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Quo vadis, deutsches Genrekino?

Ist der Patient schon tot? Befindet er sich auf dem Weg der Besserung? Oder dämmert er in komatösem Zustand vor sich hin? Seit geraumer Zeit geistern diese Fragen durch die deutsche Filmlandschaft, wenn es um düsteres, mysteriöses und fantastisches Leinwandschaffen geht. Nur selten machen heimische Produktionen auf sich aufmerksam, die dunkle Abgründe erkunden, Angst und Schrecken verbreiten oder mit der Furcht vor einer ungewissen, technikfixierten Zukunft spielen. 


(Trailer zu Mara und der Feuerbringer)

Ein bedauernswerter Zustand, der kürzlich auf einem vom Filmbüro Nordrhein-Westfalen veranstalteten Symposium in Köln eifrig diskutiert wurde. Unter der Überschrift "Von Caligari bis ins finstere Tal: Der neue deutsche Genrefilm - Wunschdenken oder Realität?" kamen am 10. Dezember im Filmforum NRW Fachleute und Branchenkenner zusammen, um sich auszutauschen und Lösungsstrategien zu erörtern. Eine Tagung, die spannende Einblicke lieferte, amüsante Anekdoten zu bieten hatte, manchmal aber auch allzu fahrig geriet und am Ende vor allem zwei Erkenntnisse hervorbrachte: Die Probleme sind vielgestaltig, und ein Allheilmittel ist nicht in Sicht. 

Wie kann es sein, dass Komödien und Historienstoffe in schöner Regelmäßigkeit Erfolge feiern, während fantastisch geprägte Genrefilme - gemeint sind Horror, Thriller, Mystery und Science Fiction - allenfalls ein Nischendasein fristen? Ein wichtiger Grund für die Misere, das zog sich durch alle Wortbeiträge, ist das handfeste Desinteresse des Publikums, das düstere Kinoproduktionen deutscher Provenienz per se abzulehnen scheint. Sehr anschaulich und unterhaltsam beschrieb Tommy Krappweis die Erfahrungen, die er noch vor der Veröffentlichung seines Kassenflops Mara und der Feuerbringer sammelte. "Ein deutscher Fantasyfilm kann nur scheiße sein" war - das musste der eloquente Regisseur und Drehbuchautor ernüchtert feststellen - der Tenor in vielen Online-Kommentaren. In eine ähnliche Kerbe schlug Fantasy-Filmfest-Organisatorin Frederike Dellert, die den allgemein geringen Anteil deutscher Produktionen im alljährlichen Festivalprogramm auch mit einer eher negativen Publikumshaltung begründete. 

Dass die Vorurteile mit einer aufgestauten Frustration zusammenhängen, kam im Meinungsaustausch der Symposiumsteilnehmer allerdings zu kurz. Warum viele Zuschauer beispielsweise deutschem Horrorkino die kalte Schulter zeigen, jedoch bereitwillig in den US-Fließbandschocker Paranormal Activity: Ghost Dimension strömen, hat nicht nur damit zu tun, dass der amerikanische Film einer etablierten Marke angehört. Ein Publikum kann man vergraulen oder gar zerstören, wie es Medienwissenschaftler Gundolf S. Freyermuth während der etwas chaotischen Abschlussdiskussion treffend formulierte. Abneigung und Desinteresse fallen nicht vom Himmel, sondern wachsen über einen längeren Zeitraum heran, womit ein weiterer Punkt ins Blickfeld rückt: die filmische Qualität. 

Düstere und unkonventionelle Genrewerke, die auch international für Aufsehen sorgen konnten, lassen sich in den letzten 20 Jahren an zwei Händen abzählen. Tom Tykwers Lola rennt ist hier zu nennen. Oliver Hirschbiegels Gefängnisthriller Das Experiment, Dennis Gansels Schuldrama Die Welle, Tim Fehlbaums Horrorvision Hell und mit Abstrichen auch Christian Alvarts Serienkillerfilm Antikörper, der dem Genremeilenstein Das Schweigen der Lämmer zwar nicht das Wasser reichen kann, allerdings als deutsche Variation in weiten Teilen funktioniert. Erst kürzlich überraschten Filme wie Baran bo Odars schnittiges Hacker-Verwirrspiel Who am I - Kein System ist sicher, Andreas Prochaskas Alpenwestern Das finstere Tal und Sebastian Schippers viel gefeierter One-Take-Rausch Victoria. All diese Werke sind bislang nur Ausreißer, die leider immer wieder von vielen Querschüssen begleitet wurden. 


