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14 29/07

Seitenwege großer Kinomeister: Jonathan Glazer - Der Formensprenger

Jonathan Glazers neuester Film Under the Skin ist kein einfacher. In elegischen Aufnahmen zeichnet der englische Regisseur ein düsteres Bild von der Menschheit aus der Sicht eines außerirdischen Wesens, gespielt von Scarlett Johansson. Der Filmverleih Senator, der den Titel erworben hatte, fand den düsteren Science Fiction trotz teilweise herausragender Kritiken zu sperrig für einen Kinostart, lediglich auf einigen Festivals (Fantasy Filmfest, Filmfest München) wird der Film gezeigt werden, bevor er am 10. Oktober 2014 auf DVD erscheint.


(Bild aus Under the Skin, Copyright: Senator Film Verleih)

Glazers Filme sind sperrig, wirkliche Hits sind sie an den Kinokassen der Welt selten. Dabei müsste dem Filmemacher eigentlich klar sein, wie er seine Produkte an den Mann bringt - angefangen hat er nämlich in der Werbe- und Musikvideobranche. Wie sieht die Werbung eines Regisseurs aus, in dessen Filmen der Wille Kunst zu schaffen klar erkennbar ist? Und was für Musik untermalen seine Bilder?

Jonathan Glazer wird 1965 in London geboren. Nach einem Studium in Theaterdesign an der Nottingham Trent University führte Glazer bei verschiedensten Stücken Regie. Seine erste Arbeit beim Film war das erstellen von Trailern, etwa für die BBC. Nach einigen Versuchen im Kurzfilmbereich gelangte er schließlich Mitte der 1990er in die Werbebranche. Mit Spots für Firmen wie Kodak, Madza und AT&T machte er sich schnell einen guten Ruf.


(Jonathan Glazer (oben) am Set von Under the Skin, Coypright: Senator Film Verleih)

1995 entstand auch sein erstes Musikvideo, zu dem Lied "Karmacoma" der Trip-Hop-Formation Massive Attack.

(Musikvideo zu "Karmacoma" von Massive Attack)

Optisch klar an Stanley Kubricks The Shining angelehnt handelt das Video von einem Killer, der sein Opfer durch einen scheinbar endlosen Hotelflur jagt. Hinter jeder Zimmertür verstecken sich neue surreale Figuren und Bilder. Diese werden meist nur kurz gezeigt, es entsteht eine Flut aus Bildern, die doch irgendwie zusammenhängend scheint. Das Aussehen der Figuren und die schrille Farbpalette nehmen schon viel von dem vorweg, was Glazers Debütfilm Sexy Beast (2000) ausmachen sollte. Auch der Vergleich zu Kubrick sollte noch öfter gezogen werden: Under the Skins abstraker Einstieg, in der wir einer "Menschwerdung" beiwohnen, hat viel von der Sternentor-Sequenz aus 2001: Odyssee im Weltraum.

Auch in seinem 1996 veröffentlichten Video Frozen Moment für die Sportfirma Nike ist viel enthalten, dass in späteren Filmen wieder aufgegriffen wird.


(Nike-Werbung Frozen Moment)

Fast vollständig in Zeitlupe wechselt der Clip zwischen Aufnahmen von Superstar Michael Jordan mit Einstellungen von Objekten, die in Slow-Motion einen besonderen Zauber entfalten. Die Macht und Kontrolle über seine Umwelt, die ein Ausnahmetalent wie der Chicago Bulls-Basketballer hat, findet Ausdruck in einer Welt die nahezu stillzustehen scheint. Ben Kingsley wird Glazer später auf ähnliche Weise in Szene setzen, ebenso wie den Ringrichter im Audi-Spot Ring. In Teilen von Birth oder Under the Skin ist die Langsamkeit, ein anderes Element des Clips, oft deutlich erkennbares Stilmittel.

