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14 16/09

Seitenwege großer Kinomeister: Anton Corbijn - Von Bildern und Musik

Zuerst waren die Bilder, dann kam die Musik und gab ihnen Rhythmus und Dynamik. Der Niederländer Anton Corbijn begann seine Karriere als Fotograf, dann folgten Musikvideos und schlussendlich Spielfilme. Eigentlich eine logische Progression. Sein aktueller Film A Most Wanted Man ist nun gänzlich unmusikalisch, auch wenn das Agentenleben nur so strotzt vor konzertierten Aktionen und Mikrofone eine nicht minder wichtige Rolle spielen.


Bild aus Anton Corbijn - Inside Out von Klaartje Quirijns (Copyright: Alive - Vertrieb und Marketing/DVD)

Viele Regisseure haben ihre Karriere als Fotografen begonnen, und jedem merkt man es an. Da wäre natürlich zuerst einmal Stanley Kubrick, der erst nach und nach seine Bildwelten in Bewegung versetzte. Projekte wie Barry Lyndon waren vor allem große Kameraexperimente. Aber auch Filmemacher wie Ken Russel oder die "Großmutter der Nouvelle Vague" Agnès Varda begannen mit Einzelbildern, bevor es 24 pro Sekunde wurden. Ihnen allen ist gemein, dass ihren Filmen etwas Mechanisches anhaftet, oder positiver formuliert: Etwas Perfektionistisches.

Jeder Fotograf hat seine Spezialität, bei Corbijn sind es Porträts von Pop- und Rockstars. Diese hatten ihn schon immer fasziniert. Bereits im Alter von 19 wird er freier Fotograf. Tom Waits, Frank Sinatra, die Rolling Stones, Miles Davis - alles was Rang, Namen und Instrument hat, wurde irgendwann von dem niederländischen Lichtbildner eingefangen. 


Bild aus Anton Corbijn - Inside Out von Klaartje Quirijns (Copyright: Alive - Vertrieb und Marketing/DVD)

Seine Aufnahmen sind im kontrastreichen Schwarz-Weiß gehalten, sie geben den Abgelichteten harte Konturen und etwas Zeitloses, Auratisches. Als wären sie Figuren aus einem Film von Carl Theodore Dreyer, eingefroren in Raum und Zeit. Den Bildern haftet auch etwas Religiöses an. Sie sind spärlich und klar, Pfarrerssohn Corbijn bezeichnet sie selbst als "protestantisch". Die evangelische Spielart des Christentums stand der Heiligendarstellung schon immer skeptisch gegenüber, und wer das Göttliche nicht darstellen darf, der sucht Heiligkeit eben im Profanen. Fans verehren ihre Stars ja ohnehin oft wie im sakralen Wahn.

Von diesen Musikerbildern ist es nur ein kleiner Schritt zu Albumcovern, von Albumcovern kommt er zu Musikvideos. 1983 lernen seine Bilder laufen, die Hamburger "Neue Deutsche Welle"-Gruppe Palais Schaumburg engagiert ihn für den Clip zu ihrem Song Hockey.


Musikvideo zu Hockey von Palais Schaumburg

Dadaistische Texte begleitet Corbijn mit einer von Surrealist Luis Buñuel entliehenen Bildsprache. Immer wieder Matchcuts, von Hockeybällen auf Augen, von Augen auf Hockeybälle. Die Belichtung gleicht seinen Fotos und die Darsteller überbetonen jede Geste wie in frühen Stummfilmen.

Es folgen Clips für populäre Bands wie U2, Echo & the Bunnymen, Joy Division, Metallica und die Red Hot Chili Peppers. Mit vielen dieser Gruppen verbindet Corbijn bald eine tiefe Freundschaft. Für U2 wird er so etwas wie der Hausfotograf. Neben einem großen Teil ihrer Videos dreht er auch ihre Konzertfilme und erdenkt sogar Bühnenbilder für Tourneen. Der Niederländer arbeitet in der ganzen Welt, auch in Deutschland. Zu Herbert Grönemeyers Comeback mit "Mensch" steuert er einen Beitrag bei. Grönemeyer zeigt sich im Umkehrschluss auch für den Soundtrack seines aktuellen Films A Most Wanted Man verantwortlich und hat sogar einen kleinen Gastauftritt.

