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16 21/01

Pflaster für die Wunden: Die französische Anti-Rassismus-Komödie

In Frankreich ist wegen der Terroranschläge vom 13. November 2015 weiterhin der dreimonatige Ausnahmezustand verhängt. Die schrecklichen Ereignisse haben das Land verändert und das in Frankreich ohnehin schon ausgeprägte Rassismus-Problem noch verstärkt. In der ersten Runde der französischen Regionalwahlen im Dezember 2015 erlangte der Front National mit landesweit etwa 28 Prozent der Wählerstimmen den ersten Platz. Nur dank des Rückzuges von aussichtslosen Kandidaten der sozialdemokratischen Partei PS zugunsten der Republikaner (LR) konnte beim zweiten Wahlgang ein erneuter Sieg der rechten Partei verhindert werden.


(Die französische Nationalflagge; Copyright: stux / pixabay.com / CC0 Public Domain)

An Frankreichs Rassismus-Problem ändert der Wahlausgang jedoch nichts. In diesen für das Land schwierigen Zeiten lassen die Kinobesucherzahlen eine große Nachfrage nach Filmen erkennen, die sich auf humorvolle Weise mit der Rassismus-Thematik auseinandersetzen. Die französischen Kinogänger rezipieren diese Filme als Reaktion auf Fremdenhass und nutzen sie als unterhaltsames Mittel zur Ablenkung von den nationalen Problemen. In Deutschland werden die Komödien hingegen weitaus häufiger als rassistisch bewertet.

Den Auftakt der neuen Welle im französischen Kino bildete 2011 Olivier Nakaches und Éric Toledanos Ziemlich beste Freunde. Sowohl in Frankreich als auch in Deutschland wurde die dynamische Komödie zum Publikums-Hit. Die Erfolgsformel ist einfach und lässt sich folgendermaßen herunterbrechen: Man lasse die Wege eines Schwarzen und eines Behinderten sich kreuzen und kombiniere die Geschichte mit einer großen Portion Humor.

Im Jahr 2014 lieferte Philippe de Chauveron mit Monsieur Claude und seine Töchter eine weitere Sensation an den Kinokassen – und zwar nach einem ganz ähnlichen Muster. Dieses Mal traf der Humor auf einen Asiaten, einen Juden, einen Moslem und mehrere afrikanische Schwarze. Und mit Mademoiselle Hanna und die Kunst Nein zu sagen bringt das Kinojahr 2016 gleich zu Anfang ein neues Beispiel auf die deutschen Leinwände. Baya Kasmis Langspielfilm-Debüt bietet eine bunte Mischung aus den unterschiedlichsten sozialen Randgruppen und einer Extraladung Humor, ganz nach dem gängigen Erfolgsrezept der letzten Jahre. Woher rührt aber das starke Interesse des Publikums an diesen Feel-Good-Movies mit Quoten-Migranten?


(Bild aus Ziemlich beste Freunde; Copyright: Senator Filmverleih)

In Frankreich haben sich über die Jahrzehnte hinweg zahlreiche Probleme angestaut, deren Ursachen im Umgang der Politik und der Gesellschaft mit Migranten wurzeln und die zu einer rassistischen Haltung bei vielen Franzosen geführt haben. Bei perspektivlosen Jugendlichen, oftmals mit Migrationshintergrund, kommt es immer wieder zu Gewaltausbrüchen durch Frustration. Wer in seinen Bewerbungsunterlagen das Département 93 als Wohnsitz angibt, den Pariser sozialen Brennpunkt mit der höchsten Migrationsdichte der Stadt, hat nur eine geringe Chance auf dem Arbeitsmarkt. Im Oktober und November 2005 gipfelte die Wut vieler junger Menschen in den schweren Unruhen und Brandstiftungen in Pariser Banlieues, die sich später auch auf andere Städte ausweiteten.
Die islamistisch motivierten Anschläge auf die Mitarbeiter des Pariser Satiremagazins Charlie Hebdo im Januar 2015 lösten beachtliche Protestbewegungen für die Meinungsfreiheit aus. Aber gleichzeitig bescherte das Attentat, wie die traumatischen Terroranschläge vom 13. November, dem Front National enormen Zulauf.
Durch die jahrelangen Versäumnisse der Politik bei der Integration von Migranten kulminieren nun all diese Probleme, was bei den Menschen zu einer großen Sehnsucht nach Ablenkung und Flucht aus dem Alltag führt, die durch die humoristischen Aspekte der Komödie abgedeckt wird. Gleichzeitig existiert aber auch der Anspruch, etwas gegen die Missstände zu unternehmen, aus denen der Rassismus einerseits hervorgeht und für die er andererseits mitverantwortlich ist. Auf dieses Bedürfnis hat Frankreichs Filmindustrie mit auffallend vielen leichten Komödien reagiert, die sich das Anti-Rassismus-Programm auf die Fahne schreiben, aber von deutschen und vereinzelt auch französischen Kritikern als genaues Gegenteil davon angesehen werden. Gerade die beiden erfolgreichen Filme Ziemlich beste Freunde und Monsieur Claude und seine Töchter haben empörte Rassismus-Vorwürfe ausgelöst.

