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17 17/03

Schöne weiße Welt? - Castingpolitik in der Kritik

Zwei Comicadaptionen lösen bereits vor ihrem Start Kontroversen aus. Die Actionserie Marvel's Iron Fist, die ab 17. März bei Netflix läuft, und der Kinofilm Ghost in the Shell, der am 30. März startet, sehen sich dem Vorwurf des Whitewashing ausgesetzt, also jener Politik, mit der die Film- und Fernsehbranche regelmäßig nicht-weiße Charaktere mit weißen Schauspielern besetzt. Die Debatte ist nicht neu, erreicht nun aber ihren nächsten Höhepunkt – und das, obwohl die Produzenten von Iron Fist im Grunde gar nichts falsch gemacht haben.


(Bild aus Marvel's Iron Fist; Copyright: Netflix)

Nach der Oscarverleihung 2017 schien Hollywood mit den Minderheiten im Land und in der eigenen Branche versöhnt. Zwei der vier Darstellerpreise gingen an Afroamerikaner, Moonlight erhielt die Auszeichnung in der Kategorie "Bester Film" und selbst den Auslandsoscar für das iranische Drama The Salesman konnte, ja musste die Weltöffentlichkeit als politische Verlautbarung für mehr Vielfalt und gegen Donald Trumps weißes Amerika begreifen. Doch das vermeintlich so liberale Hollywood hatte die Rechnung ohne die Amerikaner asiatischer Herkunft gemacht und anscheinend wenig dazugelernt. Während sich der Aufschrei ein Jahr zuvor unter dem Schlagwort #oscarssowhite gegen die regelmäßige Nichtbeachtung afroamerikanischer Künstler beim wichtigsten Filmpreis der Welt richtete, wären viele ihrer Kollegen mit asiatischen Wurzeln bereits über eine Hauptrolle froh. Ghost in the Shell und Iron Fist hätten nach Meinungen vieler Kritiker dazu Gelegenheiten geboten. Doch in beiden Fällen ist die Sachlage etwas komplizierter.

Ghost in the Shell ist die Verfilmung von Masamune Shirows gleichnamigem Manga aus dem Jahr 1989. Sechs Jahre nach dessen Erscheinen machte Regisseur Mamoru Oshii daraus einen Anime, weitere Comics, Zeichentrickfilme und eine Animationsserie folgten. Deren Heldin ist Major Motoko Kusanagi und trägt unzweifelhaft asiatische Gesichtszüge, auch wenn sich ihr Aussehen von Bearbeitung zu Bearbeitung verändert. Die Argumente scheinen also aufseiten der Kritiker zu sein, die statt Scarlett Johansson lieber einen Star des asiatischen Kinos wie etwa Rinko Kikuchi (Pacific Rim, Kumiko, the Treasure Hunter) in der Hauptrolle gesehen hätten. Abseits Kusanagis äußerer Erscheinung finden sich jedoch auch gute Argumente, die für eine Besetzung Johanssons sprechen.


(Bild aus Ghost in the Shell; Copyright: Paramount Pictures Germany)

Ghost in the Shell spielt in der Zukunft, in einer Welt, in der die Menschen ihre Körper längst durch künstliche Bauteile verbessert oder ganz ersetzt haben. Sogar das Gehirn lässt sich durch ein artifizielles austauschen. Was diese Cyborgs noch von Maschinen unterscheidet, ist ihre Biokapsel ("Shell"), in der ein Rest menschlicher Gehirnzellen mit ihrem Geist ("Ghost"), ihrer Persönlichkeit, wenn man so will ihrer Seele, steckt. Doch kann eine Seele überhaupt einer Ethnie angehören? Wie Kusanagis Ursprungskörper aussah, bleibt unbeantwortet. Vielleicht ja genau so wie der von Scarlett Johansson.

Es ist bezeichnend, dass sich die Diskussion um Whitewashing gerade an einem Film hochschaukelt, der in einer Welt spielt, in der äußere Zuschreibungen wie Abstammung und Hautfarbe keine Rolle mehr spielen. Das Filmstudio ist allerdings selbst schuld. Statt ihre Protagonistin klar als undefinierbares Geschöpf zu positionieren, dachten die Produzenten den Quellen der Seite screencrush.com zufolge darüber nach, Johanssons Gesichtszüge durch die Bearbeitung in der Postproduktion asiatischer erscheinen zu lassen. Das wiederum erinnert an Hollywoods unrühmliche Zeiten, als Größen wie Katharine Hepburn, John Wayne, Marlon Brando oder Mickey Rooney auf asiatisch geschminkt wurden.