Auch wenn einfache klare Popmusik bebildert wird, Corbijns Clips haben immer etwas zutiefst Abstraktes und Surrealistisches. Sie erschaffen gänzlich künstliche Landschaften und wirken dabei ernst und kontemplativ. Den Meisten dürfte seine Visualisierung von Depeche Modes Hitsingle Enjoy the Silence aus dem Jahre 1990 bekannt sein. Inspiriert von Antoine de Saint-Exupérys Der kleine Prinz zieht Sänger Dave Gahan als König verkleidet durch eine öde Landschaft, bewaffnet nur mit einem Klappstuhl, und genießt die Stille. 2008 lässt er auch Coldplays Chris Martin in diese Rolle schlüpfen, für den Regisseur wie ein Reise in die eigene Vergangenheit. Oder in der Sprache der Musikszene: Ein Remix.


Musikvideo zu Enjoy the Silence von Depeche Mode

1994 wird sein wie ein Fiebertraum anmutender Clip zu Nirvanas Heart-Shaped Box bei den MTV Video Music Awards als "Best Alternative Video" ausgezeichnet. Den Hauptpreis gewinnt jedoch Marty Callners deutlich konventionellere Umsetzung von Aerosmith' Cryin'. Auch bei den Grammys im nächsten Jahr geht Corbijn leer aus. Seine Videos sind zu verkopft und zu merkwürdig für Preisjurys. Man nehme seine Interpretation von Joy Divisions Atmosphere, 1988 erschienen: Vermummte Gestalten, mal in schwarzen, mal in weißen Kutten, tragen ein Bild des acht Jahre zuvor verstorbenen Sängers der Band Ian Curtis durch eine Wüstenlandschaft.


Musikvideo zu Heart-Shaped Box von Nirvana


Musikvideo zu Atmosphere von Joy Division

Curtis Leidensgeschichte lässt Corbijn nicht los. Fast zwanzig Jahre später wird er ihr seinen ersten Spielfilm widmen, er bleibt sowohl der Musik als auch dem Porträt treu. Die Filmbiografie Control (2007) basiert auf dem Buch Touching From a Distance von Curtis' Witwe Deborah. Wie Corbijns Fotos kommt der Film gänzlich ohne Farben aus, das Endergebnis wirkt manchmal wie eine bewegte Version seiner Bilder. Großbritannien im Allgemeinen und Curtis Heimatort Macclesfield im Speziellen werden zum trostlosesten Ort, den man sich vorstellen könnte.

Der Niederländer ist bei Erscheinen seines Debütfilms bereits 52 Jahre alt. Nur wenige beginnen ihre Karriere als Filmemacher so spät in ihrem Leben. Das seine künstlerische Prägung in anderen Feldern stattgefunden hat merkt man Corbijn an. Er selber sagt über das Regiehandwerk: "Regie führen ist tatsächlich eine völlig andere Welt als die Fotografie. Wenn ich ein Bild schieße, geschieht das meist intuitiv und schnell - für meine Porträts von Miles Davis oder David Bowie brauchte ich nur fünf Minuten. Dabei werden sie mich womöglich sogar überdauern. Einen Dreh hingegen muss man gut planen, weil eine Menge Leute wissen müssen, was sie zu tun haben werden. Dennoch besteht das große Risiko, dass nach anderthalb Jahren Arbeit der Film vielleicht nichts geworden ist, nichts Bedeutendes jedenfalls."


Trailer zu Control von Anton Corbijn

"Filme machen kostet aber nicht nur mehr Zeit. Es erfordert einen unglaublichen Kraftakt, wirklich sein Ding, seinen eigenen Film zu machen. Das bringt Eigenschaften meines Charakters zum Vorschein, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie habe: Ich kann mir nicht mehr leisten, introvertiert zu sein. Ich muss die Dinge herausbringen, formulieren. Jeden Tag musst du schnell auf jedes Problem die richtige Lösung finden, damit der Film so wird, wie du ihn dir vorstellst."