Dabei ist es genau diese permanente Übersensibilität bei der Bewertung ihrer filmischen Darstellung, die die Schwarzen, Moslems, Araber und anderen ethnischen oder religiösen Gruppen der letzten französischen Kinojahre immer wieder nur in der Rolle der vorsichtig zu behandelnden Problemfälle in den Fokus rückt und damit ihre gesellschaftliche Außenseiterposition bestätigt.


(Trailer zu Ziemlich beste Freunde von Olivier Nakaches und Éric Toledano)

In Ziemlich beste Freunde stellt der weiße, querschnittsgelähmte Philippe (François Cluzet) den schwarzen Driss (Omar Sy) aufgrund seines mitleidlosen und zwanglosen Umgangs mit seiner Behinderung als neue Pflegekraft ein, woraus eine enge Freundschaft zwischen beiden entsteht.
Dem Film wurde Rassismus vorgeworfen, da er zeige, wie ein mittelloser, gewaltbereiter Schwarzer von einem wohlhabenden, kultivierten Weißen aufgenommen und beigebracht werde, sein Leben in geregelte (weiße) Bahnen zu lenken. Gegen Ende seines Eingliederungsprozesses erkennt der Schwarze aus der Banlieue ganz selbstverständlich einen Alexandriner, das ur-französische Versmaß, und spricht von Dalís schmelzenden Uhren statt von Earth, Wind & Fire. Ein anderer Vorwurf zeichnet das Bild des "lustigen Schwarzen", dessen Aufgabe in der Unterhaltung der Weißen bestehe. Diese Anschuldigung bezieht sich vor allem auf eine Szene, in der Driss auf Philippes Geburtstagsfeier vor den Gästen ausgelassen tanzt.
Aber genau diese Argumente zeigen die Unstimmigkeit in der Rassismus-Behauptung auf. Ist es etwa nicht höchst problematisch, wenn man noch immer in jeden tanzenden Schwarzen auf der Leinwand das kolonialistische Bild des unterhaltsamen Sklaven, der seinen Herrn belustigt, hineindeutet? Diese kolonialistisch geprägten Assoziationen scheinen nach wie vor fest im Denken verankert zu sein, und es wird übersehen, dass der Tanz in der afrikanischen Kultur schon immer ein zentrales Element gewesen ist.
Das Verhältnis zwischen dem Herrn und dem Sklaven war durch Abgrenzung, Marginalisierung und Ausbeutung gekennzeichnet. Hingegen werden in Ziemlich beste Freunde Philippe und Driss in der Szene auf Augenhöhe inszeniert, die Kamera fängt Driss sogar teilweise aus einer leichten Untersicht ein. Die anderen Geburtstagsgäste werden von seiner guten Laune angesteckt und begeben sich nach und nach auf die Tanzfläche, um mit ihm zu tanzen. Es handelt sich hier also um ein Miteinander, das Gegenteil des abgrenzenden Verhaltens im Kolonialismus-Zusammenhang. Das unaufhörliche paranoide Rassismus-Deuten der Inszenierung von Schwarzen in den Komödien reduziert die Figuren auf ihr Schwarz-sein und die Bilder, die leider immer noch damit verbunden werden.
Durch das ständige Belangen der Geschichte des Kolonialismus erhält man Vorurteile und Außenseiterpositionen am Leben, erinnert immer wieder an sie, anstatt sie zu überwinden und einen normalen Umgang zuzulassen. Das Individuum mit seinen persönlichen Charakterzügen tritt in den Hintergrund, es wird nur nach ethnischer und sozialer Zugehörigkeit bewertet. Das Festbeißen an der Konstellation des armen Schwarzen, der vom Weißen gerettet wird, ist schlichtweg nicht korrekt, da Driss genauso Philippe rettet.


