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15 29/01

Saarbrücken spricht Schwyzerdütsch - Zum Langfilmwettbewerb des 36. Filmfestival Max-Ophüls-Preis

Am vergangenen Wochenende ging das 36. Filmfestival Max-Ophüls-Preis, das wichtigste Nachwuchsfestival für den deutschsprachigen Film, zu Ende - ein guter Grund für uns, einen genaueren Blick auf den Langfilmwettbewerb des Festival zu werfen: Bernd Zywietz hat für uns alle Filme geschaut und widmet sich heute und morgen ausführlich dem, was da in Zukunft auf uns zukommt.

(Die Preisträger des 36. Filmfestivals Max-Ophüls-Preis 2015, Foto: Sebastian Woithe)

Von Chriegsgewinnern und Chriegsverlierern bis hin zu "Wer hat's gewonnen?", gesprochen im dialektalen Zungenschlag der Ricola-Werbung, reichten die Kalauer, die nach der Preisverleihung beim 36. Filmfestival Max-Ophüls-Preis (kurz: MOP) im Saarbrücker E-Werk kursierten. Zumidnest wenn man nach den dort ausgezeichneten Filmen im Langfilmwettbewerb geht, kam das nicht von ungefähr. Denn dort wurden in diesem Jahr vor allem Werke aus der Schweiz ausgezeichnet wurden, deren Dialoge einer Untertitelung bedurften, so sie nicht dazu teils kroatisch waren.

Das ist natürlich nicht schlimm, höchstens ulkig, und hat mit Nationalismus oder dergleichen nichts zu tun. Angesichts der handwerklich ausrutscherfreien Qualität aller sechzehn Wettbewerbskandidaten war es freilich eine Überraschung, dass sich (bis auf einen ebenso beredt doppelt gekürten deutschen Film) praktisch alle Langfilm-Prämierungen auf Beiträge aus der eidgenössischen Alpenrepublik konzentrierten. Alle dieser Entscheidungen waren zwar nachvollziehbar und berechtigt, nicht jedoch zwingend. Mögen es Paranoiker mit der Franken-Krise zusammenbringen.

Der Haupt- bzw. Max Ophüls Preis ging dieses Jahr an Chrieg (2014) von Simon Jaquemet, zudem wurde dessen Hauptdarsteller Benjamin Lutzke zum besten Nachwuchsschauspieler gekürt. Mit seinen zunächst ruhigen, bisweilen statischen Einstellungen gemahnt die Geschichte des trägen, maulfaulen Teens Matteo (Lutzke) in der Auftaktbeschreibung seines Familienlebens und Zuhauses an einen Ulrich-Seidl-Film. Die übergewichtige Mama hat ein Baby, gibt es dem Buben an die Brust, der Papa ist ein Freund der Körperertüchtigung, dem der Sohn zu lasch daherkommt. Matteo selbst lässt sich treiben, weiß nicht, was er nach dem (nahem) Schulende mit sich und dem Leben anstellen soll. Verscherbelt seine Psychopharmaka an Bahnhofsjunkies, bringt eine dunkelhäutige Prostituierte nach Hause (die sich unangenehm mit dem Papa anlegt, der sie vor die Tür setzt). Klaut das Geschwisterchen aus dem unbeobachtet vor dem Haus geparkten Kinderwagen, stolpert und stürzt beim Gang durch den Wald mit dem Säugling (bzw. auf diesen drauf). Zur Entschuldigung kocht er für die Eltern. Pommes.


(Bild aus Chrieg, Copyright: hugofilm)

 

Dann aber geht`s los: In einer Nacht-und-Nebel-Aktion wird Matteo aus dem Bett in einen Kleinbus und auf eine entlegene Alm verfrachtet. Eine Erziehungsmaßnahme, kein Handy, kein Internet, nur harte Arbeit zwecks Charakterstärkung und Ermannung auf dem bestenfalls rustikal zu nennenden Alpenhof. Dort hat jedoch nicht (mehr) der alkoholfreudige Hanspeter das Sagen, sondern ein kahlrasierter Kerl (Ste). Zusammen mit den zwei anderen "Erziehungszöglingen" drangsaliert er den Neuankömmling übelst, sperrt ihn in einen Käfig in der dünnluftigen Kälte, kettet ihn an. Bellen muss Matteo, soll Scheiße fressen. Schließlich aber wird er in die Gruppe aufgenommen ist, bekommt die grünen Haare abrasiert, lernt das Boxen. In der kalten urnatürlichen Landschaften wie bei ihren Ausflügen in die Großstadt toben sich die Kids aus, gehen wenig zimperlich mit sich und dem Rest der Welt um. Freiheit bedeutet Aggression, physische und verbale Gewalt.