Dieses Ringen mit dem Medium ist Corbijns Filmen deutlich anzumerken. Ohne den Rhythmus der Musik, die seinen Clips Struktur und innere Ordnung verleiht, mäandern sie oft vor sich hin und verlieren den roten Faden. Auch ihr hoher Abstraktionsgrad scheint verloren zu gehen, oft fühlen sie sich trocken und prosaisch an. Gerade sein zweiter Film The American über einen Auftragskiller Namens Jack (George Clooney), der sich nach einem Mord in den italienischen Abruzzen versteckt, gerät langatmig und leer. Er vermag sich nicht von den Romanvorlage zu lösen (A Very Private Gentleman von Martin Booth) und schafft vor allem Oberfläche.

Mit seinem neuesten Film A Most Wanted Man gibt Corbijn seinem Werk scheinbar eine neue Richtung, es bekommt eine politische Dimension. Angesiedelt in einem Hamburg, dass seit den Anschlägen des 11. Septembers unter besonderer Beobachtung steht, treffen wir dort auf den jungen Muslimen Issa Karpov. John le Carré bezeichnete ihn als seine fiktionale Version von Murat Kurnaz, dem in Deutschland geborener und aufgewachsene, türkische Staatsbürger, der zu trauriger Berühmtheit gelangte, weil er von Januar 2002 bis August 2006 ohne Anklage im Gefangenenlager Guantanamo saß. Seine Geschichte lässt vielfältig deuten: Er ist Symbol für staatliche Paranoia und Willkür und für den Umgang des Westens mit anderen Kulturen.


Trailer zu A Most Wanted Man von Anton Corbijn

Doch auch hier entstehen Probleme: Corbijns religiöse Motivik neigt dazu, politisch naiv zu wirken. Die ambivalente Figur aus le Carrés Roman wird zu einem Heiligen, dem der Regisseur keine Fehler zugesteht. In den 1990ern hat Corbijn Wahlwerbung für den sozialdemokratischen Politiker Willem Kok gemacht, jetzt äußert er sich meist kritisch zur Politik und geht bewusst auf Distanz. "In der Politik wird man meiner Erfahrung nach sehr schnell für fremde Zwecke eingespannt - selbst als Fotograf. Deshalb versuche ich, mich von ihr fernzuhalten." erzählt Corbijn in einem Interview.

Diese Kluft ist in jedem seiner Spielfilme zu spüren. Ob Control, The American oder eben A Most Wanted Man, immerzu gibt es einen starken Kontrast zwischen Institutionen und dem Individuum. Schurken sind bei Corbijn Bürokraten und Angepasste, Vertreter der alten Ordnung und Teil des Kollektivs. Seine Helden hingegen sind immer schon einsam gewesen: Es lässt sich eine klare Linie ziehen von seinen Porträts von Persönlichkeiten wie Clint Eastwood, über den König in Enjoy the Silence bis hin zu den Figuren seiner Spielfilme: Exzentriker Ian Curtis, der vor seinen Mitmenschen in sein Haus und seine Bücher flieht. Der Auftragskiller Jack der sich nach einem Mord in den italienische Abruzzen versteckt hält. Und der von Philip Seymour Hoffman verkörperte Agent Günther Bachman, der sich in alter Noir-Tradition gleich mit der ganzen Welt anzulegen scheint, zumindest aber mit gewaltigen, undurchsichtigen Geheimdienst- und Verfassungsschutzapparaturen. Corbijns Weltbild ist dabei leider oft so schwarz-weiß wie seine Bilder.


Anton Corbijn mit den Stars von A Most Wanted Man (Copyright: von PunkToad from oakland, us [CC-BY-2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons)

Sein nächstes Projekt wird Life heißen und die Geschichte James Deans und des Fotografen Dennis Stock erzählen. Vielleicht hilft die biographische Nähe zu dem Fotojournalisten Corbijn endlich einen wirklich starken, persönlichen Film zu drehen. Bislang scheint er zwar die Musik zu kennen, doch seine Bilder tanzen reichlich unbeholfen dazu.

(Lucas Barwenczik)