(Trailer zu Monsieur Claude und seine Töchter von Philippe de Chauveron)

Monsieur Claude und seine Töchter erzählt von einem französischen Ehepaar, das daran verzweifelt, dass jede seiner vier Töchter einen Mann mit Migrationshintergrund heiratet. Der Film karikiert die Rassismus-Problematik an sich und führt vor, wie unreflektiert mit Klischees und Vorurteilen umgegangen wird. Dass die Komödie selbst mit Stereotypen arbeitet, die hauptsächlich über ihre Herkunft oder religiöse Identität definiert werden, ist daher nur plausibel. So ist der chinesischstämmige Schwiegersohn Chao (Frédéric Chau) der asiatischen Kampfkunst mächtig und arbeitet als Banker, während der jüdische Schwiegersohn David (Ary Abittan) eifrig an seinen Geschäftsideen feilt. Es wird hier vorausgesetzt, dass dem Zuschauer die Vorurteile bekannt sind und er sie automatisch beim Betrachten des Films abruft. Jedoch geht die Komödie nicht offensichtlich gegen die Klischees vor, sondern eignet sie sich an, um sie mit den eigenen Waffen zu schlagen und ihre Absurdität auszustellen. Der Film macht keine Witze über die religiöse oder ethnische Zugehörigkeit, sondern über die Lächerlichkeit der Stereotypisierung.
Bei einem gemeinsamen Essen erzählt Claude (Christian Clavier), dass in Barbès kein einziger Franzose auf der Straße gewesen sei. "Woher willst du das wissen, hast du die Leute nach ihren Papieren gefragt?", entgegnet der algerischstämmige Rachid (Medi Sadoun). Später werden der jüdische, der muslimische und der chinesischstämmige Schwiegersohn gemeinsam die Marseillaise singen. Der Film trifft eindeutig die Aussage, dass die Zugehörigkeit zu einem Land sich nicht über Herkunft, Hautfarbe oder Konfession bestimmen lässt.

Somit liegt die Gefahr der französischen Feel-Good-Movies nicht etwa in einer rassistischen Haltung, sondern in der Verharmlosung des Rassismus-Problems. Es wird niemals unangenehm für den Zuschauer, die Komödien bleiben immer leicht verdaulich, angenehm und lustig. Sie vermitteln dem Kinopublikum das Gefühl, nicht akut von den Problemen betroffen zu sein, die sich vor ihren Augen auf der Leinwand abspielen.
Bedenklich ist in diesem Zusammenhang auch, dass immer mehr Filmemacher auf den Erfolgszug der Anti-Rassismus-Komödie aufspringen. Das muntere Ausschlachten dieser Thematik führt zu einer automatischen Abstumpfung und bei manchen Zuschauern sogar schon zu Überdruss bezüglich der Rassismus-Angelegenheit. Dadurch treten die Aktualität des Themas und sein Bezug zur Wirklichkeit nach und nach in den Hintergrund.


(Bild aus Mademoiselle Hanna und die Kunst Nein zu sagen, Copyright: X-Verleih)

Auch Mademoiselle Hanna und die Kunst Nein zu sagen greift das Sujet des Rassismus und der Randgruppen auf. Dabei scheint Baya Kasmi mit Co-Drehbuchautor Michel Leclerc jedoch nach einer Liste der beliebtesten Randgruppen des aktuellen französischen Kinos vorgegangen zu sein. So finden wir algerische Muslime neben Prostituierten, außerdem eine schwarze Prostituierte, eine alte Dame, eine Chinesin und eine Transsexuelle. Sogar eine Person im Rollstuhl rollt uns zum Schluss noch kurz über den Weg. Dieses gewollte Einbeziehen wirkt leider allzu plakativ, übermotiviert und wild zusammengewürfelt.