(Clip aus Chrieg)

Wuchtig, intensiv und konzis gerät der Film in seinen Erzähl- und Gestaltungsmitteln, nutzt vortrefflich die karge Natur wie die grimmige Präsenz der ungelernten Schauspieler. Und bei aller kühler Schonungslosigkeit und Unmittelbarkeit ist Chrieg kein forciertes Feel-Bad-Movie. Aber das Interesse und die Anteilnahmen an den Wilden Kerlen in Kapuzenpullis mit ihrem Machtgehabe, dem Beschimpfen als "schwul" etc. erkauft sich der registrierende Film - der sonst selbst ebenso sprachlos bleibt wie seine rebellischen, grundärgerlichen Protagonisten - mit verschämter Rettung ins sozialpädagogisch Bewährte. So kann Chrieg letztendlich quasi nicht anders als Matteo und seine Freunde als verlorene, von den Erwachsenen im Stich gelassene Jungmenschen zu charakterisieren und sie so gegen die eigene Asozialität in Schutz zu nehmen, kann nicht anders als zu zeigen, dass und wie sie ja gar nicht so schlimm im Wesenskern sind, die Racker. Der Ansatz einer zarten Liebe zwischen der "Lesbe" Ali (eindrucksvoll: Ella Rumpf) und Matteo. Das Nobelheim von Alis Bürger-Eltern wird aus Frust und Zorn demoliert. Ein süßes Zicklein gestreichelt. Sei`s drum. Nicht zuletzt mit seinem pessimistisch-sanften, dann gottlob wieder eher beiläufig symbolstarken als moralischen Finale ist Chrieg ein nachhallendes brachiales Stück Kino, dessen Inhalt bemerkenswert in seinen Bildern und Motiven aufgeht.

 

Der zweite helvetische Abräumer des MOP, Driften, setzt ebenso auf bekannte Erzählansätze, Plot- und Figuren(konflikt)-Konstellationen. Überhaupt zeichnete sich das Programmangebot 2015 durch ein bemerkenswertes Bewusstsein um die eigenen Konventionen, auch die darin lauernden Sterotype der jeweiligen Story, der Themen und Dramaturgien, des Erzählens und Bebilderns aus. Entsprechend kreativ und dabei entspannt begegneten die Nachwuchsfilmemacher - vielleicht dank ihres spürbar erhöhten Altersdurchschnitt - Standards und Fallstricken all der hiesigen Deutschfilm-Festival-Genres (das Historiendrama, die Homosexualitätskomödie, Gesellschaftsproblemfilm, Coming-of-Age, urbaner Selbstverwirklichungskunstquatsch etc.), die auch 2015 durchaus vertreten waren. Wobei ihnen eben oftmals frische Aspekte oder Perspektiven, en détail wie im Großen und Ganzen, abgewonnen oder Position ihnen gegenüber eingenommen wurden.


(Bild aus Driften, Copyright: vincafilm)

Driften, also, von Karim Patwa (CH 2014), kommt mit bewährter Schuld-und-Sühne-Idee daher, mit der (und für die?) der Film in Saarbrücken nicht nur mit der Auszeichnung der saarländischen Ministerpräsidentin sowie der Ökumenischen Jury, sondern auch mit dem Fritz-Raff-Preis fürs beste Drehbuch geehrt wurde. Wie von Christian Petzolds Wolfsburg bis Mike Cahills Another Earth so oder ähnlich bekannt, geht es um den jungen Robert (zurückgenommen und beeindruckend: Max Hubacher), der im Gefängnis einsaß, weil er bei seiner Leidenschaft, dem illegalen Autorennen, genauer: der Rase-Lust, das Kind von Alice (einmal mehr bestechend: Sabine Timoteo) totgefahren hat. Frisch entlassen, versucht Robert nun wieder Fuß zu fassen, beginnt eine Ausbildung in einer Autowerkstatt - und beobachtet die Frau aus der Ferne. Halb durch Zufall, halb gesucht lernt er sie kennen. Beginnt eine Beziehung. Wobei - natürlich - Alice zunächst nicht weiß, wen sie da vor sich hat.


