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14 18/11

Seitenwege großer Kinomeister: Studio Ghibli – Die pure Lust am Erschaffen

Es ist das Ende einer Ära: Nach dem in dieser Woche in Deutschland anlaufenden Die Legende von Prinzessin Kaguya wird es auf absehbare Zeit nur noch einen einzigen Film von der traditionsreichen Animationsschmiede Ghibli zu sehen geben.


(Bild aus Die Legende der Prinzessin Kaguya von Isao Takahata, Copyright: Universum Film)

Fast drei Jahrzehnte lang stand das Studio für einen einzigartigen Ethos: Filme um der Filme, und Kunst um der Kunst willen in die Welt bringen. Ganze Generationen in Japan, nach und nach auch in der ganzen Welt, sind mit der Magie liebevoll imaginierter Welten aufgewachsen (oder für eine kurze Zeit wieder Kinder geworden), mit Filmen wie Mein Nachbar Totoro, Die letzten Glühwürmchen oder auch Chihiros Reise ins Zauberland. Doch auch abseits der großen Leinwand war das Studio immer wieder für Überraschungen gut und hat viel Kleines, Feines und Experimentelles hervorgebracht.

All das beginnt 1985, als sich die Regisseure und Zeichner Hayao Miyazaki und Isao Takahata mit Produzent Toshio Suzuki zusammenschlossen, um endlich Filme nach ihren eigenen Regeln zu produzieren. Jahre der Arbeit für verschiedene Produktionsfirmen und Fernsehsender hatten bei dem Trio den brennenden Wunsch nach künstlerischer Freiheit entstehen lassen. Hineingeboren in ein Japan, welches nach dem zweiten Weltkrieg am Abgrund stand, prägte alle drei sowohl die Zeit von Entbehrung als auch die Jahre des politischen und wirtschaftlichen Aufstieg des Lands. Miyazaki begann früh zu zeichnen, vor allem Flugmaschinen aller Art: Sein Vater arbeitete für das Unternehmen "Miyazaki Airplanes", das unter anderem Kampfflieger wie den Mitsubishi A6M Zero entwickelt hatte. Aus Blaupausen und Bauplänen wurden für Miyazaki ganze Welten in der Schwebe. Takahatas Liebe galt hingegen der französischen Literatur, die später auch sein Studienfach werden sollte. Paul Grimaults damals noch unvollendetes Animations-Meisterwerk Der König und der Vogel inspirierte ihn dazu, in die Welt des gezeichneten Films einzusteigen.

Die beiden begegneten sich erstmals bei Tōei Animation, wo 1958 mit Erzählung einer weißen Schlange Japans erster Zeichentrick-Langfilm in Farbe entstanden war. In dieser Zeit, in der Animationsfilme aufgrund ihrer Materialität mit intensiver und beschwerlicher körperlicher Arbeit verbunden waren, glich das Studio einer Fabrik. Genau wie in weiten Teilen der Welt brachten die sechziger Jahre auch in Japan ein erstarken der Gewerkschafts-Bewegung. Sowohl Miyazaki als auch Takahata wurden schnell Schlüsselfiguren ihrer Lobby und lernten einander als Künstler und Menschen zu schätzen. Beide lernten ihr Handwerk unter ihrem Mentor Ōtsuka Yasuo. Als Takahata 1968 mit Horusu: Prince of the Sun erstmals die Chance erhielt, Regie zu führen, brachte er Miyazaki als Designer mit an Board. Der wiederum musste sich bis 1979 gedulden, bis er mit Das Schloss des Cagliostro sein Regiedebüt gestalten durfte. Obwohl ihre Filme finanzielle und kritische Erfolge waren, fühlten sie sich von den rigiden Strukturen bei Tōei zurückgehalten. 1984 taten sich die Beiden für die Verfilmung eines Mangas, den Miyazaki gezeichnet hatte, zusammen. Gemeinsam mit Produzent Toshio Suzuki und Komponist Hisaishi Joe brachten sie Nausicaä aus dem Tal der Winde in die japanischen Kinos. Der Film war ein durchschlagender Erfolg, die Geldgeber des Projekts waren bereit, ein neues Studio aus der Traufe zu heben: Studio Ghibli war geboren.