(Trailer zu Victoria)

Während der formelhafte Medizinschocker Anatomie immerhin hervorragende Besucherzahlen schrieb, dürften Slasher-Streifen wie der lieblos zusammengeschusterte Flashback - Mörderische Ferien keineswegs zu einer Aufwertung deutscher Horrorproduktionen beigetragen haben. Warum ausgerechnet Tape_13, eine einfallslose Kopie des Found-Footage-Stils aus The Blair Witch Project, skeptische Zuschauer überzeugen sollte, ist schlichtweg nicht ersichtlich. Allzu oft beschränken sich deutsche Filmemacher in ihren Thrillern oder Mystery-Werken darauf, US-Muster zu imitieren, anstatt innovative Geschichten mit eigenem Stil zu kreieren. So, wie es viele Kollegen im Ausland vorleben. Die Franzosen etwa sind international bekannt für ihre unnachgiebig-eindringlichen Terrorstreifen. Und das spanische Kino bringt immer wieder Geisterfilme hervor, die auf spannende Weise die Auswüchse des Katholizismus und die Traumata der Franco-Ära verhandeln. 

Im Gegensatz zu diesen Ländern fehlt es Deutschland an einer lebendigen Genrekultur, wie Huan Vu, ein Mitbegründer der recht jungen Bewegung des Neuen Deutschen Genrefilms, in seinen Ausführungen betonte. Ein trauriger Befund, wenn man bedenkt, dass gerade das hiesige Stummfilmkino mit seinen expressionistischen Schreckensvisionen eine Vorreiterrolle innehatte. Genau darauf spielt auch der Titel des Symposiums an, der Robert Wienes Klassiker Das Cabinet des Dr. Caligari als Fixpunkt deutscher Genrekreationen ausweist. Eine Tradition, die sich nicht allzu lange halten konnte. Zum einen, weil nach dem Aufstieg der Nationalsozialisten Filmkünstler wie Fritz Lang (Metropolis) nach Hollywood abwanderten. Zum anderen, weil die Regisseure des Neuen Deutschen Films der 1960er und 1970er Jahre eine bewusste Abkehr vom Unterhaltungskino propagierten. Wie schön wäre eine Welt, in der deutsche Filmemacher die reichhaltige Sagenlandschaft ihrer Heimat nutzbar machen würden? Etwa die Erzählungen der Brüder Grimm? Material für spannende Geschichten ist in jedem Fall vorhanden. 

Eine entscheidende Rolle im Teufelskreis der mangelnden Genrevielfalt spielt die skeptische bis abweisende Haltung der Fördereinrichtungen und Fernsehsender. Obwohl düstere Kinofilme durchaus Unterstützung finden, herrscht insgesamt ein großes Unbehagen vor. Darauf verwies in Köln unter anderem Paul Andexel, der als Mitveranstalter der sogenannten Genrenale von staatlicher Seite keine Hilfe für sein genrespezifisches Festival erhält. Dass es auch im Umfeld der TV-Anstalten nach wie vor zu wenig Begeisterung und Vertrauen gibt, wurde deutlich, als bei einer Diskussionsrunde spontan die Frage nach anwesenden Sendervertretern aufkam. Da WDR-Redakteur Frank Tönsmann kurzfristig absagen musste, hielt einzig der als Redner eingeplante Christian Cloos vom "Kleinen Fernsehspiel" des ZDF die Fahne der Fernsehabgesandten hoch. Eine enttäuschende, um nicht zu sagen beschämende Quote. 

Dass sich Verleiher und Produzenten angesichts eines gleichgültigen Publikums äußerst schwer tun, genrebegeisterte Filmemacher zu unterstützen, ist einerseits verständlich, da niemand sehenden Auges Verluste einfahren will. Andererseits waren sich die Teilnehmer des Symposiums gerade in einem Punkt durchweg einig: Um ein Umdenken einleiten und die deutschen Zuschauer wieder neugierig machen zu können, muss die Produktion von fantastisch geprägten Genrefilmen angekurbelt werden. Nur mit einem breit gefächerten Angebot, wie es in anderen Ländern existent ist, lässt sich ein nachhaltiger Gegentrend etablieren. Einzelne Leuchtturmproduktionen wie Who Am I - Kein System ist sicher, der dank seines hoch aktuellen Themas und seiner Star-Power mehr als 700.000 Zuschauer in die Kinos lockte, sorgen allenfalls für einen kurzen Ausschlag auf der Aufmerksamkeitsskala. Nicht aber für eine grundsätzlich neue Einstellung gegenüber deutschen Genrefilmen. 


