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16 27/01

Sammeln für Fortgeschrittene – Der wundersame Aufstieg der Mediabooks

Weg von haptischen Medien, hin zu Festplatten und Streaming-Plattformen. Die aktuelle Entwicklung der heimischen Filmrezeption ist so offensichtlich, dass sie eigentlich keines Widerspruchs bedarf. Und dennoch gibt es ein kleines gallisches Dorf, das dem allgemeinen Trend nicht nur entgegenläuft, sondern ihm auch noch einen Goldrand hinterherwirft. Das mit Volldampf neue Veröffentlichungen auf den Markt bringt und dazu stolze Preise aufruft, die früher nicht mal für Laserdiscs gezahlt wurden. 110 Euro für einen Film? Aber klar doch. Es ist ja ein Mediabook.


(Unboxing von Don't Torture a Duckling; YouTube / Christian Koch)

Genauer: Ein Mediabook von Don't Torture a Duckling, veröffentlicht von 84 Entertainment. Enthalten sind hier der Film auf Blu-Ray und DVD inklusive eigens angefertigter deutscher Synchro, ein Audiokommentar, ein 84-seitiges Buch, diverse Trailer, Vor- und Abspänne, eine Slideshow, drei Postkarten, ein Poster, ein Zertifikat (?), eine Überraschung (??) und ein Vorher-Nachher-Bildvergleich. Als Verpackung dient ein Leatherbook mit Echtleder, Tief- und Goldprägung und einer Holzschublade mit Messinggriff.

Das Mediabook von Don't Torture a Duckling ist die vorläufige Spitze einer Entwicklung, die 2009 mit Veröffentlichungen von Capelight (The Fall, Feuer und Eis), Illusions (Doomsday) und NSM Records (Der blutige Pfad Gottes) ihren Anfang nahm. Den sinkenden Verkaufszahlen bei haptischen Medien wurde mit einer Aufwertung der Verpackung und einer stärkeren Orientierung auf die Sammlernische begegnet. Als Basis dient, wie schon der Name sagt, die Präsentation in Buchform, ab und zu verbunden mit einem alternativen Cover. Innen befinden sich dann ein kleines Booklet, die Blu-Ray und die DVD des Films.

Im besten Fall machen Mediabooks einen wertigen Eindruck, gerne verstärkt durch neues Bonusmaterial, eine stark limitierte Auflage und eine Preisgestaltung um die 30 Euro. Nicht kleckern, sondern klotzen. Völlig konträr zur allseits beliebten "Geiz ist geil"-Mentalität gilt bei Mediabooks genau das Gegenteil, solange denn nur Exklusivität transportiert wird. Nicht selten prangen solch kuriose Schriftzüge wie "Limited Collector's Edition Full Uncut Version Mediabook" auf der Rückseite, gerne ergänzt mit einer handgeschriebenen Seriennummer. Die beliebteste Limitierung einer Auflage ist selbstverständlich 666 Stück.

Warum? Weil das Horrorgenre im Mediabook-Bereich sehr stark vertreten ist. Und auch wenn inzwischen selbst Majors auf diesen Zug aufgesprungen sind, bleiben die Basis dennoch klassische Rübe-ab-Titel, zu einem guten Teil aus bereits vergangenen Jahrzehnten. Das Phänomen des gemeinen Horrorfans, der sich lieber die zehnte Veröffentlichung von Tanz der Teufel kauft, als mal einen neuen Titel zu probieren, ist nach wie vor präsent und erhält nun sogar die passende Begründung: "Ist doch jetzt so schön verpackt. Hat doch jetzt neue Extras. Und die verschiedenen Cover-Varianten brauche ich sowieso alle."

Jawohl, verschiedene Cover-Varianten – was sicher auch den verschiedenen Geschmäckern der Käufer geschuldet ist, aber vor allem den Umsatz weiter ankurbeln soll. Denn anscheinend gibt es etliche Sammler, die nicht nur jede einzelne Veröffentlichung ihrer Lieblinge besitzen wollen, sondern auch noch alle angebotenen Artworks. Zwei bis vier Cover-Varianten sind absolut üblich, und wenn sich ein Label mal richtig ins Marketing-Zeug legt, kommen sogar sechs Kauf-Optionen raus. Als Paradebeispiel gilt hierfür Dawn of the Dead von XT Video, die sich die unterschiedlichen Fassungen des Films vorgeknöpft und zu jedem der drei Cuts (US, Argento & "extended version") jeweils zwei "streng limitierte" Mediabooks herausgebracht haben.


(Dawn of the Dead US-Limited-Edition; Copyright: XT Video)

Bei einer solch forschen Auswertungsstrategie erlaubten sich selbst ergebene Romero-Fans die Feststellung, dass ein Mediabook mit allen drei Fassungen wesentlich angebrachter gewesen wäre. Und legten wahrscheinlich gleich danach sechsmal 30 Euro auf den Filmbörsentisch. Weil der Film doch jetzt so schön verpackt ist. Und der Titel einfach so stark ist, dass der stramme Abzock-Geruch, der sich zunehmend seinen Weg durch den Mediabook-Wald bahnt, noch nicht die Wucher-Synopsen im Gehirn erreichen konnte.