(Trailer zu Driften)

Einmal mehr und wie so oft liegt die Güte bei Driften nicht im Was, sondern im Wie: Behutsam wie mit großen Schritten kommt der Film daher, nimmt sich Zeit; es vergeht die die erste Hälfte, bis sich Alice und Robert annähern. Oder angenähert haben - denn: der Film getraut sich bemerkenswerte Auslassungen, nicht nur, was die konkrete Vorgeschichte anbelangt oder Alices Identität, ihre Bedeutung für Robert. Patwa verweigert zunächst die Vorgeschichte, lässt erst mal offen, wer diese Alice ist und was Robert mit ihr zu schaffen hat, mag aber nicht aufs gewohnte Plotpotenzial verzichten.


(Bild aus Driften, Copyright: vincafilm)

Klar, Driften kreiert so spannungsreiche wie unter die Haut gehende Momente vor allem des heiklen Abhängigkeitsverhältnis zwischen der seelisch mürben Frau und dem nicht zuletzt daran schuldigen, bußbedürftigen jungen Mann. Eindringlicher Höhepunkt: wenn Alice als (Englisch-) Lehrerin und Robert als ihr Schüler nicht nur ihre eigenen inneren Positionen ob der Tat und dem Leid zur Sprache bringen (können), sondern (oder dafür) die eigenen Rollen in Sachen Schuld und Sühne vertauschen (müssen). Der Film bedient sich jedoch auch des miesen Ex-Raser-Kumpans als Antagonisten oder bringt den altbekannten Suspense-Moment, wenn Alice durch Zufall Roberts wahre Identität entdeckt, wovon Robert selbst wiederum just nichts ahnt. Aber es macht Driften daraus das Beste, etwa indem er oftmals quasi eben im weitesten Sinne "nichts" damit macht, wider Erwarten den Augenblick in der Luft stehen, vorüberziehen lässt. Patwa nutzt das Wissen und die Erwartung der Zuschauer, um großartige Szenen zu kreieren und, mehr noch, um zum Schluss hin auf den Gesamtplot bezogen immer elliptischer, fragmentarischer zu erzählen, die Perlen auf der Schnur auseinanderzuziehen, um schließlich wie mit Axthieb gekonnt offen zu enden und sich alles Gravitätische zu versagen.

 

Anders gestrickt der schweizerisch-kroatisch-bosnische Cure - Das Leben einer Anderen (2014) von Andrea Štaka: von Ferne besehen eine wilde Mixtur, bildet der Film keine wüste Soße, sondern eine so merkwürdige wie berückende Vielschichtigkeit, in der die Lagen ganz wunderbar zusammengehen, ohne zu zerfließen. Die Handlung beginnt unwirsch: Im Dubrovnik des Jahres 1993, kurz nach dem Bürgerkrieg, fühlt sich die 14-jährige Linda (eindrucks- u. energievoll: Sylvie Marinković in ihrer ersten Rolle), die in der Schweiz aufgewachsen ist, heimisch und fremd zugleich. Der Vater arbeitet als Arzt in Krankenhaus, sodass sie sich meist die Zeit allein vertreiben muss. Bei einem Spaziergang mit ihrer Klassenkameradin Eta (Lucia Radulović) schubst Linda diese von der Klippe. Warum sie das genau tut, bleibt ebenso unerklärlich wie von der schieren Atmosphäre des Films her irgendwie stimmig, denn der irisierende, flirrende Cure selbst bringt eigentümlich Konkrete mit Gespenstischem, leicht Surrealem zusammen. So hält man als Zuschauer Lindas Tat zunächst für eine Phantasie, denn prompt steht Eta wieder neben ihr - doch die Freundin ist tatsächlich tot, erscheint Linda in unaufgeregter Weise als Geist (oder doch als Heimsuchung in der Vorstellung?). Von der Großmutter, die mit der abweisenden Mutter der Toten zusammenlebt, nimmt Linda den Platz der Enkelin ein, auch der ältere Verehrer Etas bemüht sich um sie.