(Logo des Studio Ghibli, Copyright: K.K. Studio Ghibli)

Im Rückblick scheint es leicht nachzuvollziehen, wieso Ghibli so erfolgreich wurde: Fantasievolle, originelle, inhaltlich sehr breit gefächerte Filme mit der bedingungslose Hingabe zur eigenen Kunst. Doch der Weg des Studios war nicht immer einfach. Wirkliche finanzielle Sicherheit sollte das Studio nie erreichen, was nun ja auch die "Schließung" seiner Pforten beweist. Handgemachte Animationsfilme auf einem so hohen Niveau sind extrem teuer, zudem war man aufgrund von idiosynkratischer Erzählweise und dem sehr japanischen Referenzrahmen stark an den Heimatmarkt gebunden. Jeder Flop konnte das Ende bedeuten. Frühe Werke wie Das Schloss im Himmel oder das Double Feature aus Mein Nachbar Totoro und Die letzten Glühwürmchen konnten an den Kinokassen nicht an die Erfolge von Nausicaä anschließen.

Um das Damoklesschwert der Schließung zumindest etwas aus den Köpfen aller Beteiligten zu verdrängen und neue Ideen und Techniken zu erproben, ohne gleich einen der "Tentpole"-Filme dafür zu bemühen, entwickelten sich zahllose Neben- und Seitenprojekte. Werbung, Kurzfilme und Musikvideos hatten für Ghibli eine ganze Reihe von Funktionen: Sie waren zugleich Versuchslabor und künstlerische Spielwiese. Neue Talente konnten sich an ihnen beweisen und Altmeister gaben sich hier ihren Launen und dem Exzess hin.

Da wären etwa die Ghiblies, kurze Sammlungen von Vignetten, die als Vorzeigeprojekt für neue Trickzeichner des Studios dienen sollten. Die zwei Teile der Reihe wurden im Fernsehen ausgestrahlt und sind recht experimentelle Meta-Clips, die gleichzeitig kleine Geschichten erzählen, dabei jedoch immer auch den Prozess des Zeichnens selber mit einbeziehen. Auf den ersten Blick verwirrend werden verschiedene Formen der Animation vermischt, von 3D-CGI bis hin zur klassischen Cel-Bildern. Viele der visuellen Konzepte und Ideen fanden sich in dem ein Jahr später erschienen Langfilm Chihiros Reise ins Zauberland, der mehrfach fließend vollständige Handzeichnungen mit CGI vermengt.


(Ghiblies - Intro)

Mit dem Fernsehfilm Flüstern des Meeres - Ocean Waves arbeitete Ghibli erstmals im großen Stil mit dem Sender NTV (Nippon Television) zusammen. Doch mit einer Reihe von TV-Spots mit dem Titel Sky-Coloured Seed wurden die Wasser erst geprüft, bevor man den Sprung tat. Erzählt wird die Geschichte eines mürrischen Fuchses, der mit einem kleinen Jungen ein Modell-Flugzeug gegen eine Samenkorn eintauscht. Einmal gepflanzt wächst dieser zu einem immer größer werdenden Haus heran, in dem sich kleine und große Tiere versammeln - ganz zum Leidwesen des Fuchses. Diese minimalistisch gezeichnete Erzählung sollte mit ihren einfachen Figurenbildern und kindgerechter Erzählweise viele spätere Kurzfilme Miyazakis vorwegnehmen. Etwa The Whale Hunt, der heute vor allem im Ghibli-Museum in Tokio gezeigt wird.