Denn natürlich, wenn ein grundsätzlich positiv zu sehender Fanservice Erfolge trägt, geht die Produktion in die unausgegorene Breite. Die Exklusivität lässt dadurch nach, der gefühlte Mehrwert weicht vorsichtiger Skepsis und alle möglichen Bootlegs tauchen natürlich auch auf. Braucht es von Inside wirklich vier verschiedene Cover-Varianten, hinter denen sich keinerlei neue Erkenntnisse gegenüber anderen Veröffentlichungen verbergen? Warum gibt es den Film überhaupt auf Blu-Ray, wo doch gar kein HD-Master vorhanden ist? Und warum muss man eigentlich immerzu die DVD mitkaufen?


(Inside Limited Collector's Edition; Copyright: NSM Records)

Die offizielle Erklärung hierfür ist, dass es ja immer noch Leute gibt, die keinen Blu-Ray-Player haben, aber trotzdem Geld für Mediabooks ausgeben wollen. Ab und an kann diese Aufteilung sogar Sinn ergeben, wenn wie zum Beispiel bei Das Schweigen der Lämmer die Blu-Ray nur den Film enthält und die Extras dann von einer früheren DVD-Veröffentlichung beigepackt werden. Doch meistens läuft das unter Vorgaukeln von Mehrwert. Gibt es diese Leute denn wirklich, die sich klar auf Aficionados zugeschnittene Mediabooks kaufen und dann nur die DVD einlegen?

Die Grenze zwischen super und Abzocke ist hier sehr schmal, wobei der persönliche Geschmack natürlich ganz eigene Bewertungsmaßstäbe anlegen kann. Dass die Filmbörsen, die ganz vorzüglich als Gradmesser für die Fan-Meinung dienen, inzwischen vor lauter Mediabooks kaum noch Platz für "normale" Veröffentlichungen finden, beweist immerhin die arrivierte Popularität dieses Formats. Die Verleiher bekommen damit eine zusätzliche Einnahmequelle, die Händler trotzen der Abkehr vom Physischen und die Kunden dürfen ihren Sammlerdrang ausleben. Win-Win, zumindest in der momentanen Balance.

Und zumindest mit einer doch eher speziellen Kundschaft, die in ihren Hardcore-Auswüchsen die Form völlig selbstverständlich über den Inhalt stellt oder einfach so viel Verstrahlung absondert, dass man schon fast zusammenzuckt. Die dazugehörigen YouTube-Videos, die in aller Ausführlichkeit verschiedene Cover und beigelegte Postkarten analysieren, verweisen auf eine vom geläufigen Filmgeschehen weitgehend abgetrennte Parallelwelt. Das Diskussionsthema des Abends: Braucht es von Tanz der Teufel 2 wirklich drei neue Mediabooks mit zwei Blu-Rays und einer DVD, die vor allem damit werben, eine um gut zwei Minuten verlängerte "extended version" an Bord zu haben?

Die Antwort: Nein – aber vorbestellt sind sie natürlich trotzdem. Die zwei Minuten reißen es einfach raus, genauso wie die stundenlangen Extras, die das Gefühl von Wertigkeit ebenso befeuern wie zum Beispiel die Holzbox plus Flaschenöffner bei Halloween von Inked Pictures. Neben etlichen Verleihern, wie zum Beispiel Wicked-Vision, Subkultur oder Capelight, die mit offensichtlicher Sorgfalt und hohem Qualitätsbewusstsein zu Werke gehen, tummeln sich inzwischen auch einige Anbieter, deren Agenda von der Ausreizung der Gewinnspanne getrieben wird. Wenn durch einen Flaschenöffner der Kaufpreis um 10 Euro nach oben gesetzt werden kann, dann ist das für das Label einfach ein sinnvoller Deal. Wie gut, dass Masse bedeutend weniger relativ eingeschätzt werden kann als Klasse.


(Halloween Mediabook; Copyright: Inked Pictures)

Dass der Mediabook-Segen trotz solchen Schabernacks noch anhalten wird, steht allerdings außer Frage. Die Win-Win-Situation befruchtet sich quasi selber, das Vorbild Musikbranche kultiviert seit Jahren einen ähnlichen Fan-Service und so Leute wie Monsieur Playzocker wird es wahrscheinlich immer geben. Eigentlich muss man sich nur einmal eines seiner Videos ansehen, dann ist das Mediabook-Universum in seiner ganzen enigmatischen Vielfältigkeit umfassend erklärt. "Ganz unten rechts gibt es noch eine Leiche im Bild". Ah ja. Dann wäre eigentlich alles gesagt.

(Martin Beck)