Das diesjährige Pornfilmfestival hat abermals einen öffentlichen und doch intimen Raum für das Erkunden eigener und fremder Sexualität geschaffen. Und dieser Raum wird tatsächlich genutzt. Die meisten Veranstaltungen waren schnell ausverkauft, täglich konnte man sich in Wartelisten selbst für die Mittagsvorstellungen eintragen. Das kleine Moviemento war von morgens bis abends voller Menschen. Schon am Aufgang musste man sich durch unfassbare Besuchermengen durchschlängeln, um sich in einer weiteren Schlange vor dem Kinosaal einzuordnen. Das Festival holt seine Besucher an den richtigen Stellen ab. Da können sich einige Kuratoren noch etwas abschauen.

(Olga Galicka)