(Trailer zu Who Am I - Kein System ist sicher)

Thematisiert wurde das zaghafte Engagement von Verleihern und Produzenten beim Kölner Symposium auch mit Blick auf den Bereich des Marketings. So führte Tommy Krappweis in seinem Vortrag zu Mara und der Feuerbringer aus, dass sein Fantasy-Spektakel auch deshalb nicht erfolgreich war, weil keine stimmige PR-Strategie entwickelt wurde. Gerade in Deutschland sei es, so das bayerische Multitalent, ungern gesehen, wenn man sich mit einem Film genretechnisch zwischen die Stühle setzt. Im konkreten Fall konnte die Verleihfirma nur wenig mit dem fertigen Produkt anfangen und wollte daher kein Geld für umfangreiche Werbemaßnahmen freigeben. Aufschlussreich waren ebenso die Hinweise von Huan Vu, der sich in seinem Beitrag nicht nur für Genrefilme mit besonderem Dreh (Stichwort: elevated genre oder Arthouse-Genre) starkmachte, sondern auch auf die Angst vor zu deutlichen Genrereizen einging. Beispielhaft stellte der junge Regisseur und Produzent die Kinoplakate des Psychodramas Tore tanzt und des österreichischen Horrorthrillers Ich seh, Ich seh in ihrer deutschen und amerikanischen Ausführung gegenüber. Während die hiesigen Werbebilder zurückhaltend-unbestimmt daherkommen, rücken die US-Pendants die unheimlichen Aspekte beider Filme unumwunden in den Mittelpunkt.

Trotz vieler Schwierigkeiten, die auf dem Symposium Erwähnung fanden, gab es auch Momente, die zarte Hoffnung auf eine bessere Zukunft machen. So ließ der Vortrag von Meelah Adams erahnen, dass uns gerade im digitalen Zeitalter nie gekannte Möglichkeiten der Vermarktung zur Verfügung stehen. Die Medienstudentin selbst konnte mit ihrer Abschlussarbeit, dem Kurzfilm Selfie from Hell, einen viralen Hit landen, der bei YouTube aktuell fast 15,5 Millionen Klicks erreicht hat. 

Einen bleibenden Eindruck hinterließ vor allem der Auftritt von ZDF-Redakteur Christian Cloos, dessen Vortrag ermüdend begann, mit zahlreichen Filmausschnitten dann aber Fahrt aufnahm und jedem Zweifler vor Augen führte, dass das "Kleine Fernsehspiel" im Rahmen seiner bescheidenen Möglichkeiten durchaus inspirierende Genrearbeit betreibt. Filme wie der Zombiestreifen Rammbock, das Science-Fiction-Gedankenspiel Transfer - Der Traum vom ewigen Leben, das Krimidrama Das letzte Schweigen oder die Psychothriller, die 2014 in der Reihe "Stunde des Bösen" (aktuell entsteht eine zweite Staffel, bei der ausschließlich Regisseurinnen zum Zuge kommen) gezeigt wurden, sind Belege für eine Leidenschaft an abgründig-eigenwilligen Genrestoffen. Erstaunlich war zudem, dass Cloos während der abschließenden Diskussionsrunde glaubwürdig Kritik am deutschen Fernsehen und am eigenen Sender übte und damit das übliche Redakteursbild widerlegte. TV-Menschen sind nicht in jedem Fall ideenlose Verhinderer, sondern können ebenso gut kompetente Genreeiferer sein. 

Lobenswert ist auch das Engagement der Produktionsschmiede Rat Pack, die in Köln durch Geschäftsführer Christian Becker und Produzent Benjamin Munz vertreten war. Ungeachtet herber Rückschläge werden in ihrem Haus regelmäßig fantastisch-düstere Genrefilme auf den Weg gebracht, die den deutschen Markt zumindest etwas bunter machen. Als Beispiele sind der Vampirfilm Wir sind die Nacht und die charmante, wenngleich innovationsfreie Splatter-Komödie Stung zu nennen, die auf einen vor vier Jahren öffentlich ausgeschriebenen Ideenwettbewerb zurückgeht. 


(Trailer zu Stung)

Dass aktuell ein zarter Aufbruch spürbar ist, belegen Werke wie der vielfache Lola-Gewinner Victoria, eigenwillige Genrekreuzungen wie Till Kleinerts Psychohorrormär Der Samurai oder die im Januar 2016 startende Kammerspielgroteske Der Bunker. Impulse, die sorgsam gepflegt werden müssen. Und allen Beteiligten etwas abverlangen. Dem deutschen Publikum, das bereit sein sollte, seine Vorbehalte abzubauen. Den Förderern und Fernsehschaffenden, die noch mehr Mut beweisen müssen. Den Drehbuchautoren, Produzenten und Regisseuren, die originelle, visuell eigenständige Geschichten vorantreiben sollten. Und freilich auch der Filmkritik, die couragierten und spannenden Genreerzeugnissen Raum für eine angemessene Auseinandersetzung geben muss. Nur wenn alle gemeinsam anpacken, ist eine neue Genreblüte möglich!

(Christopher Diekhaus)