In Japan wird die Diskussion zur Verwunderung vieler überhaupt nicht geführt. Während Masamune Shirow, der Schöpfer der Vorlage, beharrlich zur Besetzung Scarlett Johanssons schweigt, hat sich Sam Yoshiba, der Chef des internationalen Geschäfts von Shirows Verlag Kodansha, darüber ebenso begeistert gezeigt wie die große Mehrheit der japanischen Fans. Für Yoshiba verkörpert Johansson das "Cyberpunk-Gefühl" der Vorlage. Zudem habe der Verlag für die Rolle nie eine Japanerin im Kopf gehabt. So geht es auch vielen japanischen Fans, die sich durchaus bewusst sind, dass ein heimischer Film Hollywoods production value niemals erreicht hätte. Bevor die Realverfilmung hinter dem stilprägenden Anime aus dem Jahr 1995 zurückbleibt, nehmen viele liebend gern eine amerikanische Schauspielerin in Kauf, nicht wenige begrüßen das sogar. Die einen, weil sie derzeit in Japan keine Schauspielerin (auch nicht Rinko Kikuchi) sehen, die Johansson im Actionfach das Wasser reichen könne. Andere, weil ihnen eine japanische Schauspielerin zu realistisch erscheint und Johanssons "exotisches Aussehen" die Künstlichkeit der Comicvorlage besser hervorhebe. Von Whitewashing haben die wenigsten Japaner schon einmal etwas gehört. Dementsprechend kommt dort kaum einer auf die Idee, Hollywoods Besetzungspolitik als diskriminierend einzustufen. Doch nur weil jemand etwas nicht als Diskriminierung empfindet, heißt das nicht, dass auch keine vorliegt.

Das Argument, das Regisseure und Produzenten von millionenschweren Blockbustern gern ins Feld führen, ist das zwingende Erfordernis eines Weltstars. Um die exorbitanten Kosten wieder einzuspielen, muss längst der ganze Globus bespielt werden, wofür es ergo auch eines Stars von Weltrang bedürfe. Diesen Schluss zog Regisseur Ridley Scott bei Exodus: Götter und Könige (2014) ebenso wie die Produzenten von Gods of Egypt (2016). Hier wie da spielten Nordamerikaner, Europäer und Australier ägyptische Götter, Pharaonen und Israeliten. Drehbuchautor Max Landis (Chronicle, American Ultra) stößt nun ins selbe Horn, wenn er in einem YouTube-Video die Casting-Entscheidung für Scarlett Johansson als Major Kusanagi verteidigt. Dass Ridley Scott & Co. mit ihren Besetzungen das finanzielle Risiko minimieren wollen, ist nachvollziehbar, zeigt aber auch, wie wenig sie an (die universelle Kraft) ihre(r) Geschichten glauben. Ihre Argumente greifen freilich viel zu kurz. Zum einen verhindert Hollywood mit seiner internationalen Marktmacht ja gerade selbst Weltstars aus anderen Nationen, deren Mangel dann als Ausrede für die Besetzungspolitik herhält. Zum anderen sollte sich Hollywood fragen, warum es die so dringend benötigten Weltstars nicht längst selbst hervorgebracht hat. Wo ist die asiatisch-amerikanische Variante zu Scarlett Johansson? Und wer wenn nicht Ridley Scott hätte die Möglichkeit, einen talentierten ägyptischen Schauspieler an der Seite von Christian Bale aufzubauen? Dafür müsste freilich der Wille zur Veränderung da sein.