(Trailer zu Cure - Das Leben einer Anderen)

Das pittoreske Dubrovnik mit seiner verwinkelten Seefahrer-Idylle zeichnet Štaka als leicht morbiden Ort mit leichten Zügen eines Tod-in-Venedig-Venedigs, in dem unaussprechliche Geschichten und wortlose Erinnerungen vom Bürgerkrieg nachwehen und sich mit einer sanft entrückten La Boum-Stimmung verquicken. Cure (gesprochen: "sure") - Kroatisch für "Mädchen", aber für die Regisseurin ebenfalls als das Englische "cure", Heilung, auffassbar - besichtigt leichten Schrittes träumerisches Dahintreiben in handfesten Bildern als Grenzwandeln zwischen Kindheit und Frausein hier, zwischen verschiedenen Kulturen und Heimaten (Schweiz u. Kroatien) dort, alles mit jeweiligen unterschiedlichen Sprachen und Sprach(un)vermögen. Das Ergebnis ist sehens-, mehr noch: erlebens-, erkundens- oder erspürenswert. Die Auszeichnung mit dem Preis für den gesellschaftlich relevanten Film beim MOP gerät da fast zu gewichtig und einengend - einen Preis, den Cure mit unaufgeregter Eleganz trägt und zugleich beiläufig hinter sich lässt.


(Bild aus Cure - Das Leben einer Anderen, Copyright: Okofilm)

 

Ein weiterer Beitrag aus der Schweiz war der französischsprachige Confusion (2014) von Laurent Nègre, satirischer Politthriller in Form einer Mockumentary, der irgendwo zwischen Armando Iannuccis famoser britischer Serie The Thick of it bzw. dem daraus abgeleiteten Spielfilm In the Loop (2009) sowie - was den Einbezug der Filmenden anbelangt - Rémy Belvauxs, André Bonzels und Benoît Poelvoordes Mann beißt Hund (C`est arrivé près de chez vous, B 1992) nicht recht zu eigener, geschweige denn bissiger Größe findet: Zwei Filmstudenten begleiten die Genfer Ministerin, die am kleinen Belper Flugplatz bei Bern einen tartarischen Ex-Guantanamo-Häftling in Empfang nehmen soll, dem die Schweiz Asyl gewährt. Zwischen den Amis auf der einen Seite, vor allem aber einen einheimischen Geschäftsmann und Abgeordneten sowie einem chinesischen Abgesandten, dem die Aktion nicht ins symbolpolitische Regimekalkül passt, entwickelt sich eine Intrige samt Erpressung, gepaart mit einem Blick ins diplomatische Mauschelgeschäft schlechthin. Bei allen Dicht-dran-Wackelbildern bleibt der Film fern, aufgrund der dünnen Charaktere wenig spannend, stellenweise allzu geskriptet und vor allem der brisante politische Thema seltsam beiläufig und irrelevant (was die begleitende engagierte Website der fiktionalen Dokumentaristen zu einem schönen und wichtigen, auf das Hauptwerk bezogen aber ungeeigneten Beiprodukt transmedialen Erzählens werden lässt). Intelligent-sarkastische Idee allerdings ist, zum Ende der Geschichte in der politischen Taktik die "authentischen" Beleg-Bilder selbst, allerdings manipuliert und instrumentalisiert - somit darüber den gesamten Film selbst - zu reflektieren. Auch die räumliche Konstruktionserfahrung des Provinzflughafens als Handlungsort hat ihren eigentümlichen Reiz.


(Trailer zu Confusion)

 

Deutlich geglückter ein weiterer eidgenössischer Wettbewerbsbeitrag: Claudia Lorenz Unter der Haut (2015), in der die von Ursina Lardt intensiv verkörperte Alice, Mutter von drei Kindern, nach achtzehn Jahre Ehe entdecken muss, dass ihr Mann (Dominique Jann) eigentlich schwul ist. Wie die Protagonistin zunächst versucht, sich damit zu arrangieren, die Form und Fassung zu wahren, wie die Ehe nach und nach zerbricht und Alice schließlich den Boden unter den Füßen verliert, das wird von Lorenz und ihrer Kamerafrau Jutta Tränkle bei aller Dramatik elegant inszeniert und erzählt. Allein, dass und wie ein großer Teil des Films im erweiterten Schlafzimmer als "dritter Hauptfigur spielt, ohne dass diese Einengung schematisch oder auch nur wirklich sonderlich bewusst würde, besticht.


(Trailer zu Unter der Haut)

Der Teil 2 unserer Rückschau, der sich dann den deutschen Filmen widmet, folgt morgen.

(Bernd Zywietz)