Mit Werbung teilen Glazers Filme ohnehin mehr, als man auf den ersten Blick annehmen würde. Denn Werbung ist heute meist keine reine Produktinformation mehr. Es geht nicht darum, den Zuschauer über die Herstellung eines neuen Waschmittels oder Autos zu informieren. Vielmehr transportieren Werbeclips ein Idealbild unseres Lebens mit dem Produkt. Autowerbung handelt von Freiheit und Selbstbestimmung, Parfüm versucht die olfaktorische Erotik und Anziehungskraft des Duftsprays in Bilder zu fassen. Warme Fertigsuppen machen perfekte Familien an kalten Tagen noch ein bisschen glücklicher. Die Harmonie des Einfamilienhauses ist fast greifbar. Die Bilder schaffen eine Gefühlswelt, die als Projektionsfläche für Wünsche und Träume der Zuschauer dient. Glazers Filme funktionieren ähnlich, nur dass hier nicht unbedingt positive Empfindung im Mittelpunkt stehen. An die Stelle von Zufriedenheit und Kauflust treten Einsamkeit, Verletzlichkeit und Angst.

Diese emotionale Ambivalenz, vor allem aber der kodierte, enigmatische Charakter zieht sich durch Glazers gesamte Filmografie. Auch seine wohl bekanntesten Musikvideo, zu Radioheads "Karma Police", Jamiroquais "Virtual Insanity" und UNKLES "Rabbit in your Headlight" funktionieren auf diese Weise. Wer Glazer engagiert, der weiß, wie das Ergebnis aussehen wird: Wie ein Trip. Gerade experimentelle Musiker aus dem Alternative und Indie-Bereich drehen mit dem Briten. Die Clips zeigen selten nur die eigentliche Band, Musikvideokonventionen gibt es hier keine zu sehen.


(Musikvideo zu "Karma Police" von Radiohead)

(UNKLE - Rabbit in Your Headlights from Onur Akdeniz)

Mit dem "Virtual Insanity"-Video gewinnt Glazer 1997 gleich drei MTV Music Awards. Studiodirektoren und Produzenten dürften jedoch vor allem durch die Surfer-Kampagne des Bierherstellers Guinness auf ihn aufmerksam geworden sein. Ein Jahr später entsteht sein Filmdebüt. Sexy Beast ist zwar ein finanzieller Erfolg, der auch bei der Kritik gut ankommt, dennoch lässt der Nachfolger Birth vier Jahre auf sich warten. Bis zu Under the Skin sollte es noch einmal fast ein Jahrzehnt dauern: Nicht technische Bedenken, sondern auch die Finanzierung des Films gestaltete sich nach dem durchwachsenen Kassenerfolg von Birth als schwierig.

Für Jonathan Glazer stellen Musik- und Werbevideos sicher auch einen Notwendigkeit dar: Wer zwischen Filmen Dekaden verstreichen lässt, der muss sich anderweitig über Wasser halten. Aber er geht selbst diese Verpflichtungen mit einer Vision an, mit einem klaren Gestaltungswillen und dem Selbstanspruch, nichts belangloses zu schaffen. Glazer sucht nach neuen Formen, wo er sie finden kann. Das kommt auch Bands und Konzernen zu gute, die sich einen ganz besondern Look geben wollen. Selbst das Kommerzielle bekommt hier einen Hauch von Avantgarde und Abenteuer. Manchen Firmen ist das dann zuviel des Guten: Dem Schokoladenhersteller Cadbury war der Spot, in dem eine Teufelsfigur durch ein alptraumhaftes Ballet tanzt, dann doch etwas zu heikel.

(Flake - Jonathan Glazer from David Nichols on Vimeo)

Der Spot wurde zurückgezogen. Nun wiederholt sich Ähnliches mit Under the Skin ein gewisser Weise. Es scheint fast so, also sei Jonathan Glazer seiner Zeit und seinem Medium um einige Jahre voraus. Aber: Die Formen bleiben und die hypnotischen Bilder ebenso.

(Lucas Barwenczik)