(Trailer zu Exodus: Götter und Könige)

Wenn das System zu verkrustet ist, um die Strukturen von innen heraus zu ändern, braucht es Impulse von außen. Kritik und gesellschaftlicher Diskurs sind ein notwendiger erster Schritt. Dass Rezensionen zu Ghost in the Shell in Deutschland erst einen Tag vor dem Starttermin veröffentlicht werden dürfen, könnte ein Hinweis sein, dass Paramount Pictures die Whitewashing-Debatte auch hierzulande fürchtet. Die Empörung dürfte den weltweiten Ticketverkäufen allerdings kaum schaden. Allein in Japan wird dieser Film voraussichtlich alle Rekorde brechen. Die Sprache, die Hollywood bis heute am besten versteht, ist die des Geldes. Abseits einer breiten Debatte sind deshalb Erfolgsmodelle nötig, die den großen Studios zeigen, dass auch mit Vielfalt genügend Geld verdient werden kann. Filmreihen wie Fast & Furious oder Star Wars mit seinem jüngsten Ableger Rogue One haben das bereits vorgemacht. Wobei daran erinnert werden muss, dass deren Vielfalt sich großzügig auf die Nebenrollen verteilt, während die Hauptrollen weiterhin überwiegend weiße Schauspieler_innen einnehmen.

Neben dem Independentkino und kleinen Studioproduktionen wie Moonlight liegt die große Chance für diesen Wandel, wie dieser Tage so häufig, im seriellen Erzählen der Fernsehsender und Streamingdienste. Die finanziellen Risiken sind geringer, die weltweiten Zuschauerzahlen enorm, wenn eine Serie beim Publikum ankommt. Vielleicht war die Enttäuschung vieler Fans über Marvels jüngste Comicadaption Iron Fist ja deshalb so groß. Hier nimmt die Kritik nun aber seltsame Züge an. Denn die Hauptfigur der Vorlage, Danny Rand, ist weiß. Mit Colleen Wing steht ihr zudem eine schlagkräftige Asiatische Amerikanerin zur Seite. Weil Rand jedoch ein Meister der asiatischen Kampfkunst ist, sahen Fans die Chance gekommen, einem asiatischstämmigen Amerikaner die Hauptrolle zu geben. Dass die Fans nun bereits deshalb protestieren, weil sich die Macher zu genau an die Vorlage halten, zeigt das Dilemma, in dem die Diskussion mittlerweile steckt.

Eine Folge von Aziz Ansaris (Parks and Recreation) und Alang Yangs Netflix-Serie Master of None bringt das Problem ironisch auf den Punkt. Ansari, der darin als Dev Shah eine Version seiner selbst spielt, ist zu einem Casting für eine Sitcom eingeladen. Obwohl Dev und sein Kollege Ravi (Ravi Patel) den Produzenten überzeugen, kommen zwei indischstämmige Charaktere für lediglich drei Rollen nicht infrage. Im Anschluss nutzt Dev eine rassistische Bemerkung des Produzenten, um ein Engagement zu erpressen, bevor der Produzent unvermittelt stirbt und die Sitcom ersatzlos gestrichen wird. Auf die gegenwärtige Situation übertragen, bedeutet das: Der Großteil der Kritik am Whitewashing ist berechtigt, weil die festgefahrenen Strukturen in der Medienbranche Minderheiten, ob bewusst oder unbewusst, diskriminieren. Manchen Kritikern dieser Strukturen scheint aber jedes Mittel recht, um eine (noch schnellere) Veränderung moralisch zu erpressen.

Welch verquere Gedanken sich Filmemacher mittlerweile machen, um nicht in die Rassismusfalle zu tappen, zeigt ein Blick hinter die Kulissen der Comicverfilmung Doctor Strange (2016). Auch der wurde für sein Whitewashing kritisiert, weil ein tibetischer Lehrmeister aus der Vorlage zu einem keltischen Mystiker gemacht wurde, den Tilda Swinton spielt. Regisseur Scott Derickson verteidigte seine Entscheidung auf der Londoner Pressekonferenz des Films. Dort wies er darauf hin, dass bereits der Charakter der Vorlage klischeebehaftet gewesen sei. Letztlich habe er weder dieses Stereotyp noch das der Dragon Lady, einer verführerischen, aber nicht vertrauenswürdigen asiatischen Frau, oder das vom Traumgirl eines jeden Fanboy bedienen wollen. Für eine klischeefreie asiatische Figur fehlte wohl die Fantasie.