TV-Spots Sky-Coloured Seed

Sehr viel stärker an das Hauptwerk des Studios erinnert das Musikvideo On Your Mark, welches die Musik des Pop-Duos Chage und Aska untermalen. Parallel zum Kinostart von Stimme des Herzens - Whisper of the heart veröffentlicht, zeigt der sechsminütige Clip einen Mikrokosmos von vielem, was das Studio ausmacht: Wundervolle Animationen, spektakuläre Actionsequenzen und ruhige Momente der Kontemplation. Den Widerstreit von Mensch und Natur, von Magie und Technik. Zwei Polizisten, die in einer düsteren Zukunftsvision für eine grausames Regime arbeiten, riskieren erst ihren Beruf und später ihr Leben, um einem Mädchen mit Flügeln zu helfen. Mit seiner interessanten, nichtlinearen Erzählweise würde die Geschichte wohl auch ohne den netten Popsong funktionieren.


(Musikvideo zu On Your Mark von Chage und Aska) 

Neben den (zunächst eher widerwillig) eingeführten Merchandise-Produkten wurde auch Werbung bald zu einem weiteren Standbein für das Studio. In ihrer Zahl stark limitiert und oft mit Bezug zum eigenen Werk war Ghibli immer darauf bedacht, auch bei solchen kommerziellen Unterfangen Identität und Integrität zu bewahren - oft erschienen sie parallel zu den eigenen Neuveröffentlichungen und waren im gleichen Maße Werbung für das Studio wie für das Produkt. So zeigen die Let`s eat at home-Spots für eine Lebensmittel-Firma kleine, nostalgische Ausschnitte aus Japans Vergangenheit. Detailreiche Zeichnungen treffen auf einen langsam 3-D-Tracking-Effekt - genau wie spätere Clips für die Supermarktkette Shop-One oder Asahi-Tee - vor allem technische Spielereien.


TV-Spots Let's eat at home (Sammlung)


(TV-Spot Let's eat at home (Winter))

Doch selbst Werbung kann sich in längeren Projekten niederschlagen, etwa dem mit Yamaha produzierten Musikvideo zu Dore Dore no Uta von Folkgitarristin Haigou Meiko. Zu den sanften Klängen akustischer Gitarren erforscht der Clip eine Welt voller anthropomorpher Käfer, die gut zu der leicht schrägen, aber gutmütigen Musik passen.


(Musikvideo zu Dore Dore no Uta von Haigou Meiko)

Um wirklich alle Seitenwege Ghiblis auch nur annähernd vollständig zu benennen, fehlt hier der Platz: Neben einem Museum, Dokumentarfilmen, Musik-CDs, einem Verleih für Animationsfilme aus aller Welt und zahllosen Kurzfilmen und Ko-Produktionen hat Ghibli sogar eine eigene Uhr entwickelt.


(Die von Miyazaki entwickelte Uhr)

Ob auch für Studio Ghibli die letzte Stunde geschlagen hat, steht noch nicht fest. Die Gründerväter der Animationsschmiede haben sich zur Ruhe gesetzt. Geldprobleme, die Folge künstlerischer Kompromisslosigkeit, macht Ghibli zu schaffen, genau wie das fehlen neuer Talente, welche die Fackel weitertragen können. Man wird sehen. Sicher ist, dass ihr Vermächtnis ein wundervolles ist, ob im Hauptwerk oder in Nebenprojekten wie den oben aufgeführten. Niemand wird Prinzessin Mononoke im Kampf für die Natur vergessen, niemand den freundlich und doch ungezähmten Waldgeist Totoro, niemand die Prinzessin Nausicaä oder die Hexe Kiki.

Hayao Miyazaki findet in seinem Abschiedsfilm Wie der Wind sich hebt ein passendes Bild dafür: Die Hauptfigur, Flugzeugingenieur und leicht zu durchschauende Miyazaki-Chiffre Jiro, steht am Ende des Films über einem Flugzeugfriedhof und verkündet "Das ist mein Lebenswerk". Die Gesamtheit seines Schaffens liegt zertrümmert zu sein Füßen - und doch ist es ein Triumph. Bevor etwas zu Boden stürzen kann, muss es erst, wenn auch nur für einen Moment, die Erde verlassen haben. Es ist ein Bild von entwaffnender Stärke. Wo wären wir nur, wenn jedem das pure Erschaffen, die Kunst an sich, so heilig wäre?

(Lucas Barwenczik)