Hanna (Vimala Pons) leidet unter dem Nettigkeits-Syndrom und schläft aus Mitleid mit allen Männern, die sie verletzt hat. Die freizügige junge Frau ist wie die Regisseurin Tochter eines emigrierten Algeriers und einer Französin. Auf eine harte Probe wird ihre Hilfsbereitschaft gestellt, als sie für eine Nierenspende für ihren Bruder Hakim (Mehdi Djaadi) infrage kommt. Dieser ist ein streng gläubiger Moslem und hat sich mit seiner Schwester zerstritten.

Die dramatische Komödie erfüllt alle Erwartungen und arbeitet nach dem gängigen Prinzip "mit viel Humor gegen Rassismus". So kann der gläubige Moslem für seine Frau in einer Halal-Abteilung im Supermarkt neben vielen anderen Produkten mit Halal-Siegel ein Kopftuch mit integrierter Handytasche kaufen.
Nach und nach wird ein folgenschweres Ereignis aus Hannas Kindheit aufgedeckt und die Komödie schlägt einen ernsteren Ton an. Das wilde Zusammenwürfeln von marginalisierten Bevölkerungsgruppen in diesem Film ist zwar schwer zu toppen und das Verflechten von Randgruppen unbeholfen, dafür erfolgt aber die Aufarbeitung von Hannas Vergangenheit differenziert und unaufgeregt.


(Trailer zu Mademoiselle Hanna und die Kunst Nein zu sagen von Baya Kasmis)

Der Hang zum munteren Kombinieren scheint sich durch den gesamten Film zu ziehen, denn auch die Themen und Ansichten werden wild gemischt, von weiblicher Sexualität über Prostitution bis zu Religion und Migration, das Register von Mademoiselle Hanna ist bunt. Nur durch die sympathischen und liebenswerten Figuren und ihre überzeugenden Darsteller, an denen der Zuschauer sich festhalten kann, wirkt der Film nicht völlig überfrachtet.

"Sie ist intelligent und aufgeweckt. Was soll sie denn dort machen? Hier wäre sie viel glücklicher", sagt Hannas Vater (Ramzy Bédia) und meint damit Hakims Tochter, als dieser mit Frau und Kindern nach Algerien zieht. In der Darstellung Algeriens ist keine klare Haltung zum Land erkennbar. Als Hakims Familie jedoch dort ankommt, ist ihr neues Heim eine Bruchbude und seine Frau beginnt, aus Angst um ihre Zukunft zu weinen. Hakim wird als sturer Dickkopf inszeniert, der für die Entscheidung, Frankreich zu verlassen, bestraft wird. Somit nimmt das Langfilm-Erstlingswerk der aus der zweiten maghrebinischen Einwanderergeneration stammenden Regisseurin eine deutlich patriotischere Haltung ein als ihre Vorgänger. Unter der fröhlichen Oberfläche kommt die innere Zerrissenheit einer Generation von Menschen mit Migrationshintergrund zum Vorschein. Kasmis Komödie ist gefällig und lustig, überrascht gelegentlich mit Tiefgang, wartet aber mit zu vielen Themen und Ansichten auf, sodass sie sich letztendlich darin verliert. Mademoiselle Hanna und die Kunst Nein zu sagen bleibt dabei der momentanen Mode der Feel-Good-Movies à la française verhaftet und profitiert davon.

Das große Problem der französischen Anti-Rassismus-Komödie liegt in ihrem Potential, die Schwierigkeiten zu verharmlosen, die Frankreich in der Realität mit Rassismus hat. Der Zuschauer kann sich bequem in den Kinosessel fallen lassen und sich prächtig amüsieren, ganz passiv anti-rassistisch. Das gängige Muster sieht fast immer ein Happy End für ihn vor: Alle sind versöhnt und die Welt ist wieder heil. Die Thematisierung von Rassismus in den französischen Komödien heilt die nationalen Wunden aber nicht, sondern verdeckt sie bloß.

(Mara Mattausch)