(Bild aus Doctor Strange; Copyright: The Walt Disney Company Germany GmbH)

Dass Produzenten sich nicht sklavisch an das Original halten müssen und Klischees dennoch vermeiden können, hat bereits eine andere Comicadaption fürs Fernsehen gezeigt. In Preacher des Senders AMC, die in Deutschland exklusiv bei Amazon Prime zu sehen ist, spielt Ruth Negga eine der drei Hauptrollen. In Garth Ennis' und Steve Dillons Vorlage war deren Figur Tulip O'Hare, ganz anders als Negga, noch ziemlich blond und ziemlich weiß. Gestört hat die Änderung niemand.

So überzogen die Kritik an Iron Fist also auch sein mag, sie macht deutlich, dass in einem nicht unbeträchtlichen Teil der westlichen Gesellschaften etwas gärt, sich viele Minderheiten nicht repräsentiert und adäquat abgebildet fühlen. Viel wichtiger als ein asiatisch-amerikanischer Superheld in einer drittklassigen Comicadaption wie Iron Fist sind deshalb klischeefreie Alltagsnarrative. Film und Fernsehen dürfen den Asian American nicht länger nur als Taxifahrer, als Terroristen, als Nudelshopbetreiber oder als schlechten Autofahrer zeigen. Sie müssen ihn nicht nur als Stichwortgeber und billigen Gaglieferanten in Nebenrollen begreifen, sondern als all das, was jede Minderheit nach mehreren Generationen in der Fremde längst ist: Lehrer, Ärzte, Anwälte, Richter, Politiker und Polizisten, Mütter, Väter, Töchter und Söhne und ja, auch Liebende. Wo sind die asiatisch-amerikanischen Protagonisten einer Romantic Comedy, für die die Teens und Twens dieser Welt schwärmen?

Diese Veränderung findet bereits statt, braucht aber länger als erhofft. Bereits Mitte der 1990er stieß Margaret Cho mit ihrer Sitcom All-American Girl, der ersten mit einem rein asiatisch-amerikanischen Cast, die Tür weit auf. Hindurchgegangen sind nur wenige. Bis zu Fresh off the Boat (seit 2015), der nächsten Sitcom über Asian Americans, sind nämlich zwei Dekaden vergangen. Und selbst im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts sind die Klischees nicht totzukriegen. So besorgt beispielsweise Kunal Nayyars Charakter Raj Koothrappali in The Big Bang Theory (seit 2007) als Inder mit Akzent immer noch die gleichen Lacher wie seit bald 30 Jahren Kioskbetreiber Apu Nahasapeemapetilon in der Zeichentrickserie Die Simpsons.

So verwundert es kaum, dass viele der erfolgreichen Asian Americans ihre Projekte einfach selbst produzieren und schreiben. Neben Ansari gilt das etwa für Mindy Kaling (The Office), die nicht nur eine gefragte Synchronsprecherin für Animationsfilme wie Alles steht Kopf ist, sondern mit The Mindy Project seit 2012 ihre eigene Sitcom hat, in der sie eine Gynäkologin in einer Gemeinschaftspraxis spielt. Auch Ken Jeong, der in Hangover (2009) noch einen klischierten Verbrecher und in der Serie Community (2009-2015) einen unsteten Lehrer mit Hang zum Intrigantentum geben musste, spielt mit der Hauptrolle in Dr. Ken mittlerweile einen Mediziner.

Es muss also ein Marsch durch die Institutionen her; mehr Schauspieler wie Kaling, Jeong und Ansari, die mit erfolgreichen Nebenrollen zu so viel Geld und Einfluss gelangen, dass sie sich ihre eigenen Hauptrollen schreiben und von einer anderen, bunteren Welt erzählen können. In dieser Welt dürfte dann auch die Diskussion, wer die Hauptrolle in der Verfilmung eines japanischen Comics übernimmt, keine Rolle mehr spielen. Bis es soweit ist, muss weiter darum gestritten werden.

(Falk Straub)

Bisherige Kommentare

(Anzeige: 1 von insgesamt 1)
Von: TaiFei am: 15.05.17
Leider fehlt im Artikel völlig noch die historische Komponente. Gerade Kalifornien hat sich eben lange Zeit für seinen Rassismus gegen asiatisch-stämmige Einwanderer hervorgetan. Hier wäre z.B. die doch recht bekannte Darstellerin Anne May Wong (S....-Express) als Bsp. anzuführen. PS: Wieso darf ich hier nicht den Titel des Filmes nennen?